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«Es war alles ein verdammter Fake»: Schweizer Adoptiveltern packen aus

In den 1980er Jahren wurden viele Kinder illegal adoptiert. Oft auch solche, die in Sri Lanka aus Heimen und Spitälern gestohlen worden waren. Auch die Tochter der Familie Tanner ist illegal adoptiert worden. Die Adoptiveltern sprechen nun erstmals offen darüber.
Interview: Annika Bangerter
Die Familie Tanner in den 1980ern, noch arglos und glücklich mit ihrer Adoptivtochter aus Sri Lanka. (Bild: PD)

Die Familie Tanner in den 1980ern, noch arglos und glücklich mit ihrer Adoptivtochter aus Sri Lanka. (Bild: PD)

Der heute 69-jährige F. Tanner sitzt neben seiner Frau, C. Tanner, am Küchentisch. Tanners wollen reden. Über ihre Wut und Ohnmacht. Damit leben sie, seit die älteste ihrer beiden Töchter nach ihrer leiblichen Familie sucht. Ohne Erfolg. Tanners sind die ersten Adoptiveltern in der Deutschschweiz, die öffentlich über ihre Geschichte sprechen. Dafür kehren sie in ihren Erinnerungen zurück ins Jahr 1981, als ein Telegramm ins Haus flatterte: Ein Kind sei für Tanners gefunden worden. In Sri Lanka erwarte sie eine Anwältin namens Dawn de Silva.

Wo haben Sie die Anwältin Dawn de Silva erstmals getroffen?

F. Tanner: Am Flughafen in Colombo. Als erstes fragte sie uns, ob wir die 750 Dollar dabei hätten. Das Konsulat hatte uns darüber schon informiert; mit ihr hatten wir vorgängig keinen Kontakt. Nachdem ich Dawn de Silva das Geld in die Hände gedrückt hatte, wollte sie uns eine Rundreise andrehen. Diese hätte 1600 Dollar pro Person gekostet. Wir lehnten ab.

Hat Dawn de Silva Sie zu Ihrer Tochter gebracht?

C. Tanner: Ja, sie fuhr mit uns in ein Kinderheim. Das war erschreckend. Mit den Holzlatten wirkte das Gebäude wie ein Kuhstall. Auf den Bastmatten am Boden lagen überall Kinder. Sie hatten Windeln an, sonst nichts. Es gab noch mindestens einen weiteren Raum. Denn die zwei Kinder, die uns Miss Dawn brachte, holte sie in einem Nebenraum.

Weshalb zwei Kinder?

C.T. Zuerst drückte sie uns ein falsches Kind in die Arme. Es war etwa ein halbes Jahr alt. Doch für ein Kind in diesem Alter hatten wir keine Papiere. Die Behörden bewilligten uns, mit einem Baby von höchstens drei Monaten in die Schweiz einzureisen. Miss Dawn antwortete bloss: Oh, das ist nicht das richtige Kind? - nahm es von meinem Schoss und verschwand im Nebenzimmer. Da war mir mulmig zumute. Ich dachte noch: Jesses, was macht sie denn? Da trat sie schon mit unserer Tochter durch die Tür.

Wie war dieses erste Treffen?

C.T.: Ich war völlig überfordert. Sie war sehr klein und hatte ganz dünne Beine – als ob sie eben erst geboren worden wäre. Wir wollten, dass das Kind medizinisch versorgt wird. Im Spital zeigte die Waage, dass sie bloss 1,7 Kilogramm wog.

Ist Ihnen das vor Ort nicht aufgefallen?

F.T. Es gab diese Momente, die uns seltsam dünkten. Etwa, als Dawn de Silva das falsche Kind brachte. Aber wir dachten: Das ist eine Anwältin, sie weiss, was sie zu tun hat. Die offizielle Behörde in Sri Lanka, die «Child Care Commission», vermittelte sie uns. Dieses Amt und die Schweizer Behörde hatten uns vorgängig auf Herz und Nieren geprüft. Also musste doch alles lupenrein sein, dachten wir.

Haben Sie die leibliche Mutter getroffen?

C.T. Bei der Adoption vor Gericht war eine Frau, die uns das Kind übergab. Damals wussten wir nicht, dass Frauen angeheuert wurden, um vor Gericht eine Mutter zu spielen.

Babyhandel

Anders als die ältere Tochter von Tanners, hat das jüngere Adoptivkind ihre Mutter vor rund zwei Jahren gefunden. Bei ihr stimmten Papiere und Angaben. Nicht alle Kinder sind durch Betrug in die Schweiz gekommen. Wie viele mit falschen Dokumenten hierher kamen, ist bis heute unklar. Das Bundesamt für Justiz hat noch knapp ein Jahr Zeit, um einen Bericht über die illegalen Adoptionen aus Sri Lanka vorzulegen. Das fordert ein Postulat von SP-Nationalrätin Rebecca Ruiz. Die Schweizer Behörden waren bereits ab Dezember 1981 gewarnt. Die sri lankische Presse berichtete über den Kinderhandel im Land: Weniger als zehn Prozent der Kinder seien 1981 unter regulären Bedingungen zur Adoption freigegeben worden. Babys seien aus Heimen gestohlen wurden. Die Presse nannte auch die Staaten, die in das «Geschäft mit Kindern» involviert waren. Mit dabei: die Schweiz.

Haben Sie in den 80er-Jahren vom Adoptionsskandal in den Schweizer Medien gelesen?

F.T.: Ja, im Beobachter. Ich bin aus allen Wolken gefallen – und habe gleich das Abo gekündigt. Meine Haltung war: Das geht uns nichts an. Ich war wütend auf die Journalisten und dachte, was fällt ihnen ein, solche Artikel zu schreiben. In der Schweiz leben Tausende von Adoptiveltern und nun sollen wir alle die Dummen sein? Ich war total beleidigt.

Wann haben Sie gemerkt, dass bei der Adoption doch nicht alles mit rechten Dingen zu- und hergegangen war?

F.T.: Als unsere Tochter begann, Fragen zu stellen und auf Widersprüche stiess. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren. Rasch realisierten wir: alles liegt im Argen.

In ihren Dokumenten stehen zwei unterschiedliche Geburtsorte. Ist das nicht aufgefallen?

F.T.: Nein. Ich habe zwar die englische Übersetzung der Dokumente angeschaut – doch die schien in Ordnung zu sein. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, ein amtliches Dokument zu hinterfragen. Ich war total obrigkeitsgläubig. Am Zoll stellte niemand Fragen. Auch auf der hiesigen Vormundschaftsbehörde wurde niemand stutzig, obwohl sie alle Dokumente hatten. Es ist der absolute Horror. Wir durchliefen einen Behörden-Klüngel. Wir zeigten alles von uns. Meine Frau musste gar zum Psychiater, weil sie sagte, sie wolle keine eigenen Kinder zur Welt bringen. Ich hatte den Behörden vertraut. Ich war überzeugt davon, dass wir etwas Gutes tun. Doch nun, 37 Jahre später, müssen wir feststellen, es war alles ein verdammter Fake. Und ich bin der Trottel, der auf die Saubande reingefallen ist.

Was lief in der Schweiz schief?

F.T.: Wir mussten nach der Einreise, sämtliche Dokumente aus Sri Lanka an die Vormundschaftsbehörde unserer Gemeinde abgeben. Als ich die Unterlagen später anforderte, fehlten der Geburtsschein und die Verzichtserklärung der leiblichen Mutter. Die Papiere tauchten nie mehr auf.

Haben Sie nie Angst, dass Sie an zweiter Stelle kommen, wenn Ihre Tochter die leibliche Mutter finden würde.

C.T.: Nein. Unsere jüngere Tochter kennt ja ihre leibliche Mutter. Aber die Kindheit und all die gemeinsamen Jahre, das lässt sich niemals streichen. Hier ist ihr Zuhause, in Sri Lanka sind ihre Wurzeln. Es ist wichtig, dass man diese kennt. Ich hoffe, dass unsere ältere Tochter auch noch ihre leibliche Mutter findet.

Der Fall Olivia Tanner

Olivia Tanner ist 34 Jahre alt, als sie Verdacht schöpft. Den Verdacht, dass ihre leibliche Mutter sie nicht freiwillig zur Adoption freigegeben hat. Sie reist nach Sri Lanka und sucht mit Unterstützung ihrer Adoptiveltern nach Spuren. Ohne Erfolg. Ihre Geburt ist nicht registriert; sämtliche Angaben ihrer angeblichen Mutter bestätigten sich vor Ort nicht. Es scheint, als hätte die Frau nie existiert.
Das Ehepaar Tanner war über Bekannte, die ein Kind aus Sri Lanka adoptiert hatten, auf die Idee gekommen. Schon vor ihrer Heirat hatten sie gewusst, dass sie Kinder aus dem fernen Ausland adoptieren möchten. Über das sri-lankische Konsulat und die Anwältin Dawn de Silva kamen sie 1981 zu ihrer Adoptivtochter Olivia. Heute ist Olivia 37-jährig und hofft auf einen Treffer in der DNA-Datenbank, um wenigstens die Region herauszufinden, aus der sie stammt. Über eine solche Datenbank hat Olivia eine ­Cousine gefunden, die ebenfalls in
der Schweiz aufgewachsen ist. Zusammen haben sie den Verein Back to the Roots gegründet, um die Adoptionspraxis in den 80er-Jahren aufzuarbeiten. Denn im vergangenen Jahr hat ein holländisches TV-Team einen weitreichenden Adoptionsbetrug in den 80ern festgestellt und dabei von Babyhandel gesprochen. (red)

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