Erst wollen sie nicht, dann bleiben sie länger: Wenn Städter zu Landeiern werden

Zuerst sagen die Städter: Wir ziehen sicher nicht aufs Land, nur weil wir Kinder haben. Die Städte von heute sind ja auch kinderfreundlich. Aber nicht wenige gehen dann doch

Sabine Kuster
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Patrick Bernegger, Kathrin Birrer mit Diego (6) und Johanna (4) vor ihrem Haus in Appenzell. Sie haben fest vor, dereinst wieder nach St. Gallen zu ziehen.

Patrick Bernegger, Kathrin Birrer mit Diego (6) und Johanna (4) vor ihrem Haus in Appenzell. Sie haben fest vor, dereinst wieder nach St. Gallen zu ziehen.

Sandra Ardizzone

Patrick Bernegger gehörte zu jenen Vätern, die lässig den Kinderwagen durch die Stadt schoben. Wenn Diego, das erste Kind, im Wagen schlief, atmete er die Stadtluft ein. So, wie er es die 25 Jahre davor gemacht hatte, während derer er in St. Gallen wohnte. «Der Puls der Stadt gefällt mir sehr», sagt Patrick. Abends, bevor er heimging, drehte er manchmal noch eine Runde, schaute, was sich verändert hatte, wer so unterwegs war.

Jetzt wohnt Patrick Bernegger in Appenzell im Haus der Schwiegereltern. Im Einfamilienhausquartier. Mit Garten. Und er sagt: «Es ist schön, die Kinder draussen springen lassen zu können.»

Patrick Bernegger gehört zu jener Generation, die nicht vorhatte, aufs Land zu ziehen, bloss weil Kinder da sind. Früher war das normal: Von den 60er- bis in die 90er-Jahre zogen junge Familien ganz selbstverständlich aufs Land. Denn die Städte boten ihnen nichts. Keine oder armselig gestaltete Spielplätze, gefährliche Schulwege und ein gesellschaftliches Milieu, vor dem die Eltern ihren Nachwuchs schützen wollten.

Aber seit einigen Jahren werden immer mehr Kinder in den Städten geboren. Die Geburtenzahlen im letzten Jahr zeigten, dass in der Schweiz so viele Kinder zur Welt kommen, wie seit 25 Jahren nicht mehr, und zwar vor allem wegen der Familien in den Städten. Gegenüber 2001 wurden in Zürich 56 Prozent mehr Kinder geboren, in Bern 50 Prozent, in Basel 40 und in Luzern immerhin noch knapp ein Drittel mehr.

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Die Städte sind für Familien attraktiv geworden: Hier gibt es das dichteste Angebot an Krippen, die modernsten Spielplätze, hier sind auch die meisten Arbeitsplätze. Und auf dem Weg zur Arbeit liegen diverse Einkaufsmöglichkeiten. Bestimmt auch einer der letzten Nähmaschinenläden der Schweiz oder einer, der ganzjährig Feuerwerk verkauft. Falls man sowas grad braucht. Ausserdem haben viele Städte ihre Grünräume aufgewertet: Wo früher Alkies rumhingen, flitzen heute Kids auf Kickboards vorbei.

Familie Bernegger in ihrem Haus im Appenzell.    

Familie Bernegger in ihrem Haus im Appenzell.    

Sandra Ardizzone

Karen wollte deshalb auf keinen Fall die Grossstadt verlassen. Sie wohnte ihre ganze Studentenzeit in Basel und blieb mit ihrem Mann dort, bis das zweite Kind kam. «Für Kleinkinder ist das urbane Leben toll», sagt sie, «an jeder Ecke gibt’s was, den Zolli, ein Museum, ein Spielplatz. Ich konnte auf dem Heimweg aus jeder Himmelsrichtung en passant posten gehen.» Trotzdem ist sie vor fünf Jahren von Basel weg ins Einfamilienhausquartier einer Kleinstadt gezogen – und muss jetzt «in die Stadt gehen», wenn das Angebot des nahen Bauernhoflädeli oder des Quartierladens nicht ausreichen.

Rein in die unstrukturierte Natur

Wenn das erste Kind zu laufen beginnt, ändert sich das Leben in der Stadt. Die Wohnung als Lebensraum wird zu klein. Und jetzt, da das Kleine nicht mehr ins Tragetuch passt, wird es mühsamer, im Lieblingscafé den Cappuccino zu schlürfen. Spätestens mit dem zweiten Kind ist das alte Leben definitiv vorbei. Wäre Patrick wieder mit dem Kinderwagen und der Zweitgeborenen Johanna durch die Stadt gezogen, hätte an seiner Hand Diego gequengelt. Und jedes Mal, wenn die Eltern trotzdem rauswollen mit den Kindern, müssen sie bis zu den Spielplätzen – modern ja, aber in ihrer Unkaputtbarkeit und Labelgeprüftheit auch langweilig.

Ich finde die Leute hier nicht mehr stier.

(Quelle: )

Und so kommt es, dass zwar rekordviele Kinder in der Grossstadt geboren werden und auch der Kleikindanteil in Basel, Zürich und Bern etwa gleich hoch ist wie im übrigen Kanton – aber dann ziehen die Familien doch weg. Das wird ersichtlich, wenn man Haushalte mit einem Kind und zwei Kindern vergleicht: In der Stadt wie in der Aggomeration beträgt der Anteil an Familien mit einem Kind genau 6 Prozent. Bei Familien mit zwei Kindern ist der Anteil in der Agglomeration plötzlich deutlich grösser: 9,3 Prozent gegenüber 7 Prozent in der Stadt. Die Zahlen aus dem Jahr 2016 beziehen sich auf Familien deren jüngstes Kind 0 bis 12 Jahre alt ist.

Die Familien ziehen nicht aufs Land. Dort liegt der Anteil an Haushalten mit einem Kind mit 5,1 Prozent deutlich tiefer und bei zwei Kindern mit 7,6 Prozent zwischen Stadt und Agglo.

Mit dem zweiten Kind sind auch Danja und ihre Mann in der Agglomeration angekommen. 20 Jahre lebte Danja in Basel, nun wohnt sie seit drei Jahren in einem Vorort, die Kinder sind 3 und 5 Jahre alt. «Es war ein praktischer Grund, dass wir hierher gezogen sind», sagt sie. Sie arbeitet in der Agglo und es war manchmal mühsam, einen Parkplatz zu finden, keinen guten Abstellplatz für den Kinderwagen zu haben oder alles in den 1. Stock tragen zu müssen.

Jetzt stellen sie ihr Auto in der Quartierstrasse ab – nachdem sie die ungeschriebene nachbarschaftliche Parkierungsordnung durchschaut haben. Kleinkariert fand Danja die. Anderes auch. Aber inzwischen sagt sie: «Ich finde die Leute hier nicht mehr stier. Entweder ich oder mein Blickwinkel haben sich verändert.» Sie komme sehr gern nach Hause und sei auch viel zu Hause. Der Garten mache Arbeit, aber jetzt habe sie Spass daran, meditativ sei das. Tiere hat die Familie noch keine, aber eine Katze könnte bald mal einziehen. Danja mag den Arbeitsweg dem Waldrand entlang. Und eben: «Die Kinder können einfach in den Garten raus», das findet auch sie super. «Ein Haus mit Garten in der Stadt, das wollen alle. Manche unserer Freunde suchen immer noch danach. Sie kommen gern zu uns spielen mit ihren Kindern.» Aber schön findet sie die Agglo deswegen nicht, sie vermisst die Altstadtbauten.

Ich befürchte, ich werde hier alt.

(Quelle: Patrick Bernegger)

Und plötzlich im Ort zu wohnen, wo sie selber aufgewachsen ist, das fand Karen zuerst schwierig. Sie zog ins Haus ihrer Grosseltern. «Meine Kinder gehen dieselben Wege wie ich früher, das irritierte mich zuerst.» Und ja, auch die Umstellung vom multikulturellen, sich ständig verändernden städtischen Viertel zum beschaulichen Einfamilienhausquartier mit Rasenrobotern und Schweizerfahnen habe Zeit gebraucht. «Aber in Basel hätten die Kinder nicht von Anfang an selbstständig den Kindsgiweg zurücklegen können. Und sie würden draussen nicht spontan auf andere Kinder stossen zum Spielen.» Sommers, wenn es heiss ist, sitzen sie nun ihm kühlen Garten. Früher mussten sie aus der stickigen Wohnung durch die brütende Hitze in den nächsten Park flüchten. Auch Hellhörigkeit und dass sie den rauchenden Nachbar stets roch, das vermisst sie nicht.

Ein Opfer für die Entspannung

So argumentieren die Weggezogenen. Wägen die Vor- und Nachteile ab und sagen: Wir haben es für die Kinder getan und weil es das Familienleben entspannt, wenn die Kinder selbstständig sind.

Karen, Danja und Patrick werden wehmütig, wenn sie mal wieder in der Stadt sind. Aber ihnen ist bewusst: Das hat mehr mit ihrer Studentenzeit zu tun. Was sie aus der Stadt am meisten vermissen, ist eher das unabhängige Leben, das sie dort lange ohne Kinder verbrachten. Die Beschaulichkeit ist schon früher eingezogen, nicht erst im Einfamilienhausquartier. Sondern als das Leben im Rhythmus der Kinder begann. «Das riesige Angebot einer Stadt auch noch zu nutzen, wenn man Kinder hat, ist zu anstrengend», sagt Karen. Aber auch ohne Kinder wären sie älter geworden. «Die Partyzeit war ohnehin vorbei», sagt Patrick.

Und doch: Für immer sei das nicht, sagen sie. Alle drei planen, wieder in die Stadt zu ziehen, wenn die Kinder ausgeflogen sind. Nur Danja sagt: «Ich befürchte, ich werde hier alt. Eigentlich habe ich es nicht vor, aber der Mensch ist bequem.»