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«Eine Nierensteinkolik vergisst man nie»

Nierensteine sind zum grossen Teil eine Wohlstandserkrankung. Das Leiden, das höllische Schmerzen verursachen kann, nimmt entsprechend zu. Der Luzerner Urologe Philipp Baumeister beantwortet die wichtigsten Fragen.
Interview: Hans Graber
Welche Therapie zum Zuge kommen soll, muss immer gut abgewogen werden: Oberarzt Philipp Baumeister (r.) und Urologie-­Chefarzt Hansjörg Danuser sind Spezialisten im Nierensteinzentrum des Luzerner Kantonsspitals. (Bild: pd)

Welche Therapie zum Zuge kommen soll, muss immer gut abgewogen werden: Oberarzt Philipp Baumeister (r.) und Urologie-­Chefarzt Hansjörg Danuser sind Spezialisten im Nierensteinzentrum des Luzerner Kantonsspitals. (Bild: pd)

Nierensteine haben den Ruf, dass sie Schmerzen auslösen können, die alle anderen Schmerzen an Heftigkeit übertreffen. Ist das so?

Ja, die wellenförmig und plötzlich auftretenden Koliken sind meist sehr stark. Wer einmal eine Nierensteinkolik hatte, vergisst diese nie wieder.

Wo genau treten die Schmerzen auf?

Der anfängliche Flankenschmerz in den hinteren seitlichen Bauchregionen kann sich in Abhängigkeit vom Absinken des Steins verändern und in den Bereich des Unterbauches, der Leiste und des Genitals ausstrahlen. Dies kann in Notfallsituationen auch zu einer verzögerten oder sogar falschen Diagnosestellung führen.

Kann der Stein beim Absinken auch stecken bleiben?

Ja, auf dem Weg von der Niere in die Blase können drei natürliche Engstellen im Harnleiter für ein Steckenbleiben sorgen. Welcher Stein wo stecken bleibt, ist abhängig von Grösse und Form. Alle Steine haben ihren Ursprung in der Niere; wenn er im Harnleiter stecken bleibt, nennt man ihn dann Harnleiterstein.

Sind Nierensteine immer mit Schmerzen verbunden?

Nein. Die Lage des Steines im Harntrakt entscheidet über die Schmerzen und ­deren Ausstrahlung. Vereinfacht gesagt führt ein Stein erst dann zu Beschwerden, wenn er den Abfluss des Urins aus der Niere verhindert. Deshalb sind in über 90 Prozent der Fälle Harnleitersteine für die Symptome verantwortlich und nicht der sich noch in der Niere befindliche Stein. Fällt ein Harnleiterstein wieder zurück in die Niere oder passiert er eine der Engstellen, kann nach einer Episode von Nierenkoliken auch eine vollständige Schmerzfreiheit eintreten.

5 bis 10 Prozent betroffen

Nierensteine sind kristalline Ablagerungen, die sich aus Bestandteilen des Urins bilden. Sie sind unterschiedlich zusammengesetzt und haben auch unterschiedliche Formen. Einige sind so klein wie Reiskörner, andere sind mehrere Zentimeter gross. Nierensteine treten meist einseitig auf.

Von Nierensteinen betroffen sind im Laufe ihres Lebens etwa 5 bis 10 Prozent der Schweizer. Das Verhältnis Männer:Frauen beträgt 3:1. Ab etwa 30 Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit zu.

Gibt es weitere mögliche Symptome?

Harnsteine können zusätzlich sichtbare Blutungen im Urin auslösen und zu einer schmerzbedingten Übelkeit mit Erbrechen führen. Steine, die unmittelbar vor der Blase liegen, können zusätzlich Harndrangsymptome verursachen. Bei langer, hochgradiger Abflussbehinderung kann eine Funktionseinschränkung bis hin zum vollständigen Funktionsausfall der betroffenen Niere eintreten.

Was passiert bei Koliken?

Wegen der Intensität der Schmerzen begeben sich die meisten Patienten umgehend in ärztliche Behandlung. Zunächst wird medikamentös versucht, die Schmerzen zu beseitigen oder zumindest zu lindern. Oft führen die Schmerzen zu starker Übelkeit, so dass Medikamente über die Vene verabreicht werden, um schnell zu wirken. Kann keine Schmerzfreiheit erreicht werden oder liegt eine Abflussbehinderung von infiziertem Urin vor, muss gehandelt werden.

Weshalb?

Die Kombination aus infiziertem Urin und erhöhtem Druck in der Niere kann für den Übertritt von Bakterien ins Blut führen und eine lebensgefährliche Blutvergiftung auslösen (Urosepsis). Das Mittel der Wahl ist in diesen Fällen eine Harnableitung durch eine Harnleiterschienung (DJ-Katheter) oder einen Katheter, der durch die Haut in die Niere (perkutane Nephrostomie) gelegt wird. Die eigentliche Steinbehandlung erfolgt dann meist in einem zweiten Schritt.

Warum bilden sich eigentlich Steine?

Nierensteine sind zum grossen Teil eine Wohlstandserkrankung. Die Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit für ein Auftreten ist in den letzten Jahren angestiegen. Gründe dafür scheinen veränderte Essgewohnheiten, Gewichtszunahme und Abnahme von Bewegung zu sein.

Gibt es zusätzliche Risikofaktoren?

Ja, neben einer genetischen Veranlagung und Erbkrankheiten sind unter anderem verminderte Knochendichte, Bewegungsmangel, anatomische Besonderheiten und Harnwegsinfektionen ein Risiko. Der häufigste Grund ist aber eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme.

Also viel trinken?

Genau, die generelle Empfehlung lautet, dass pro Tag mindestens 2 Liter Urin ausgeschieden werden können. Das heisst, man sollte zusätzlich zu der in der Nahrung enthaltenen Flüssigkeit etwa 2,5 bis 3 Liter zu sich nehmen, über 24 Stunden verteilt. Am besten in Form von Hahnen- oder Mineralwasser, eher kontraproduktiv sind Schwarztee, Eistee und Kaffee.

2,5 bis 3 Liter sind sehr viel.

Das stimmt. Wer sich schwer tut damit, sollte darauf achten, nicht nur am Morgen und am Abend viel zu trinken, sondern schön verteilt über den ganzen Tag.

Gibt es Warnzeichen vor einer Kolik?

Nein.

Kann man Nierensteinen vorbeugen, etwa mit der Ernährung?

Ja, das ist immer die erste Empfehlung, die wir abgeben. Bei der häufigsten Steinart, dem Kalziumoxalatstein, sollte man auch die Trinkmenge etwas erhöhen. Eher meiden sollte man auslösende Ursachen wie Salz und oxalathaltige ­Lebensmittel (Schokolade, Erdnüsse, Rhabarber, Spinat, Spargeln). Vermehrt zu sich nehmen sollte man ursachenhemmende Lebensmittel. Das sind solche, die Kalzium und Citrat enthalten.

Müssen Nierensteine in jedem Fall therapiert werden?

Ist die Infektion des Harnsystems ausgeschlossen und der Patient durch eine geeignete Medikation schmerzfrei, kann auf eine notfallmässige Harnableitung verzichtet und die weitere Behandlung dem Stein angepasst werden.

Und was heisst das konkret?

Steine bis zu einer Grösse von 5 mm gehen in 70 Prozent der Fälle innerhalb von zwei bis sechs Wochen spontan ab und bedürfen neben einer medikamentösen Therapie nur regelmässiger Kontrollen. Steine, die grösser als 5 mm sind, gehen lediglich zu 50 Prozent innerhalb von drei Wochen ab und sollten primär aktiv angegangen werden. Aber auch dort gilt: Je weiter ein Stein über den Harnleiter in Richtung Blase gewandert ist, desto wahrscheinlicher ist ein spontaner Steinabgang.

Was ist entscheidend für die Wahl der Therapie?

Lage, Grösse und Dichte des Steines ­sowie patientenspezifische Kriterien. Teils kann es sinnvoll sein, auch Steine zu entfernen, die kleiner sind, etwa vor Reisen in entlegene Länder mit bescheidener medizinischer Versorgung. Und eine Berufsgruppe, die keine Nierensteine haben darf, sind beispielsweise Piloten. Diese werden bei dieser Diagnosestellung mit einem Berufsverbot belegt.

Kann man Steine medikamentös auflösen?

Ja, Harnsäuresteine. Die Therapie besteht darin, den pH-Wert des Urins in einen Bereich zu bringen, in dem sich diese Steine auflösen. Nicht selten benötigen diese Patienten aber lebenslänglich Medikamente. Häufiger als Harnsäuresteine sind andere Steine, für die uns drei aktive Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen (siehe Kasten).

Wie gross ist die Gefahr, dass nach der Therapie erneut Steine auftreten?

Das Rezidivrisiko ist leider hoch. Nach 5 Jahren zeigen 40 Prozent und nach 20 Jahren 75 Prozent der Patienten eine erneute Steinbildung.

Gibt es neue Therapie-Trends?

Mit der Verbesserung der endourologischen Geräte und dem Einzug der Lasertechnologie zeigt sich ein zunehmender Trend zur Harnleiterspiegelung ab. Die Behandlungszahlen der Steinzertrümmerung sind rückläufig. Zudem hat sich durch die digitale Bildtechnologie die Qualität der Behandlung wesentlich verbessert, und die Lasertechnologie ermöglicht nicht nur eine Zerkleinerung und Entfernung, sondern sogar Pulverisierung von Steinen. Der Vorteil ist, dass Blutverdünnungsmedikamente nicht mehr abgesetzt werden müssen.

Dr. med. Philipp Baumeister, Facharzt für Urologie FMH, ist Oberarzt an der Klinik für Urologie im Luzerner Kantonsspital.

Die drei Methoden der operativen Steinentfernung

Zertrümmerung: Der meist ambulant durchgeführte Eingriff heisst in der Fachsprache extrakorporale Stosswellenlithotripsie (ESWL). Dabei wird der Stein in Kleinstfragmente zertrümmert, die später spontan abgehen sollen. Sie bietet den Vorteil eines relativ wenig invasiven und deshalb risikoarmen Eingriffs. Je nach Lage, Grösse und Zusammensetzung des Steines können mehrere ESWL-­Behandlungen erforderlich sein.

Harnleiter-/Nierenspiegelung (Ureterorenoskopie URS): Unter Narkose oder Betäubung wird das optische Instrument über die Harnröhre in die Blase eingeführt und dann durch die Mündung des Harnleiters bis zum Stein vorgeschoben. Kleinere Steine können gefasst und entfernt werden. Grössere werden mit Stosswellen, hydraulisch, mechanisch oder mit Ultraschall zerkleinert, so dass sie auf natürlichem Weg abgehen können. Der Eingriff wird entweder ambulant oder stationär (1–2 Übernachtungen) vorgenommen. Die Harnleiter-/Nierenspiegelung ist ein invasiverer Eingriff als die Zertrümmerung, in geübten Händen aber ungefährlich, und sie hat eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit für eine Steinfreiheit.

Perkutane Nierensteinentfernung (perkutane Nephrolitholapaxie PNL): Sie ist die invasivste, aber auch gründlichste der drei Methoden. Die Nierensteinentfernung über einen Hautschnitt bleibt grossen Nierensteinen vorbehalten. Durch die Miniaturisierung der Instrumente ist heute aber möglich, je nach Steingrösse den Kanal durch das Nierengewebe von ursprünglich 10 mm auf heute 3,2 mm zu reduzieren. Dieser Eingriff bedarf einer geübten Hand und im Spital einer regelmässigen Routine. Für den Eingriff muss mit einem Spitalaufenthalt von 4 bis 7 Tagen gerechnet werden.

Hinweis Das Nierensteinzentrum des Luzerner Kantonsspitals ist die wohl grösste Anlaufstelle für die Behandlung von Zentralschweizer Steinpatienten. Die Zahl der stationären Spitalaufenthalte aufgrund von Harnsteinleiden stieg in der gesamten Zentralschweiz von 2010 bis zu 2015 von 700 auf 1000.

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