Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kolumne

Entertainment statt Engagement

Claudia Lässer

Aktuell könnte ich jeden Tag eine Kolumne schreiben, nicht zuletzt weil meine Rubrik «Unkommod» heisst. Die Doppelbürger-Diskussion des Schweizer Fussballverbandes, Trumps Handelskrieg mit China, Federers neue Kleidermarke, die neuen Smartphones haben bald ein fast ganz randloses Display und Cem macht Schluss mit Adela. Zu allem könnte ich eine Meinung haben. Aber, ich sag’s Ihnen ganz ehrlich, ich kann nicht.

Jeden Tag fluten uns Medien mit Meldungen. Leitsatz scheint zu sein «de Schnäller isch de Gschwinder». So swipen, scrollen oder klicken wir uns im Bus von Volketswil nach Schwerzenbach von der Fussball-WM in Russland ins Flüchtlingsdrama im Mittelmeer. Dem Internet sei Dank. Dem Internet sei auch Dank für meine neuen Turnschuhe, die ich mir online bestellt habe und den neuen Salattrend auf Instagram. Den hab’ ich geliked, den Salat. Die Fl̈üchtlinge im Mittelmeer nicht. Für die habe ich das «angry face» auf Facebook gewählt.

Ich hab schliesslich eine differenzierte Meinung und bin da voll dagegen.

Nein, habe ich nicht. Ich habe keine differenzierte Meinung dazu. Auch nicht zu den meisten anderen Themen, welche die Newsportale ausspucken. Sie? Zu Syrien zum Beispiel? Sie können mir erklären, wie Sunniten, Alawiten, Schiiten, Christen und Kurden, Iran, Hisbollah, Russland, die Vereinigten Staaten, Türkei, Frankreich und Grossbritannien verstrickt sind und wer wem was und warum? Ich kann’s nicht. Manchmal sitze ich an Sitzungen und muss für fünf Leute einen Konsens finden und das ist schon alles andere als einfach.

Ich wundere mich einfach. Ich wundere mich über die vielen, vielen Meinungen in den vielen, vielen Kommentarspalten und die Diskrepanz zwischen virtuellem und realem Engagement. Das weckt in mir den Verdacht, dass das virtuelle Engagement eigentlich nur Entertainment ist. Trump zum Beispiel. Seit seiner Wahl zum Präsident verbeissen wir uns in seinem Auftreten, seinen Fehltritten, seinen Affären, seinen Tweets. Ist ok, wir haben’s begriffen, wir finden den doof. Und jetzt? Weiter geht’s. Don’t feed the flame.

Auch klar ist, dass das normale Leben zwischen Milchkasten und Babybrei halt nicht immer so entertaining ist. Aber es ist Ihr Leben und das können Sie selber gestalten. Wie toll ist das! Und wenn man das gemacht hat, kann man in seinem direkten Umfeld etwas tun. Wann haben Sie den pensionierten Nachbarn zum letzten Mal gesehen?

Wie geht’s ihm? Haben Sie dazu auch eine Meinung? Haben sie bei ihm mal geklingelt, statt etwas zu liken.

Am Stammtisch wird über fehlenden Fussballnachwuchs gewettert? Gehen Sie die Kids trainieren am Samstagvormittag. Ja, es wird wahrscheinlich genau dann regnen. Aber wenn die Kids gewinnen, ist das grösser als WM.

Entertaining muss sein, aber lassen Sie sich nicht verrückt machen. Sonst könnte man noch den Verdacht haben, sie wollen abgelenkt werden. Was unweigerlich die Frage zur Folge hätte – wovon?

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.