Englands romantischer Südwesten

Cornwall und Devon locken mit verlorenen Gärten, steilen Klippen und imposanten Herrenhäusern, in denen Nachfahren von Wilhelm dem Eroberer wohnen. Und wo Rosamunde Pilchers Fernsehgeschichten spielen.

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Das Herrenhaus Prideaux Place war Filmkulisse für mehrere Rosamunde-Pilcher-Filme. (Bild: Geraldine Friedrich)

Das Herrenhaus Prideaux Place war Filmkulisse für mehrere Rosamunde-Pilcher-Filme. (Bild: Geraldine Friedrich)

 

Text und Bilder Geraldine Friedrich

An hellgrauen Granitwänden rankt sich Efeu empor, oben begrenzen viereckige Zinnen die Aussenmauer, das bescheiden als Prideaux Place bezeichnete Herrenhaus wirkt wie eine Burg. Das Anwesen in der Nähe des Fischerörtchens Padstow im Norden Cornwalls ist lebendige Geschichte, Filmkulisse und imposantes Wohnhaus zugleich.

Sir Nicholas Prideaux liess es 1592 erbauen, von oben betrachtet hat es die Form eines E, eine Hommage an die damalige Königin Elizabeth I. Filmkulisse ist es, weil dort das ZDF allein 2011 vier Rosamunde-Pilcher-Filme gedreht hat. Deshalb führt Elke Tanner, eine Freiburgerin, die seit 1999 in Cornwall lebt, deutschsprachige Touristen durch das urige Gemäuer: Sie alle wollen sehen, wo Dramen wie «Verlobt, verliebt, verwirrt» oder «Der gestohlene Sommer» gedreht wurden.

Söhne heiraten Frauen mit Geld

Prideaux Place ist aber auch eindrucksvoll für Besucher, die sich nicht für bemüht englisch agierende deutsche Schauspieler interessieren. In dem Haus wird nämlich noch gewohnt. Der derzeitige Hausherr heisst Peter Prideaux-Brune, ist ein direkter Nachfahre von Wilhelm dem Eroberer und lässt die Besucher sogar in seine Wohngemächer. Dazu gehören eine prächtige Bibliothek mit über 6000 Büchern und Fenstern, welche die Wappen der «eingeheirateten Frauen» zeigen. Im Frühstückszimmer zeugt ein hundeförmiges Telefon samt dickem Knochen als Hörer von einer gewissen Exzentrik.

Den Prideaux-Brunes gehört einer der ältesten Damwildherden Englands. Doch weder Geld noch Stammbaum schützen vor Zeugungsverlusten: Erst im vergangenen Herbst verausgabte sich einer von drei weissen Hirschen während der Brunftzeit so sehr, dass er an den Folgen seines Fortpflanzungstriebs starb. Keine gute Nachricht, wenn man bedenkt, dass das Familienglück der Prideaux unmittelbar an den Bestand der Herde gekoppelt ist: Stirbt sie aus, besagt eine Legende, gehts auch mit der Familie bergab. Umso gezügelter verläuft daher die Familienplanung der Familie. Die Tatsache, dass das 81 Zimmer grosse Haus samt üppigem Umschwung immer noch der Familie gehört, sei alleine der «pragmatischen Heiratspolitik» zu verdanken: Die Söhne, insbesondere die Erstgeborenen, heirateten immer Frauen mit Geld.

Der Banker im Garten

Stoff für ein Melodram gäbe die Geschichte der Gärtner der Lost Gardens of Heligan, eines riesigen, leicht verwilderten Gartens in der Nähe von St Austell. Von den 22, die in den Ersten Weltkrieg zogen, kehrten nur 8 Gärtner zurück. Darüber soll der Eigentümer Jack Tremaine so unglücklich gewesen sein, dass er 1923 aus dem Anwesen auszog. «Er hatte das Gefühl, dass die Geister der Verstorbenen immer präsent waren. Das hat er nicht ertragen», erklärt Guide Peter Lavis.

Noch immer beträgt die Zahl der Gärtner 25 und ist damit fast gleich geblieben. Heligan (dt. «Weidenbaum») gehört nach wie vor der Familie Tremaine. «Einige sind enttäuscht, wenn sie keine Schilder bei den Pflanzen finden, aber wir sind ein privater Garten, kein botanischer Garten», erklärt Lavis, der durch den Garten führt. In seinem braunen Landstil-Outfit nehmen ihm Besucher den Gärtner sofort ab, doch der Eindruck täuscht: Im früheren Leben war der 64-Jährige Banker bei Barclays in Nordengland, erst als Rentner zog er in den Süden Englands und tauschte seinen Bürojob gegen eine Arbeit an der frischen Luft.

Äpfel, Pfefferminz und Ananas

Damit sich auch Tiere in Heligan wohl fühlen, lassen die Gärtner das Laub liegen. Die «verlorenen Gärten» halten damit das, was der Name verspricht: Sie sind eine Mischung aus gepflegter englischer Gartenkultur und wildem Märchenwald. So wirken die gewundenen, teils parallel zum Boden verlaufenen Äste und Stämme der 150 Jahre alten Rhododendren mystisch. Andererseits gibt es in Heligan auch Nutzpflanzen. Neben alten kornischen Apfelsorten mit Namen wie «American Mother», «Lord Derby» und «Ellison Orange» und 13 verschiedenen Pfefferminzsorten züchten Gärtner in speziellen Gewächshäusern Ananas. Die Ernte beträgt pro Jahr 40 bis 50 Stück.

Wer am Horizont plötzlich riesige, bienenwabenartige Gebilde erblickt, der begegnet nicht etwa Ausserirdischen, die das südwestenglische Idyll erkunden wollen, sondern sieht die «Biome» des Eden Project, eines seit 2001 existierenden exotischen Gartens, der das grosse Ganze erklären will.

Eine Klimazone pro Biom

Nichts geht ohne Pflanzen, lernen Besucher in einem unterhaltsamen Zwei-Minuten-Theaterstück am Eingang: Keine Kleider, kein Gras für die Kuh, die Milch gibt, nicht einmal Vorhänge. Besagte Biome beherbergen Pflanzen aus einer bestimmten Klimazone. In einem Biom wachsen Pflanzen aus dem eher trockenen Mittelmeerraum. Eindrucksvoll demonstriert Guide Monroe Sheppard, wie unterschiedlich ein und derselbe Rosmarinstrauch duftet: Die Stelle, die alle Besucher anfassen, riecht kaum, die Pflanze ist dort stark beschädigt, weiter oben duftet der Strauch sehr intensiv. Das andere Biom führt uns in den Regenwald: Dort hängen reife Früchte an Kakaobäumen, es gibt Papayas, und es wächst auch eine gewisse «Schweizer Käsepflanze»: Sie heisst so wegen der Löcher in ihren Blättern.

Für Schwindelfreie

Nichts für schwache Nerven ist die 50 Meter hohe und nur an dünnen Drahtseilen befestigte, schwingende Aussichtsplattform. Sie eignet sich nur für Schwindelfreie, Menschen ohne Bluthochdruck und Leute, die ohne fremde Hilfe die gefühlten 300 Treppenstufen bei 25 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit hinaufkommen. Die Belohnung: nicht nur eine Panoramaaussicht auf den Regenwald, sondern auch ein naher Blick auf die Dachkonstruktion.

 

An die Steilküsten und auf die Burg von König Artus

Anreise: Flug hin und zurück ab Zürich nach London Gatwick, beispielsweise mit Easyjet ab etwa 150 Franken. www.easyjet.ch.

Ideale Reisezeit: Gut von März bis Oktober, im Sommer Hauptsaison, da auch viele britische Familien gerne an der Südwestküste Ferien machen.

Unterkunft:«The Cornwall» in Tregorrick bei St Austell eignet sich für den Besuch der Lost Gardens of Heligan und Eden Project. www.thecornwall.com
«The Headland» in Newquay eignet sich als Ausgangspunkt für den Southwest Coast Path www.headlandhotel.co.uk und liegt zudem an dem schönen Fistral Beach. In dem hübschen Seebad Sidmouth gibt «The Victoria» einen Einblick in das Leben gut situierter, älterer Briten, hier herrscht beim Dinner Krawattenzwang für die Gentlemen. www.brend-hotels.co.uk/thevictoria

Tipp: Einige Hotels wie das «The Cornwall» bieten auch Cottages für Familien an. Die Preise der Hotels variieren stark je nach Saison. In der Nebensaison sind DZ/F schon ab etwa 150 Franken zu haben.

Weitere Ausflüge: Ein Muss ist der landschaftlich wunderschöne Spaziergang entlang der steilen Klippen zwischen St Agnes und Perranporth auf dem Southwest Coast Path.
www.southwestcoastpath.com/walksdb/22.

In Plymouth lohnt sich eine geführte Tour durch die Gin-Destillerie Plymouth Gin. www.plymouthdistillery.com.

Zum Pflichtprogramm für König-Artus-Fans gehört die Burg Tintagel. Angeblich wurde Artus dort gezeugt, mit einer geführten Tour erfahren Besucher weit mehr über die interessante Geschichte des Ortes, in dem bis zu 1000 Menschen gelebt haben sollen.
www.visitboscastleandtintagel.com

Restaurants: In Newquay lockt das «Fifteen Cornwall» mit zeitgemässer Küche und Meerblick, www.fifteencornwall.co.uk. In Plymouth schmeckt es im «Barbican Kitchen», direkt neben der Gin-Destillerie. www.barbicankitchen.com

Reiseliteratur: «Cornwall & Devon» von Ralf Nestmeyer, Verlag Michael Müller, 288 Seiten, mit herausnehmbarer Karte, 4. Auflage 2014, Fr. 24.90.

Allgemeine Informationen: bei den Fremdenverkehrsämtern Visit Cornwall, www.visitcornwall.co.uk, und Visit Devon, www.visitdevon.co.uk.

Die Bibliothek des jetzigen Hausherrn von Prideaux Place umfasst 6000 Bücher. (Bild: Geraldine Friedrich)

Die Bibliothek des jetzigen Hausherrn von Prideaux Place umfasst 6000 Bücher. (Bild: Geraldine Friedrich)

Lost Gardens of Heligan: Die «verlorenen Gärten» sind eine Mischung aus gepflegter englischer Gartenkultur und wildem Märchenwald. (Bild: Geraldine Friedrich)

Lost Gardens of Heligan: Die «verlorenen Gärten» sind eine Mischung aus gepflegter englischer Gartenkultur und wildem Märchenwald. (Bild: Geraldine Friedrich)

Nur für gute Nerven ist die schwingende Aussichtsplattform des Eden Project. (Bild: Geraldine Friedrich)

Nur für gute Nerven ist die schwingende Aussichtsplattform des Eden Project. (Bild: Geraldine Friedrich)

Sonntagsspaziergang – ein elisabethanisch gekleidetes Paar in der Innenstadt von Plymouth. (Bild: Geraldine Friedrich)

Sonntagsspaziergang – ein elisabethanisch gekleidetes Paar in der Innenstadt von Plymouth. (Bild: Geraldine Friedrich)