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ETH-Professor Prasser zur Atomenergie: «Es wird nie null Risiko und null Abfall geben»

Bruno Knellwolf

Heute Abend wird im Volkshaus Zürich das Buch «Atomfieber» vorgestellt. An der Podiumsdiskussion wird auch Horst-Michael Prasser, Professor am Labor für Energietechnik der ETH Zürich, teilnehmen. Er gilt alsVerfechter der Atomenergie, anders werde man die CO2-Problematik nicht in den Griff bekommen.

Der Unfall in Fukushima hat zum Ausstieg der Schweiz aus der Atomenergie geführt. Warum hat die Katastrophe global keine solch grosse Wirkung?

Horst-Michael Prasser: Der friedlichen Kernenergienutzung haben letztlich die Fehler der eigenen Branche am meisten geschadet. Allen voran Tschernobyl und Fukushima. Und das, obwohl jeweils bekannt war, wie man es besser hätte machen müssen. Ich denke, der Ausstieg ist nicht global, weil man in anderen Ländern nüchterner denkt.

Was heisst das?

Jeder eingetretene Störfall bestätigt die gefühlsmässige Ablehnung der Technologie als Ganzes. Trotzdem sind es kausale Zusammenhänge, wenn aus einem Naturereignis wie dem Tsunami in Fukushima eine Kernschmelze wird. Erkennt man diese nüchternen Zusammenhänge des Unfalls, so nimmt das die Angst. Man kann es besser machen. In Fukushima ist der Störfall in den wichtigsten Punkten eigentlich nach Lehrbuch eskaliert. Mit diesem Wissen wurden lange vor Fukushima die Werke in der Schweiz nachgerüstet und weltweit die seit dem Jahr 2000 verfügbaren Neubautypen entwickelt. Die bauen nun andere.

Zum Beispiel China, wo man sogar von einem Aufschwung der Kernenergie spricht.

Das ist sicher nicht der Aufschwung, den ein effizienter Klimaschutz braucht. China baut immer noch mehr Kohlekraftwerke als alles andere. Und das trotz eines ambitiösen Ausbaus auch der Erneuerbaren. Die westlichen Industrienationen müssen ran. Die Technik mit einem verantwortbaren Sicherheitsniveau, nämlich die Kernkraftwerke der Generation III, werden aber nur sehr zögerlich eingeführt.

Wird man weltweit mehr auf Atomenergie setzen, um die CO2-Problematik besser in den Griff zu bekommen?

Umgekehrt. Man wird die CO2-Problematik nur dann ausreichend effizient in den Griff bekommen, wenn man die Kernenergie nicht ausklammert. Wie lange muss das Beispiel Deutschland noch reifen? Kernenergie durch Erneuerbare zu ersetzen, bringt offensichtlich nur gesamtgesellschaftlich höhere Kosten. Die Kohle ist Deutschland nicht losgeworden. Jetzt folgt wahrscheinlich ein Übergang zur Nutzung von Erdgas.

Die Entsorgung des Atommülls ist bis heute ein ungelöstes Problem. Wäre das technisch lösbar und fehlt nur die Akzeptanz für die Endlagerung?

Fehlende Akzeptanz resultiert aus Ängsten. Ich habe den Eindruck, dass diese Ängste ernst genommen werden und das Problem der Standortsuche in der Schweiz letztlich gelöst wird. Dann fällt allerdings auch die Entsorgung als Knock-out-Argument gegen die Kernenergie weg. Ich selbst halte die Forschungsergebnisse für überzeugend, weil sie ausgehend von meinem physikalischen und chemischen Wissen nachvollziehbar sind.

Die Kernenergieforschung geht weltweit weiter. Ist da ein Durchbruch zu erwarten?

Es wird nie null Risiko und null Abfall geben. Alles in diese Richtung Gehende ist Wunschdenken oder sind leere Versprechungen. Das Dumme ist nur, dass das für jede Technik gilt. Nur die Abwägung hilft, einen optimalen Weg zu finden. Nachteile der Kernenergie gegen ihre Vorteile. Ein Durchbruch wäre es, einen Reaktor serienreif zu haben, der auch das heute kaum genutzte Hauptisotop des Urans U-238 und einen Teil des nuklearen Abfalls effizient verwerten könnte. Ein Reaktor bei dem Sicherheitssysteme vereinfacht und damit zuverlässiger und überschaubarer gemacht werden können. Dahin geht die Forschung. Heute kocht das in der westlichen Welt nur auf kleiner Flamme.

Wird die zivile und militärische Nutzung der Kernenergie zu stark vermischt?

Atombombe und Kernkraft haben nun mal die gleichen physikalischen Grundlagen und die gleichen Grossväter. Aber es gehört zur Mythospflege, die Unumstösslichkeit der Verbindung zwischen Kernenergie und Kernwaffe zu beschwören. Ebenso wie die teils offene, teils subtile moralische Niederstufung der Befürworter der Kernenergie. Denen werden immer in erster Linie ihre akuten wirtschaftlichen Interessen oder als reaktionär erachtete Nationalinteressen vorgehalten. (Kn.)

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