Entscheide dich! Warum die grosse Freiheit manchmal nicht glücklicher macht
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Entscheide dich! Warum die grosse Freiheit manchmal nicht glücklicher macht

Was esse ich zu Mittag? Fahren wir ans Meer? Sollen wir heiraten? Unser Leben besteht aus Tausenden Entscheidungen. Das macht uns oft Probleme, denn von der Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen, hängt unsere Lebenszufriedenheit ab.

Katja Fischer De Santi
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20000 Entscheidungen treffen wir täglich. Eine sagenhafte Zahl, die mal angezweifelt, mal noch höher geschätzt wird. Doch egal wie viel, die meisten unserer Entscheidungen registrieren wir sowieso nicht. Wir trinken unseren Kaffee immer gleich, wir schalten den Wecker am Morgen dreimal ab, wir lächeln den attraktiven Arbeitskollegen an und weichen den Passanten auf dem Gehweg aus, alles fast automatisch. Neurologen gehen davon aus, dass wir weniger als 0,1 Prozent von dem mitbekommen, was unser Gehirn tut. Wir laufen meist auf Autopilot, und das ist gut so. Denn schalten wir unseren Verstand dazu, wird es kompliziert und oft nicht besser.

So fand die Psychologin Sian Leah Beilock von der Universität Chicago etwa heraus, dass Profi-Golfspieler am besten spielen, wenn sie keine Zeit haben, über ihren Schlag nachzudenken. Das Gleiche gilt für Notfallärzte oder Feuerwehrmänner im Einsatz. Sie sind darauf trainiert, in Sekundenschnelle lebenswichtige Entscheide zu fällen. Sie müssen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen können, denn Zeit, um rational abzuwägen, bleibt bei einer Massenkarambolage keine.

Elliot Smith, der Mann, der sich nicht mehr entscheiden konnte

Dass unsere Gefühle den Verstand nicht benebeln, sondern ihn erst handlungsfähig machen, das dämmerte dem Neurologen Antonio Damasio, als er in den USA einen aussergewöhnlichen Patienten vor sich sitzen hatte. Elliot Smith war ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, intelligent, humorvoll. Doch davon war, seit ihm ein Tumor aus dem Gehirn operiert worden war, nicht viel übrig geblieben. Elliot Smith brachte nichts mehr auf die Reihe.

Morgens konnte er sich nicht entscheiden, welchen Pullover er anziehen sollte, und trug darum immer den gleichen ungewaschenen. Er hatte seine Arbeit verloren, weil er sich nicht entscheiden konnte, welches Dossier er zuerst angehen wollte, oder ob er mit einem schwarzen oder blauen Stift unterschreiben sollte. Smith hatte keinerlei Gedächtnisprobleme und seine Intelligenz lag im oberen Bereich. Es dauerte einige Gespräche lang, bis der Neurologe Antonio Damasio merkte, was Elliot Smith entscheidungsunfähig gemacht hatte: Er fühlte seit der Operation nichts mehr, empfand kein Mitgefühl. Smith konnte sich nicht mehr entscheiden, weil sich alles gleich anfühlte. Ihm war seine Intuition abhandengekommen.

Gefühle sind unser innerer Kompass, der Wichtiges von Unwichtigem trennt. Nur dank unserer Intuition brauchen wir für gute Urteile weder vollständige Informationen noch unbegrenzte Zeit. Weil wir nicht wie Computer funktionieren, sind zu viele Informationen und zu viel Zeit guten Entscheidungen sogar abträglich. Nach weiteren Forschungen schrieb Antonio Damasio 1994 ein wegweisendes Buch mit dem Titel: «Descartes’ Irrtum. Fühlen und Denken des menschlichen Gehirns».

Heute sind sich sowohl Neurologen wie Psychologen einig, dass wir ohne unsere Gefühle miteinzubeziehen nicht fähig sind, Entscheide zu fällen. Der Mensch ist kein Homo oeconomicus. Auch die Wirtschaftswissenschaften mussten sich vom rationalen Menschen, der kühl Kosten mit Nutzen abwägt, verabschieden. Gerade in Geldangelegenheiten agieren Menschen allzu oft unvernünftig, wenn nicht gar närrisch. Ein Grund dafür ist unsere übertriebene Angst vor Verlusten. Dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman verdanken wir das Verständnis der Verlust-Aversion, der Tendenz, Verluste höher zu bewerten als Gewinne. Die Verhaltensökonomie hat diesen Effekt eingehend studiert, durch den Anleger dazu neigen, Verliereraktien zu lange zu halten, Gewinneraktien wiederum zu früh zu verkaufen.

Es gibt keine perfekte Wahl, es gibt keine falschen Entscheide

Unter Psychologen hingegen herrscht die Meinung vor, dass es sowieso keine richtige oder falsche Entscheidung gibt. Wichtig ist alleine, dass wir uns entscheiden. Für den neuen Job, für die grosse Liebe, für das Haus, für die Ferien auf der Alp.

«Verabschieden Sie sich bitte von der Vorstellung, es gebe die perfekte Wahl»

, schreibt Peter Brandl in seinem Buch «Hudson River: die Kunst, schwere Entscheidungen zu treffen». Eine kluge Entscheidung messe sich einzig daran, ob man zu ihr steht und mit ihr leben kann. «Das einzige, was Sie wirklich fertig machen kann, ist das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben.»

Auch der US-amerikanische Psychologe Daniel Gilbert rät, mutiger zu entscheiden.

«Erstens kommt es nie so schlimm, wie wir es uns ausmalen, und zweites sind die meisten Menschen für Rückschläge besser gerüstet als sie vermuten.»

Nach Gilbert verfügen wir von Natur aus über einen Schutzschild – ein «psychisches Immunsystem», das uns das Leben nach einer Fehlentscheidung leichter macht. Wir sind, wie der Harvard-Psychologe in Versuchen herausgefunden hat, Meister des Selbstbetrugs. Wir nehmen die Welt so wahr, wie sie uns angenehm ist. Deshalb stellen wir nach dem komplett verregneten Ferien auf Sylt fest, dass wir endlich drei Bücher gelesen und keinen Sonnenbrand bekommen haben, und den viel zu teuren, dieselschluckenden SUV rechtfertigen wir uns mit der praktischen Einparkhilfe. Nun gibt es aber offensichtlich Menschen, die besser entscheiden können als andere. Oder zumindest besser damit leben können, wie sie entschieden haben.

Der US-Psychologe Barry Schwartz unterscheidet deshalb zwei Sorten von Entscheidern. Die einen nennt er Maximizer, die anderen Satisficer. Für die Maximizer sieht Schwartz in unserer Multioptionsgesellschaft ziemlich schwarz. Denn der Maximizer will das absolut Beste! Mit weniger gibt er sich nicht zufrieden. Um sicher sein zu können, die richtige Wahl getroffen zu haben, muss der Maximizer zuerst alle Alternativen kennen lernen. Das kann – Internet sei Dank – ganz schön dauern. «Wenn die Auswahl zu gross wird, macht die Maximierungsstrategie die Leute fertig», schreibt Schwartz in «The Paradox of Choice: Why More Is Less». Je mehr Auswahl wir haben, desto unzufriedener sind wir mit unserer Wahl, da die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung wächst. Für den Maximizer kann deshalb selbst der Kauf einer Zahnbürste zum Nervenspiel werden.

Gut ist gut genug und macht glücklicher

Der Satisficer dagegen ist zufrieden, sobald etwas «gut genug» ist. Er weiss vorher bereits ungefähr, was er will. Sobald eine Alternative seiner Vorstellung entspricht, greift er zu. «Wenn man sich mit ‹gut genug› zufriedengibt, fällt eine Menge Druck von einem ab, und die Aufgabe, aus dem unendlichen Meer von Möglichkeiten etwas auszuwählen, wird leichter zu bewältigen», rät Schwartz. Das gilt auch für die Partnerwahl. Nicht die Beste oder der Schönste wird uns glücklich machen, sondern jene Frau oder jener Mann, für den wir uns mit ganzem Herzen entschieden haben.