Religion
Junge Muslima sagt: «Die typische Konvertitin gibt es nicht»

Selma Zoronjic, eine Muslima aus Luzern, hat eine herausragende Maturaarbeit über Konvertitinnen geschrieben. Dafür erhält sie nun den Maturapreis 2021 der Universität Fribourg.

Benno Bühlmann
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Die Arbeit der 18-jährigen Luzerner Maturandin Selma Zoronjic hat ihr den Maturapreis 2021 eingebracht.

Die Arbeit der 18-jährigen Luzerner Maturandin Selma Zoronjic hat ihr den Maturapreis 2021 eingebracht.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 7. Feb. 2021)

«Ich konnte es zuerst fast nicht glauben, als ich die E-Mail der Universität Fribourg las», erzählt Selma Zoronjic. Es ist noch nicht lange her, seit der Dekan der Theologischen Fakultät der 18-jährigen Maturandin der Kantonsschule Alpenquai in Luzern die Nachricht übermittelte, dass sie für ihre Maturaarbeit mit dem Maturapreis 2021 ausgezeichnet werde. In ihrer ungewöhnlichen Arbeit mit dem Titel «Der Glaube in meinem Herzen» untersuchte sie die Beweggründe von insgesamt neun Frauen, welche vom Christentum zum Islam konvertierten.

Wie kam sie zu diesem Thema? Selma, deren Eltern aus Montenegro stammen, betont, dass sie «nicht fromm» sei, aber stets ein grosses Interesse an Religionen und Kulturen hatte. Fasziniert war sie auch von der Frage, wie man überhaupt auf den Gedanken kommt, die eigene Religion zu hinterfragen. Hinzu kam der Umstand, dass der Islam in den Medien tendenziell negativ darstellt und die muslimischen Frauen häufig mit Unterdrückung in Verbindung gebracht werden. Die Maturandin selber – so zeigt sich während des Gesprächs – ist das lebendige Beispiel einer eigenständig denkenden und selbstbewussten Frau, die sich mit gängigen Stereotypen nicht zufriedengibt.

Es braucht noch mehr Gleichberechtigung

Ein Kopftuch trägt Selma nicht. Die Erfahrung des Fastens während des Ramadan möchte sie aber nicht missen, weil für sie der «Zauber» dieses Monats mit vielen positiven Erfahrungen verbunden sei. Zudem spricht sie vor Prüfungen jeweils das Gebet «Al-Fatiha», weil ihr dieses Ritual ein Gefühl von Sicherheit gebe. Nach der Matura möchte sie ein Studium im Bereich Wirtschaft und Recht absolvieren und eine berufliche Karriere anstreben. Sie ist überzeugt davon, dass in unserer Gesellschaft noch mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau realisiert werden müsse – als «Feministin» würde sie sich aber nicht bezeichnen.

Mit ihrer Maturaarbeit habe Selma Zoronjic ein «existenziell, gesellschaftlich und interreligiös sensibles Thema behandelt, über das es wenige Arbeiten gibt», schreibt die Jury in ihrer Begründung zur Verleihung des Maturapreises. Das gewählte Thema, das nicht selten im Zusammenhang mit dem Islamismus pejorativ dargestellt werde, erfahre hier eine sachliche Untersuchung. Die Maturandin der Kantonsschule Alpenquai Luzern breche in ihrer Untersuchung mit den gängigen Klischees und Pauschalisierungen muslimische Konvertitinnen betreffend und streiche neben vielen detaillierten Aspekten überzeugend die individuellen Lebensgeschichten, Motive und Herausforderungen jeder einzelnen Konvertitin hervor. «Da es über Schweizer Konvertitinnen zum Islam weder statistische Angaben noch relevante Forschungsarbeiten gibt, leistet Selma Zoronjic mit ihrer Maturaarbeit erste Grundlagenforschungen zu diesem Gebiet.»

Jenseits von Pauschalisierungen

Die wohl bekannteste Konvertitin der Schweiz hiess Nora Illi, die als Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats zum Symbol der Burka-Debatte geworden ist. Bei der Lektüre der sorgfältig geschriebenen Porträts von neun Konvertitinnen kommt man allerdings zum Schluss, dass kaum eine dieser Personen dem Typus von Nora Illi entspricht. Auch beim Umgang mit dem Kopftuch ist kein einheitliches Bild zu erkennen: Bei vier der befragten Personen handelt es sich um Muslimas ohne Kopftuch, während eine Frau, die ein eigenes Kosmetikstudio betreibt, einen Gesichtsschleier trägt. Da ist beispielsweise die Rede von Esther, einer 55-jährigen Seniorenbetreuerin, die nach 30 Jahren auf das Tragen eines Kopftuches verzichtet:

«Ich habe das Kopftuch abgelegt, denn ein Kopftuchgebot steht im Koran nicht drin.»

Anders ist die Situation bei Samira, einer 18-jährigen Gärtnerin, die bereits mit 12 Jahren zum Islam konvertierte. Im Gespräch mit der Maturandin betont sie, dass das Kopftuch für sie einerseits Schutz und andererseits die Freiheit symbolisiere, Entscheidungen selbst zu treffen: «Als ich das Kopftuch anzog, merkte ich, dass ich erst jetzt weiss, was Freiheit für mich bedeutet. Ich habe mich in meiner eigenen Haut noch nie so wohlgefühlt wie in diesem Moment.» Ivana, eine 32-jährige Coiffeuse ohne Kopftuch, betont im Interview: «In meinem Leben habe ich die Kirche und die Religion sehr oft in Frage gestellt, aber nie den Glauben.»

Selma Zoronjic gelingt es in ihrer Maturarbeit, von den neun porträtierten Personen ein differenziertes Bild jenseits von Pauschalisierungen zu zeichnen und damit aufzuzeigen, dass die Konvertitinnen so vielfältig sind wie die Zahl der Individuen, welche die Religion aus persönlicher Überzeugung gewechselt haben. So ist die Maturandin all diesen Interviewpersonen mit viel Respekt begegnet und konnte so eine solide Vertrauensbasis schaffen, die für authentische Aussagen unabdingbar ist.

Zur aktuellen Debatte rund um die Verhüllungsinitiative meint Selma Zoronjic: «Es wäre meines Erachtens sehr schade, wenn man den muslimischen Frauen die Freiheit nehmen würde, selber zu entscheiden, welche Kleider sie tragen wollen.» Das verbreitete Bild von den angeblich unterdrückten muslimischen Frauen habe sich in den zahlreichen Gesprächen, die sie für ihre Maturaarbeit geführt habe, keineswegs bestätigt.