Frauen in der Religion: Erst vor Gott sind alle gleich

Frauen sind in vielen Religionen den Männern nicht gleichgestellt. In der Schweiz stört das aber nur wenige.

Annika Bangerter
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Frauen leisten viel in den Religionsgemeinschaften, sie fühlen sich auch gleichwertig, aber sie sind nicht gleichberechtigt. Bild: Keystone

Frauen leisten viel in den Religionsgemeinschaften, sie fühlen sich auch gleichwertig, aber sie sind nicht gleichberechtigt. Bild: Keystone

Eine katholische Priesterin? Bis heute für den Vatikan undenkbar. Eine Imanin oder eine orthodoxe Rabbinerin? Sind höchstens Ausnahmen. Männer haben die Weltreligionen geprägt und halten bis heute an ihrer Deutungshoheit fest. Doch wie ergeht es dabei den Frauen an der Basis? Das wollte die konfessionell unabhängige Religionsinformationsstelle Inforel wissen. Es wurden die ranghöchsten Frauen in 52 Religionsgemeinschaften der Region Basel befragt – auch Freikirchen oder Aleviten. Einige sind von ihrer Gemeinde angestellt. Etwa als Theologin oder Religionslehrerin. Frauen leisten einen Grossteil der Freiwilligenarbeit in den religiösen Gemeinschaften. Und sie füllen die Gotteshäuser: Bei Christen, Hindus oder Buddhisten sind bis zu 70 Prozent der aktiven Mitglieder weiblich, einzig in den Moscheen und Synagogen engagieren sich mehr Männer.

Die Umfrage zeigt: In 26 der 52 Gemeinschaften sind die Geschlechter gleichberechtigt. Dazu gehören die reformierte Kirche, eine liberale jüdische Gemeinde, aber auch diverse evangelische Freikirchen. Die Gleichstellung in diesen Institutionen sei alles anders als selbstverständlich, sondern das Resultat eines «lang ausgetragenen Emanzipationskampfes», heisst es.

«In der Bibel nicht vorgesehen»

16 der 20 befragten Freikirchen gaben an, dass bei ihnen das höchste religiöse Amt für Frauen zugänglich sei. «Dieses Resultat hat uns überrascht. Evangelische Freikirchen haben den Ruf, grösstenteils Frauenordinationen abzulehnen», sagt Studienautorin Karima Zehnder. Nicht gleichgestellt sind die Frauen beispielsweise bei der Adventgemeinde Basel. Zwar kennt diese Pastorinnen, sie besitzen aber weniger Kompetenzen als männliche Pastoren. Laut Gemeindeleiterin ist die Gleichstellung intern umstritten. Ein Teil der Mitglieder fordere diese ein, stosse dabei aber auf Widerstand mit dem Hinweis auf die Bibel, wo das nicht vorgesehen sei.

Obwohl in vier Freikirchen das geistliche Amt nur Männern zugestanden wird, beschreiben sich befragte weibliche Mitglieder als «gleichberechtigt». Ihre Selbstwahrnehmung weicht von der tatsächlichen Situation ab. Damit sind sie nicht alleine, wie die Inforel-Studie zeigt. «Auf lokaler Ebene nehmen sich alle befragten Frauen als gleichberechtigt wahr – unabhängig von ihren realen Mitwirkungsmöglichkeiten», sagt Karima Zehnder. Selbst die Vertreterin der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde bezeichnet sich als «gleichberechtigt», obwohl in ihrer Gemeinde nur die Männer das Stimmrecht besitzen.

Unterschiedliche Rollen und Aufgaben

«Diese Frauen gehen davon aus, dass die genetische Prägung auch geschlechtsspezifische Wesenszüge mit sich bringt und deshalb Männer und Frauen unterschiedliche Rollen und Aufgaben annehmen. Die rechtliche Frage stellt sich ihnen nicht», sagt Zehnder. Dies zeigen auch Interviews mit Musliminnen. Eine befragte Frauen sagt dazu: «Wenn man einmal verstanden hat, dass Allah den Mann und die Frau unterschiedlich geformt hat, dann kann man verstehen, dass Frauen und Männer unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben.» Dass Frauen als Imaninnen wirken, ist zumindest für die sieben befragten Moscheegängerinnen kein Anliegen.

Dennoch seien hier viele Veränderungen zu beobachten, sagt Zehnder. «Frauen übernehmen in den Moscheen und deren Vereinen zunehmend Vorstandsämter oder lancieren Bildungsangebote. Junge, gut ausgebildete Musliminnen aus der Zweit- oder Drittgeneration von Einwanderern lösen vermehrt ältere Männer ab.» Zudem gründeten sie innerhalb der Moscheen vermehrt Frauengruppen. Diese würden sich untereinander vernetzen und unterstützen sich im schulischen oder beruflichen Bereich. «Auch deshalb fordern immer mehr Musliminnen ihre Rechte ein, wie das Tragen des Kopftuchs am Arbeitsplatz. Die Stärkung der Frauen zeigt sich auf einer gesellschaftlichen Ebene und weniger zwischen den Geschlechtern», sagt Zehnder.

Katholikinnen prangern männliche Dominanz an

Die Hälfte aller befragten Gemeinschaften schliesst Frauen von geistlichen Ämtern aus. Allerdings stören sich nur die katholischen Theologinnen an ihrer Diskriminierung. Die anderen Vertreterinnen geben an, sich in den ausschliessenden Hierarchien wohlzu­fühlen. Aus emanzipierter Sicht ist dies befremdend. «Solche persönlichen Ansichten aber gilt es zu akzeptieren», sagt Zehnder.

Anders bei den katholischen Theologinnen: Bis auf eine prangern alle befragten Frauen die männliche Dominanz an. Eine Theologin sagt: «Eine Institution, die sich heute nicht für die Geschlechtergerechtigkeit einsetzt, muss ihre zunehmende Bedeutungslosigkeit akzeptieren.» Auffällig an den Aussagen der katholischen Theologinnen ist, wie viele Aufgaben sie dennoch in ihren Pfarreien übernehmen, sie halten Predigten und führen durch Gottesdienste. Vereinzelt übernehmen sie – mit ausserordentlichen Bewilligungen – sogar Taufen und Trauungen. Dass Frauen solch kultische Tätigkeiten übernehmen, sei eng mit dem Priestermangel verbunden, heisst es in der Studie. Ob sie jedoch einspringen können, hängt vom zuständigen Bischof ab. Und somit wiederum von einem Mann.