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Interview

Massentourismus: «Es gibt tolle Alternativen – in jedem Land»

Walter Kunz kann mit dem Klagen über den Massentourismus wenig anfangen. Das könne vielmehr auch eine Chance sein, sagt der Geschäftsführer des Schweizer Reiseverbandes und fordert gleichlange Spiesse wie die Airlines.
Dominik Buholzer
Vom Massentourismus besonders betroffen: das malerische Florenz. (Bild: Guido Cozzi/Getty)

Vom Massentourismus besonders betroffen: das malerische Florenz. (Bild: Guido Cozzi/Getty)



Walter Kunz, zusehends mehr Orte erheben im Kampf gegen den Massentourismus eine Eintrittsgebühr. Können sich Reisen bald nur noch Reiche leisten?

Nein, das glaube ich nicht. Es gab schon immer Destinationen, die sehr viele Leute anzogen. Der Massentourismus ist also nicht ein neues Phänomen.

Finden Sie es denn richtig, dass Orte den Zutritt regulieren?

Bei Reservaten oder Naturschutzgebieten finde ich eine strengere Regulierung völlig in Ordnung, aber bei Städten? Man sollte jetzt nicht gleich in Hysterie ausbrechen. Ich war Ende Oktober, also etwas ausserhalb der Hochsaison, in Rom und Florenz. Natürlich hatte es sehr viele Leute in der Stadt – vor allem bei den Sehenswürdigkeiten. Doch weshalb sollte ich mich darüber aufregen? Es zwingt mich niemand, dorthin zu gehen.

Beschönigen Sie die Situation jetzt nicht ein wenig zu sehr?

Nein, ich sehe in der ganzen Entwicklung Chancen für andere Orte.

Wie meinen Sie das?

Wem es in Rom oder Florenz zu viele Leute hat, der weicht womöglich in eine andere Stadt aus, um die Italianità zur erleben. Zum Beispiel Bergamo, welches eine wunderbare Stadt ist. Genau gleich verhält es sich in Spanien. Das Land hat noch viel mehr zu bieten als nur Barcelona. Das haben auch die Reiseveranstalter gemerkt. Sie forcieren vermehrt alternative Destinationen. Die Klassiker wie London, Paris, Wien, Rom, Berlin, Barcelona sind zwar nach wie vor gefragt. Aber es gibt sehr viele tolle Alternativen – in jedem Land.

Definitiv zu eng wurde es im Sommer am europäischen Flughimmel. Verspätungen waren an der Tagesordnung. Müssen Airlines stärker in die Pflicht genommen werden?

Der vergangene Sommer war ein Ausnahmefall. Das Chaos war bedingt durch das Grounding von Air Berlin und Niki und der damit verbundenen Neuvergabe der Zeitfenster für den Start und die Landung der Flugzeuge, der Slots. Mit Verspätungen muss man beim Fliegen heutzutage leider immer häufiger rechnen, aber das Chaos vom vergangenen Sommer dürfte sich nicht mehr wiederholen.

Definitiv stärker in die Pflicht nehmen will der Reiserverband (SRV) die Airlines in Sachen Tickets. Der SRV fordert eine Kundengeldabsicherung, damit bei einem Grounding nicht die Reisebüros die Zeche bezahlen müssen. Ist dies nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

Wir hoffen es nicht. Aber wir stellen uns darauf ein, dass es so schnell keine Lösung geben wird.

Weshalb?

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt will nicht vorpreschen, sondern vertritt die Ansicht, dass das Problem auf europäischer Ebene gelöst werden muss. Doch dort schob man das Thema auf die lange Bank. Also überlegen wir uns Alternativen.

Die da wären?

Wir prüfen eine Versicherungslösung.

Wie muss man sich dies vorstellen?

Wir haben in der Schweiz Garantiefonds, die zum Tragen kommen, wenn ein Reisebüro in Konkurs geht. Über diesen Fonds wird sichergestellt, dass die Kunden auch bei einer Insolvenz des Reisebüros reisen können oder das einbezahlte Geld zurückerhalten. Nun könnte man diese Lösung auch auf Airlines ausweiten. Denn wenn eine Airline groundet, dann entstehen den Reisebüros beim Verkauf einer Pauschalreise erhebliche Mehrkosten, weil der Flug einerseits bezahlt wurde und andererseits ein neuer, meist teurerer Flug beschafft werden muss. Diese zusätzlichen Aufwendungen können dazu führen, dass ein Reisebüro in ernsthafte Schwierigkeiten gerät.... wie kürzlich bei der Air Berlin oder der Skywork.

Deshalb soll künftig in solchen Fällen der Garantiefonds einspringen.

Dies ist eine Möglichkeit, die wir zurzeit mit dem Garantiefonds der Schweizer Reisebranche prüfen.

Die Airlines wären damit fein raus.

Das stimmt, und es ist schwierig, das zu akzeptieren, denn die Reisebüros stellen die einzige Branche in der Schweiz dar, die gesetzlich zu einer Kundengeldabsicherung verpflichtet ist. Also kann die Regelung über den Garantiefonds nur eine Zwischenlösung sein. Irgendwann müssen die Airlines in die Pflicht genommen werden, damit wir gleichlange Spiesse bekommen.

Die Reisebüros durchlaufen generell keine einfachen Zeiten. In welche Richtung geht die Entwicklung?

Wir stellen erfreut fest, dass der stationäre Verkauf, also die Reisebüros, wieder mehr Zulauf verzeichnen. Klar ist, die Entwicklung geht schon länger Richtung Verzahnung der verschiedenen Vertriebskanäle online und offline.

Also müssen die Reisebüros Portalen wie booking.com die Stirn bieten?

Um Himmels willen nur das nicht. Das würde im Fiasko enden.

Weshalb?

Weil ein kleines Reisebüro gar nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügt, um seine Internetseite zu bewerben.

Um was geht es dann?

Ein Inhaber eines Reisebüros muss nicht nur eine gute Beratung bieten, sondern auch technikaffin sein. Will er künftig erfolgreich sein, darf er sich der Digitalisierung nicht entziehen. Es gibt unzählige digitale Hilfsmittel, die einem Kunden heute das Reisen vereinfachen.

Welche?

Es gibt beispielsweise immer mehr Reisebüros, die eine App anbieten, in der der Kunde alle seine Reiseunterlagen findet. Vom Reiseprogramm über das Flugticket zu den Hotelvouchers bis hin zum Reiseführer. Gleichzeitig kann die Reisedokumentation selbstverständlich auch auf Papier ausgehändigt werden, so dass er frei wählen kann.

Aber sind die Zeiten, wo ein Reisebüro sämtliche Destinationen ­abdeckte, nicht längst vorbei?

Ja und nein. Wir haben zusammen mit der Universität Bern eine Studie dazu erarbeitet, die klar zum Schluss kommt, dass das Reisebüro der Zukunft über ein klares Profil verfügen muss.

Die Entwicklung geht also Richtung Spezialisierung.

Man sollte das eine tun, das andere aber nicht unbedingt sein lassen. Das heisst: Wenn ein Reisebüro eine Kernkompetenz bei einem Kontinent, beispielsweise Afrika, oder einer Reiseart, Golfreisen, Trekking oder was auch immer hat, dann sollte es diese forcieren. Aber wenn ein Kunde nach einen Städteflug nach Prag fragt, sollte das Reisebüro diesen deswegen nicht gleich abweisen. Denn ein qualifiziertes Reisebüro ist in der Lage, sich die notwendigen Informationen über die jeweilige Destination zu beschaffen und dem Kunden danach eine professionelle und qualifizierte Beratung zu geben.

Werfen wir einen Blick auf 2019: Welches wird im nächsten Jahr die neue Trenddestination?

Um dies schlüssig zu beantworten, ist es noch zu früh. Die einen sagen, es werde im Badeferienbereich Albanien sein. Wirklich beurteilen lässt sich dies erst ab Ende Januar, wenn die ersten Buchungen vorliegen.

Hat Albanien das Zeugs zu einer Trenddestination?

Man sollte solche Bezeichnungen nicht überbewerten. Auch wenn Albanien sich nun plötzlich im Aufwind befindet, so wird das Wachstum in absoluten Zahlen auf einem sehr überschaubaren Niveau sein. Jährlich reisen gut zwei Millionen Schweizer nach Spanien in die Ferien. Da dürfte Albanien also eher im Promille- als im Prozentbereich davon liegen.

Zur Person

Walter Kunz (57) ist Geschäftsführer des Schweizer Reiseverbandes. Vor seiner Verbandstätigkeit war er für diverse namhafte Schweizer Tour Operators tätig, startete seine Karriere bereits mit der kaufmännischen Ausbildung im Reisebüro und als Reiseberater.

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