Mama und Papa als Idol: Eltern sind Vorbilder – ob sie wollen oder nicht

Die Eltern eines Kindes sind ein Vorbild. Aber: Sie müssen deswegen weder perfekt sein, noch dauernd im Vorbildstatus verharren.

Caren Battaglia/Wir Eltern
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Eltern sind immer Vorbilder für ihre Kinder. Aber Kinder erleben ihre Eltern als Gesamtpaket und wählen sich bestimmte Dinge aus.

Eltern sind immer Vorbilder für ihre Kinder. Aber Kinder erleben ihre Eltern als Gesamtpaket und wählen sich bestimmte Dinge aus.

Bild: Shutterstock

Was dem einen Ghandi, ist dem anderen Bob der Baumeister. Es kann aber auch Oma sein, wegen ihres grossen Herzens. Kim Kardashian, nicht wegen ihres grossen Herzens. Pippi Langstrumpf, der Lehrer oder Holger, der Freund aus Schülertagen. Nach dem eigenen Vorbild befragt, kommen die buntesten Antworten. Doch fast ebenso oft kommt ein abweisendes: «Vorbild? Hab ich nicht» oder «So was brauch ich nicht».

Doch kann das stimmen? Kann der Mensch überhaupt lernen, ohne sich an anderen Personen zu orientieren, sie zu bewundern, zu imitieren und nachzuahmen? Nein, kann er nicht.

Mag es auch wunderbar klingen, sich die eigene Identität lediglich aus den Tiefen des Selbst zusammengeklöppelt zu haben, falsch ist es dennoch. Denn der Mensch ist ein nachahmendes Tier. Lernen am Modell – anders geht es nun mal nicht, das Heranwachsen. Primaten haben deshalb sogenannte Spiegelneuronen. Diese Nervenzellen im Gehirn sorgen dafür, dass kleine Äffchen die Zunge herausstrecken, wenn man es ihnen vormacht und auch dafür, dass Gähnen ansteckend ist. Beobachtetes Verhalten wird gespiegelt, daher der Name. Ohne den angeborenen Mechanismus: Hinschauen, abgucken, nachmachen – kein Sprechen- und Laufenlernen, keine Empathie, keine Werte, keine Entwicklung.

Und das ist die Krux für Mütter und Väter

Ob sie wollen oder nicht, sie sind die ersten Vorbilder ihrer Kinder. Es ist genau wie mit Paul Watzlawicks zu Tode zitiertem Satz «Man kann nicht nicht kommunizieren». Eltern können nicht nicht Vorbild sein. Man ist es.

Auch wenn man gerade nicht vorbildlich ist. Ich zum Beispiel bin, na, nennen wir es «mitteilsam», rege mich mit Vergnügen auf und explodiere beim Erziehen schon mal in den schillerndsten Farben. Temperamentvoll, sagt man dazu wohl. Meine Tochter dagegen ist ruhig und gelassen. Ein Fels in der Brandung. Weltuntergänge perlen an ihr ab. Wie kann das sein? Von mir hat sie das nicht. Vom Vater auch nicht. Aber müssen Eltern überhaupt immerzu gute Vorbilder sein? Hat ein Bild ohne Schatten nicht einfach keine Tiefe?

«Zum Glück funktioniert Transmission nicht so simpel», beruhigt Peter Rieker, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Zürich. «Das wäre ja schlimm, wenn Mütter und Väter perfekt sein müssten.» Vielmehr, erklärt er, sehe und spüre ein Kind von Anfang an das Gesamtpaket, an dem es sich orientieren und aus dem es selbständig auswählen würde. Was davon jedoch genau die Aufmerksamkeit weckt, welcher Aspekt des Gesehenen interessant erscheint, positiv bewertet und gegebenenfalls nach­geahmt wird, das ist unwägbares Gelände. Einfluss allerdings hat, wie gross die Nähe zum Modell ist, wie stark die Sympathien, wie erfolgreich das beobachtete Verhalten.

Vorbilder müssen auch ein bisschen ähnlich sein

Deshalb ist ein Idol, ein Held oder eine Ikone etwas anderes als ein Vorbild. Der Held steht unerreichbar auf einem Sockel, Idol und Ikone werden aus der Ferne angeschwärmt. Sie sind grandios. Fehler haben sie nicht. Besser gesagt, die kennt man nicht. Wer weiss schliesslich, ob Shaqiri schnarcht, Mark Zuckerberg leere Craft-Beer-Dosen sammelt oder Kylie Jenner ohne Photoshop und Schminke gar nicht aussieht wie Kylie Jenner.

Bei Vater, Trainerin, Klassenkameradin und Opa hat man meist schon entdeckt, dass sie tatsächlich menschliche Schwächen haben wie man selbst. Und partielle Ähnlichkeit ist ein wichtiges Kriterium für die Wahl eines Vorbilds. Zumindest ab einem gewissen Alter.

Die Influencer von jetzt er­setzen die Boygroups von einst

Mädchen und Jungen zwischen 6 und 13 Jahren nennen, laut KIM-Studie des «Medienpädagogischen Forschungsverbandes», noch zu 39 Prozent Film- und Fernseh-Stars als Vorbild. Bei Teenagern sieht es schon anders aus. In einer repräsentativen Umfrage des Geschichtsmagazins «PM History» nannten 65 Prozent der Teenager ihre Mutter oder ihren Vater als wichtigstes Vorbild, gefolgt, mit 58 Prozent, von «Freunden». Unter jungen Erwachsenen sind sogar 73 Prozent Fans von Mama und Papa.

Heisst das, dass Eltern sich zurücklehnen können? Nicht unbedingt. Denn der überschaubare Kokon der Familie bricht spätestens mit sechs Jahren auf. Dann kommen die Freunde dazu, genauer: erstmals erwacht der Wunsch, von diesen Gleich­altrigen gemocht und akzeptiert zu werden.

Heute sind die Idole ihrer Kinder den Eltern meist völlig unbekannt. Wofür sie stehen, auch. Die Influencer von jetzt er­setzen die Boygroups von einst. 60 Prozent der Schweizer über 13 Jahren, so eine Untersuchung der Universität Luzern, sucht aktiv im Netz nach Influencer-Videos, der Rest stolpert mehr oder weniger freiwillig darüber.

Influencer als Vorbild-Konkurrenz

«Influencer sind extrem einfluss­reiche Vorbilder für Teenager», sagt die Psychologin Melanie Clegg. Warum? Weil sie wie beste Freunde sind: etwa gleich alt, per Smartphone stets verfügbar, man kann ihnen schreiben, kommentieren, was sie tun, sie wirken nah und vertraut. Schliesslich darf man ­ihnen zuweilen beim Zähne­putzen oder Aufwachen, beim Kochen, Basteln oder Ferien machen zusehen. Undenkbar noch vor einer Generation. Bowie im Bad? Nie gesehen.

Und wie sollen nun Eltern auf die Vorbild-Konkurrenz im Netz reagieren? «Interesse zeigen», empfiehlt Eveline Hipeli, Medienpädagogin an der PH-Zürich. «Mit dem Kind im Gespräch bleiben über das, was sie sich anschauen. Das geht allerdings nur, wenn Mütter und Väter nicht ständig Handy, Youtube und all die anderen Online-Kanäle verteufeln.» Und vielleicht, weil so beispielhaft aufgeschlossen, tolerant und interessiert, strahlt dann wieder, tataaa! Mutters Stern am Vorbild-Himmel, und . . . – Reaktion der Tochter: «Vergiss es, Mama. Lieb hab ich dich trotzdem.» Immerhin.

HINWEIS:
Dieser Text ist stark gekürzt. Der ganze Artikel findet sich hier.