Ein Dominikaner lebt den geistigen Aufbruch

Seine offene Haltung machte und macht vielen Mut, seine Texte sind poetisch bildhaft und voller Empathie: Der bekannte Schweizer Theologe und Autor Johannes B. Brantschen wird 85.

Rudolf Walter*
Drucken
Teilen

Bild: PD/Winifredo Padilla

In gewissen Klöstern feiern sie nur Namenstag, so auch im «Albertinum» in Freiburg im Üchtland. Der wohlprominenteste Insasse dieser dominikanischen Theologenhochburg, der langjährige Professor für Fundamentaldogmatik, Johannes B. Brantschen OP, wird am 8. November 85. «Einen der meistgelesenen und einflussreichsten theologischen Autoren der Schweiz» nannte ihn jüngst eine Darstellung über Schweizer Theologen im 20. und 21. Jahrhundert.

Schon sein erstes spirituelles Buch «Gott ist grösser als unser Herz» (1980) wurde schnell in sechs Sprachen übersetzt, und sein populärstes Werk «Warum lässt der gute Gott uns leiden?» (1985 bei Herder) verkaufte sich in kurzer Zeit über 40000 Mal. Brantschen wurde Wissenschafter und blieb Seelsorger – ungetrennt und unvermischt. Theologie ist ihm immer noch intellektuelle Herausforderung und Herzensangelegenheit.

«Gott ist Liebe und hat Freude am Menschen»

Geboren wurde Johannes B. Brantschen in Randa im Wallis. Was er hier mitbekam: nicht nur eine bodenständige Frömmigkeit. Hier wuchs auch eine problematische Religiosität mit einem Gottesbild, dessen Strenge vielen Angst und Schuldgefühle einflösste. Es war die vorkonziliare Zeit neuscholastischer Systematik, die Brantschen selber als «perfektes Ausbauen von Sackgassen» erlebte. Was ihn vor dem Absturz in den Atheismus rettete – so bekennt er – war neben der Exegese die negative Theologie. Und die Entdeckung, dass der Gott Jesu mit dem Gott seiner Jugend nichts zu tun hat. Zu vertiefen und zu konkretisieren, was das heisst, «Gott ist Liebe. Und er hat Freude am Menschen»: Das ist die Kurzformel seiner theologischen Lebensabsicht. Vor allem und immer wieder sieht sich sein Denken durch die Frage nach dem Leid herausgefordert. Das Besondere: Dass er allen vorschnellen Trost verwirft und dennoch an der Hoffnung festhält.

Kein Vielredner

Die Vorlesungen dieses Professors waren, so erzählen noch heute viele seiner Schüler, ein «Highlight»; auch weil er geistigen Aufbruch lebte, von Freiheit nicht nur redete, sondern sie auch anderen einräumte. Der feministischen Suche etwa – die manche seiner damals durchweg männlichen Professorenkollegen irritierte. Und auch dem gesellschaftspolitischen Engagement– das viele als marxistisch verteufelten. Er stiess damit neue Horizonte auf.

Unter den gegenwärtigen Theologen ist Brantschen auch deswegen ungewöhnlich, weil er kein Vielredner ist, aber eleganter Sprachkönner: Die Schönheit seiner Texte ist poetisch bildhaft, von Klarheit und Empathie bestimmt. Hoffende Christen sind für ihn «wachend Träumende». Und den Theologen Ernst Fuchs nennt er schlicht «Troubadour der Freude Gottes».

2008 hat ihn der Generalmagister seines Ordens mit dem Titel eines «Magister in Sacra Theologia» ausgezeichnet. Das klingt feierlich. Aber hintergründiger Humor fehlt diesem Theologen nicht. Viele Anekdoten berichten davon, wie etwa folgende: Vom Studienort Heidelberg fuhr er nach Berlin und jeweils in den Osten. Und zum Vopo mit dem Maschinengewehr sagte er an der DDR-Grenze – ganz der Sohn eines Walliser Hüttenwirts und nur scheinbar naiv: «Ich komme aus dem Tourismusland Schweiz. Ich würde das Gewehr unter den Mantel tun. Sie bekommen viel mehr Touristen, wenn Sie freundlich sind.» Die erwartbare Antwort: «Werden Sie nicht frech!»

Theologen sollen keine Besserwisser sein

Nicht nur mit Grenzschützern konnte er umgehen. Auch mit Glaubenswächtern und römischen Heckenschützen. Als der Präfekt der Glaubenskongregation Ratzinger eine Kommission einsetzen wollte, weil kirchliche Anschwärzer sagten, Brantschen leugne in seinem neuen Buch die Hölle, liess er dem Kardinal einen Brief übermitteln, worin er ihm schrieb: Er habe dieses Buch den Schweizer Bischöfen geschickt, die ihm alle dafür gedankt hätten, einer habe ihn sogar gefragt, ob er den Text in seinen Predigten verwenden dürfe. Und was die Existenz der Hölle angehe: Schliesslich habe er bei ihm in Tübingen gehört und gelernt, dass es auch Gott nicht «gebe» im Sinne unserer landläufigen Vorstellung von «etwas» Existierendem. Er hoffe freilich und glaube fest, dass es Gott gelinge, alle Seelen zu gewinnen für das ewige Heil… Die «Kommission» fand nie statt. Noch heute ist er überzeugt: «Theologen sollten nicht Besserwisser sein. Sondern Hüter des Geheimnisses.»

Seine Wünsche für die Schweizer Kirche? «Dass Chur bald einen vernünftigen Bischof bekommt. Und: Laien und die Frauen vorwärts! Schliesslich: ein Ende mit permanenten klerikalen Massregelungen!» Was man ihm selber wünschen kann: Dass ihm die Glut noch lange wach bleibe und das Feuer (nicht nur seiner Pfeife) am Brennen halte!

Hinweis
*Rudolf Walter war lange Jahre im Verlag Herder tätig, zuletzt als Programmleiter und Cheflektor für den Buchbereich. Die erste Publikation von Johannes Brantschen, die er betreute, war 1980 Gott ist grösser als unser Herz