Kolumne

Erzähl mir von deiner Heimat

Blanca Imboden
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Der Sommer ist im Endspurt. Viele Schweizer kommen heim, nach Urlaubstagen in der weiten Ferne. Sie schwammen mit Delfinen, bummelten durch fremde Städte, fuhren mit dem Bike durch die Sahara oder pilgerten auf dem Jakobsweg. Was man eben so macht, wenn man Ferien hat. Gibt es eine wirksamere Methode als das Reisen, um die Schweiz richtig schätzen zu lernen? Mir half das jedenfalls sehr.

Eines Tages hockte ich im kenianischen Hochland in einer dunklen Lehmhütte einem alten Mann gegenüber.

Man hatte mich zu ihm geführt, weil er auch einmal die kleine Schweizerin sehen wollte, die in diese sonst touristenfreie Zone eingedrungen war. «Erzähl mir von deiner Heimat», forderte er mich auf. «Was wächst bei euch? Welche Tiere leben bei euch? Wovon lebt ihr?» Ich begann also von Bergen und Wiesen zu erzählen, von unseren Bauern und den Kühen, von Maisfeldern und Obstbäumen. Was ihn am meisten faszinierte, war das Thema Wasser. Er hatte Tränen in den Augen, als ich von unseren Flüssen, Bächen, Seen und Wasserfällen erzählte. ­«Woher kommt denn dieses Wasser?», wollte er wissen. Schwierige Frage. Von oben? – Wie dem auch sei: Während ich ihm alles beschrieb, wurde mir mehr und mehr bewusst: Die Schweiz ist ein Paradies. Ja, diese Erkenntnis schenkte mir ein alter, afrikanischer Mann, der sonst rein gar nichts zu verschenken hatte.

In den letzten Wochen musste ich oft an den Afrikaner denken. Plötzlich wurde auch den Schweizern vor Augen geführt, dass Wasser nicht selbstverständlich ist und wie beängstigend es sich anfühlt, wenn der Regen ausbleibt.

Am Bundesfeiertag hielt ich meine vierte Erstaugustansprache, diesmal in Dübendorf. Nach meiner Rede wurde ich auf einen Punkt noch einmal angesprochen.

«Sie sagen also, dass Sie nicht stolz darauf sind, Schweizerin zu sein?»

Ich kann mich da nur wiederholen: Es kann einer gerne stolz darauf sein, wenn er einen Marathon gelaufen ist. Dafür hat er schliesslich lange trainiert. Ich bin vielleicht ein wenig stolz darauf, dass ich eine grosse Leserschaft habe. Daran habe ich lange gearbeitet. Aber wo bitte ist mein Verdienst an dieser wunderbaren Schweiz?

Nein, ich bin nicht stolz, nur dankbar. Ich fühle mich auserwählt, was mich eher demütig und etwas ehrfürchtig macht. Übrigens: Dankbarkeit macht glücklich. Man kann nicht mies gelaunt dankbar sein. Dankbarkeit bringt einen in eine positive Stimmung. Ein Grund mehr, es mal damit zu versuchen.

Neulich sah ich eine Facebook- Gruppe: «Die Schweiz, das schönste Land der Welt.» Ich wollte spontan beitreten, aber weil ich so viele Länder noch gar nicht kenne, kam es mir dann doch falsch vor. Ja, ja, das ist ein wenig haarspalterisch. Keine Sorge: Sie müssen nicht so sein wie ich, können ganz anders denken und handeln, ihre eigene Erstaugustansprache schreiben. Weil wir Schweizer frei sind. Und ich glaube, das ist wirklich unser kostbarstes Gut.