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Spesenmissbrauch: Die Trickser sind nicht nur in der Teppichetage

Spesenexzesse in Genf und der Armee regen viele auf. Doch Spesenmissbrauch kommt überall vor. Was einige Mitarbeiter zum Tricksen verlockt – und was die Art der Abrechnungen über uns aussagt.
Annika Bangerter
Spesenabrechnung unter der Lupe: Bei der Kontrolle zeigt sich, wer das Firmengeld eher nonchalant ausgibt und abrechnet. (Bild: Patric Sandri)

Spesenabrechnung unter der Lupe: Bei der Kontrolle zeigt sich, wer das Firmengeld eher nonchalant ausgibt und abrechnet. (Bild: Patric Sandri)

Ein Restaurant, irgendwo in der Schweiz: Zwei Personen tafeln zusammen, bestellen die Rechnung. Jede bezahlt seinen Anteil und lässt sich die Quittung geben. Sie sind Kollegen, arbeiten im gleichen Unternehmen. So weit so gewöhnlich. Kurz darauf wird allerdings ein Dritter stutzig. Er ist Chefsekretär und geht die Spesenabrechnungen der Angestellten durch. Dabei fällt ihm auf: Eine der Quittungen mit dem geforderten Betrag kennt er bereits. Beide Mitarbeiter stellten nicht nur ihren Anteil des Essens in Rechnung – sondern jeweils den Gesamtbetrag.

Über Spesenabrechnungen sind in diesem Jahr nicht nur die beiden Angestellten eines mittelgrossen Unternehmens gestolpert. Die Exzesse der Genfer Stadträte trieben Bürgerinnen und Bürger auf die Strasse und weckten das Interesse der Staatsanwaltschaft – sie hat Strafverfahren wegen ungetreuer Amtsführung eingeleitet. Untersuchungen finden auch im Osten statt: Drei Mitarbeiter der Universität St. Gallen werden unter die Lupe genommen. Und auch Verteidigungsminister Guy Parmelin versprach diese Woche, dass der Kräuterschnaps beim Armeekader nicht mehr gleich üppig weitersprudelt.

Niederschwelligste Art der Weisse-Kragen-Delinquenz

Thomas Knecht ist Leitender Arzt der forensischen Psychiatrie in Appenzell Ausserrhoden und verfasst Gutachten von Wirtschaftskriminellen. Er sagt, dass Spesenbetrug die «niederschwelligste Art der Weisse-Kragen-Delinquenz» sei. Diese wird auch Kriminalität der höheren Schichten genannt. Denn die Täter oder Täterinnen haben Kaderstellen oder hohe Posten inne. Ihre Positionen verschaffen ihnen Vertrauen – das sie missbrauchen.

Der Hang zum Tricksen bei Spesenabrechnungen steckt allerdings auch in manchen gewöhnlichen Mitarbeitern. Ob Kader oder Belegschaft: Die Dreistigkeit nimmt in der Regel schleichend zu. Begünstigt wird diese durch ein offen formuliertes Spesenreglement und eine schwache Kontrolle. Knecht sagt:

«Wer sich von der Grau- in die Tabuzone begibt und keine negativen Konsequenzen erfährt, wird mutiger.»

Wer also anfänglich bei den abgerechneten Kilometerzahlen der Autofahrten trickst, führt irgendwann die Partnerin in ein Restaurant – und deklariert den Abend als Geschäftsessen. Bis der Champagnerkorken knallt ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Doch wie viele Mitarbeiter haben schon ihre Spesen in die Höhe geschraubt – und welcher Schaden entsteht dadurch bei Schweizer Unternehmen? «Die Anzahl Fälle von Spesenbetrug ist nicht bekannt. In der Regel werden die Fälle firmenintern untersucht und es kommt nicht zu einer Strafanzeige», sagt Claudia Brunner. Sie leitet den Studienbereich Wirtschaftskriminalistik an der Hochschule Luzern. Anhaltspunkte würden internationale Studien liefern, sagt sie: «Gemäss dem ‹Report to the Nations› macht Spesenbetrug in Westeuropa 13 Prozent der Mitarbeiterdelikte aus.»

Einem Betrug auf die Schliche zu kommen, sei nicht einfach, sagt ein Chefsekretär.

«Es ist eine Minderheit, die betrügt. Aber es wird gemacht, das ist klar.»

Er geht davon aus: Einige tricksen ab und zu, andere gehen systematisch vor. «Wenn man es allerdings in grossen Zügen machen will, wird es aufwendig», sagt er. Wer wie er regelmässig Quittungen prüft, kommt zum Schluss: «Anhand der Spesenabrechnung sieht man, wie einer tickt.» Er hat sie in vier Typen eingeteilt: Der Erste, chaotisch veranlagt, macht sie nie. Der Zweite ist korrekt. Der Dritte rechnet auch eine Autofahrt von drei Kilometern ab, für die er knapp zwei Franken zurückerstattet bekommt. Und der Vierte, der trickst.

Spesen im Übermass: Der Genfer Staatsrat Pierre Maudet. (KEY/Urs Flueeler)

Spesen im Übermass: Der Genfer Staatsrat Pierre Maudet. (KEY/Urs Flueeler)

Das bestätigt auch ein Geschäftsleitungsmitglied, das Spesen prüft. Ihm falle auf, dass die jüngeren Mitarbeiter in der Regel sorgfältiger und pflichtbewusst abrechnen. Bei den über 40-Jährigen falle es «eher nonchalant» aus. Verstösse gegen das Spesenreglement kämen vor. Zuweilen nach dem Motto: «Rausholen, was geht». Oftmals aber auch, weil «diese Personen nicht allzu weit überlegt haben».

Als Beispiel nennt er einen Mitarbeiter, der aus beruflichen Gründen auswärts übernachten musste. Er hat sich bei einer Verwandten einquartiert, die in diesem Ort wohnt. Zum Dank lud er zu einem üppigen Nachtessen. Am Schluss präsentierte er der Firma eine Rechnung von über 500 Franken. Ein Hotelzimmer wäre günstiger gewesen.

Die eigene Inszenierung

Psychiater Knecht sagt, dass es sich bei missbräuchlichen Spesenabrechnungen oft nicht nur um «eine schnöde Bereicherung» handle. Gerade wenn das Geld für gesellige Anlässe ausgegeben wird. Vielmehr gehe es dabei um Selbstdarstellung. Um eine Machtdemonstration. Die psychologische Fachwelt nennt dies den Potlatch-Effekt. Der Begriff bezeichnete ursprünglich Gastmahle, die ein indianischer Häuptling gab, um seine eigene Herrlichkeit zu zeigen. Knecht sagt:

«Dieses Verhalten lässt sich bis heute beobachten. Für ausgewählte Kreise werden üppige Happenings ausgerichtet, um sich selbst als grosszügigen Gastgeber zu inszenieren.»

Nur: Für die Kulanz zahlen am Schluss die Firmen- oder Staatskassen.

«Anständige» Mehrgänger, «limitless» Alkohol und ein paar Helikopterflüge

Bekannt wurden zuerst überbordende Ausgaben für ein Weihnachtsessen in der Schweizer Armee im Jahr 2016: 15000 Franken für 32 Personen soll ein Oberfeldarzt ausgelöst haben. Danach kam eine Reihe weiterer Spesenexzesse in der Armeespitze in die Schlagzeilen.

Ein Korpskommandant lädt 2015 zum Jahresrapport ins Velodrome nach Grenchen. 3500 Mitarbeiter und 500 Gäste kommen und freuen sich an Sängerin Fa­bienne Louves. Der Spass kostet über eine halbe Million Franken. Bekannt werden auch die «Appenzeller-Alpenbitter-Orgien» in Führungsseminarien der Logistikbasis der Armee im Jahr 2014. Auch der Armeechef Philippe Rebord lässt sich nicht lumpen und lädt die 18 Partnerinnen der höheren Stabsoffiziere mit dem Helikopter aus der ganzen Schweiz ins Wallis einfliegen. Die Piloten müssten sowieso auf ihre Flugstunden kommen, verteidigt sich der Armeechef. Und wenn sich die Armeespitze trifft, soll es zu gediegenen Seminaren kommen, an denen es neben «anständigen» Mehrgängern, Alkohol ohne Grenzen gibt. (red)

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