Er hat Schweizer Kirchengeschichte geschrieben: der grausame Tod des Reformators Jakob Kaiser

Die Hinrichtung eines Geistlichen in Schwyz vor genau 491 Jahren verlieh dem Glaubenskonflikt in der Schweiz neuen Schub. Die weiteren Ereignisse führten schliesslich zum Ersten Kappelerkrieg.

Andreas Faessler
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Ein Bronzerelief am Südportal des Zürcher Grossmünsters zeigt die Hinrichtung Pfarrer Jakob Kaisers am 29. Mai 1529 in Schwyz.

Ein Bronzerelief am Südportal des Zürcher Grossmünsters zeigt die Hinrichtung Pfarrer Jakob Kaisers am 29. Mai 1529 in Schwyz.

Bild: Andreas Faessler (27. Mai 2020)

Kleine Ursache, grosse Wirkung: Am Anfang bedeutender Umwälzungen in der Geschichte steht nicht selten ein einzelnes Ereignis. Prominentes Beispiel aus der jüngeren Zeit ist das tödliche Attentat auf den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand am 28.Juni 1914 in Sarajevo, welches zu einer schweren politischen Krise und schliesslich zum Ersten Weltkrieg führte.

Vergleichbares trug sich knapp 400 Jahre früher in der Zentralschweiz zu: Die Hinrichtung eines reformierten Pfarrers war von einer so grossen politisch-konfessionellen Tragweite, dass sie den Ersten Kappelerkrieg zur Folge hatte. Obschon dieser weitgehend unblutige Konflikt mit den Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges in keinerlei Relation steht, so gilt er dennoch als wichtiger Markstein in der (Schweizer) Geschichte.

Auf dem falschen Terrain gepredigt

1529 ging Reformator Huldrych Zwingli mit Konstanz ein Bündnis ein, um sich gestärkt gegen das katholische Habsburg sowie die fünf katholischen Orte Luzern, Schwyz, Uri, Unterwalden und Zug zu stellen. Der Glaubensstreit spitzte sich zu, blieb jedoch gewaltlos – bis auf die erwähnte Hinrichtung eines Zürcher Geistlichen. Beim Unglücklichen handelte es sich um den einfachen Landpfarrer Jakob Kaiser aus dem st.gallischen Uznach. Nach seinem Theologiestudium, welches er gemäss den spärlichen Aufzeichnungen an der Universität Krakau absolviert hatte, war Pfarrer Kaiser nachweislich in Schwerzenbach, auf der Ufenau und ab 1529 schliesslich in Kaltbrunn tätig. Als Anhänger Zwinglis war Kaiser bemüht, den Reformationsgedanken in seinen Gemeinden durchzusetzen. In Kaltbrunn gelang ihm das insofern, als er hier die reformierte Kirchenordnung etablieren konnte. Allerdings eine pikante Errungenschaft: Kaltbrunn gehörte zur Herrschaft Uznach, welche Glarus und Schwyz unterstand. Man hatte Jakob Kaiser als katholischen Pfarrer angestellt und keine Kenntnis davon, dass er ein Reformator war. Was Kaiser in Kaltbrunn vollbracht hatte, versuchte er schliesslich auch im Schwyzerischen Tuggen – dies sollte ihm zum Verhängnis werden: Dass ein Pfaffe auf ihrem Hoheitsgebiet für die Reformation weibelte, duldeten die Schwyzer ganz und gar nicht. Am 22.Mai 1529 liessen sie Jakob Kaiser an der Grenze von Tuggen zu Uznach festnehmen und in den Hauptort Schwyz bringen. Interventionen und Gesuche aus Zürich, Kaiser in Uznach vor Gericht zu stellen, blieben in Schwyz ungehört. Selbst die Androhung eines Militärschlages war vergebens. Jakob Kaiser wurde in Schwyz der Prozess gemacht und schliesslich als Ketzer zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte am 29.Mai 1529 auf dem Landsgemeindeplatz.

Die reformierten Bündnispartner verurteilten Jakob Kaisers Hinrichtung aufs Schärfste. Die Konfliktlage spitzten sich in der Folge zu, Zürich und Bern marschierten Richtung der Alten Lande, am 9.Juni erklärte Zürich diesen den Krieg. Doch glätteten sich die Wogen im letzten Moment durch besonnenes Vermitteln. Am 26.Juni endete der Erste Kappelerkrieg mit der legendären Kappeler Milchsuppe. Es herrschte zwei Jahre lang Friede – zumindest oberflächlich. Der Zweite Kappelerkrieg zwei Jahre später verlief bekanntlich blutig und verlustreich.

Gedenken an den «Neugläubigen»

Pfarrer Jakob Kaiser ist als Märtyrer der Reformierten in die Schweizer Geschichte eingegangen. Die Erinnerung an ihn ist zum einen in der Kirche von Schwerzenbach sichtbar, in der Form einer Gedenktafel. Zum anderen ist der Moment seiner Hinrichtung in einem der 24Reliefs am Südportal des Zürcher Grossmünsters dargestellt. Das grausame Ereignis findet überdies auch in Stefan Haupts Kinofilm «Zwingli» von 2019 in einer drastischen Szene Niederschlag.