Zum Tag der Frau: Nur wenn wir mehr über Sex reden, werden wir alle glücklich

Zum Tag der Frau: Nur wenn wir mehr über Sex reden, werden wir alle glücklich

Nur ein Ja gilt. Fragen ist notwendig, um Missverständnisse und Übergriffe zu verhindern. Der Erotik tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Ein Plädoyer für mehr Gespräche über Lust und Unlust.

Katja Fischer De Santi
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In diesem Text geht es um Sex zwischen Frau und Mann und darum, wie es nicht mehr laufen sollte. Aber es geht nicht um Gerichtsfälle, es geht nicht um Vergewaltigungen, es geht darum, was wir alle tun können, damit es zu weniger Missverständnissen zwischen den Geschlechtern und zwischen den Laken kommt. Denn zum heutigen Tag der Frau soll nicht angeklagt, sondern aufgeklärt werden. Dieser Text richtet sich an Mütter. Mütter von Söhnen wie mich selbst – und meint die Väter mit.

Denn Mütter von Töchtern haben sich daran gewöhnt, dass sie ihre Töchter vor den «falschen» Männern warnen. Dass sie ihnen eintrichtern, vorsichtig zu sein, nicht alleine im Dunklen nach Hause zu gehen, nicht zu viel zu trinken, keine zu kurzen Röcke zu tragen.

Mädchen lernen früh, dass es an ihnen liegt, nicht Opfer zu werden.

Das ist falsch und wird als «Victim Blaming» schon lange kritisiert.

Katja Fischer De Santi, Autorin der Schweiz am Wochenende

Katja Fischer De Santi,
Autorin der Schweiz am Wochenende

Doch wer spricht mit den Buben, den jungen Männern darüber was sie tun können, um nicht zum Täter zu werden? Väter werden da schnell sehr wortkarg. Meinen, sie hätten stets intuitiv gemerkt, wann es einer Frau zu viel geworden sei. Sicher? Immer? Wohl kaum.

Kein Mann kann sicher sein, wenn er nicht nachfragt

Die allermeisten Männer in der Schweiz sagen von sich aus, dass sie sich nicht über ein «Nein» einer Frau im Bett hinwegsetzen würden. Doch die Realität ist eine andere: Kein Mann kann heute mit absoluter Sicherheit sagen, dass jeder Sex, den er je mit einer Frau hatte, auch von ihr als lustvoll und fair empfunden wurde. Das gilt für flüchtige Bekanntschaften, aber gerade auch in langjährigen Ehen.

Eine aktuelle Umfrage im Auftrag von Amnesty International zeigt, dass 22 Prozent der in der Schweiz lebenden Frauen schon ungewollte sexuelle Handlungen erleben mussten. Dabei geht es in den meisten Fällen nicht um Vergewaltigungen, schon gar nicht um solche nach Schweizer Strafrecht, das eine Nötigung, also konkrete Gewaltanwendung, voraussetzt. Es geht um Sex bei dem man sich massiv unwohl fühlt. Bei dem eine Grenze überschritten wird. Es gibt wohl keine Frau, die nicht von solchen Erlebnissen berichten könnte. Und wenn man ganz hartnäckig nachfragen würde, auch keinen Mann. «Die #Metoo-Debatte hat für viele Menschen bewirkt, Jahre später verstehen zu können, dass das, was sie als vielleicht schlechten oder komischen Sex in Erinnerung hatten, etwas war, das gegen ihren Willen geschehen ist. Das es vielleicht schon sexuelle Nötigung war, möglicherweise eine Vergewaltigung», schreibt Teresa Bücker in einem kürzlich veröffentlichten Essay in der «Süddeutschen Zeitung».

Die Schauspielerinnen Asia Argento (links) und Rose McGowan (rechts), die bereits an der Schaffung der #Metoo-Bewegung beteiligt waren, protestieren am Tag der Frau in Rom.

Die Schauspielerinnen Asia Argento (links) und Rose McGowan (rechts), die bereits an der Schaffung der #Metoo-Bewegung beteiligt waren, protestieren am Tag der Frau in Rom.

Bild: Keystone

Männer glauben, dass sie Frauen zum Sex überreden müssen

Bückner zitiert in ihrem Text auch aus einer US-Studie zu Übergriffen auf Universitätsgeländen. Einer von vier jungen Männern gaben bei dieser Befragung an, dass er der Meinung sei, dass Frauen zum Sex überredet werden müssten. Von den jungen Frauen glaubte das nur eine von zehn.

Dass der Mann die Frau erobern muss, dass die Frau sich zieren muss, dieser anerzogene Stereotyp ist Mitschuld daran, dass jede fünfte Frau in der Schweiz angibt, schon sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erlebt zu haben. Das beginnt bei Zungen, die ungefragt in Münder gesteckt werden, geht über Köpfe, die ungefragt Richtung Schoss gedrückt werden.

Er will immer, sie will fast nie. Er ist aktiv, sie passiv.

Solange diese Rollen in unseren Köpfen verankert sind, und wir sie direkt oder indirekt an unsere Kinder weitergeben, solange kann kein Mann mit Sicherheit sagen, dass er nie übergriffig geworden ist. In hiesigen Schlafzimmern gilt noch immer das ungeschriebene Gesetz, dass der Mann so lange weitermacht, bis er fertig ist oder die Frau sich wehrt. Davon müssen wir weg kommen. Frauen und Männer gemeinsam.

«Ja heisst Ja» muss vor allem in den Köpfen etwas ändern

Amnesty International plädiert für eine grundsätzliche Änderung im Schweizer Sexualstrafrecht, nämlich für die Einführung einer «Ja heisst Ja»-Regel. Das gegenseitige Einwilligung wäre somit die Voraussetzung für jede sexuelle Handlung, alle sexuellen Handlungen ohne Einwilligung sollten strafbar werden. Als Schweden eine solche Definition 2018 einführte, gingen die Wogen hoch. Sie haben sich schnell wieder geglättet.

Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven bezeichnet sich selbst als feministisch – Seine Regierung hat bereits einen «Ja heisst Ja»-Paragraphen eingeführt.

Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven bezeichnet sich selbst als feministisch – Seine Regierung hat bereits einen «Ja heisst Ja»-Paragraphen eingeführt.

Bild: Keystone

Bislang gibt es erst einen Fall, wo aufgrund dieses neuen Gesetztes ein Mann des sexuellen Übergriffs verurteilt wurde. Er hat bei einer Frau übernachtet, diese hatte ihm zuvor klar zu verstehen gegeben, dass sie keinen Sex wollte. Er hat es trotzdem versucht, sie genötigt, ist in sie eingedrungen. Dem Gericht hat er bereitwillig zu Protokoll gegeben, dass er ihr anfälliges Nein nicht ernst genommen habe. Er habe gespürt habe, dass sie es auch wolle, ihre Hüften hätten sich bewegt. Gefragt, ob sie es auch wollte, hat er sie nicht.

So lange Männer davon ausgehen, dass sich Frauen schon wehren, wenn es ihr nicht gefällt, so lange wird sich nicht viel ändern.

Doch die sich wehrende Frau ist ein Mythos. Wie ein Artikel in der «Schweiz am Wochenende» letzten Samstag darlegte, fallen viele Frauen während sexueller Übergriffe in eine Schockstarre. Sie können sich nicht wehren.

Die Frage nach der Lust ist alles andere als lustfeindlich

«Ja heisst Ja», geht trotzdem selbst vielen Frauen zu weit. Soll man vor dem Geschlechtsverkehr einen gemeinsamen Vertrag aufsetzten, witzeln die einen, den endgültigen Verlust jeglicher Erotik fürchten die anderen. Soweit muss und wird es nicht kommen. Die Einführung eines solches Gesetzespassus würde kaum zu mehr Verurteilungen führen. Denn letztlich steht Aussage gegen Aussage. Aber in den Köpfen könnte sich viel ändern. Dahingehend dass die kommende Generation von Söhnen (und Töchtern) damit aufwächst, dass es selbstverständlich ist, dass man seinen Partner vor dem Sex fragt, worauf er Lust hat, ob er überhaupt Lust hat. Damit dieses undurchsichtige, von alten Konventionen durchseuchte Spiel von männlicher Eroberung und weiblicher Zurückweisung endlich ein Ende findet.

Das nimmt auch die Frauen in die Pflicht.

«Ja heisst Ja», funktioniert nur, wenn das Ja einer Frau auch wirklich «Ja, ich will dich» meint.

Wenn Frauen bereit sind ihre Lust aktiv zu leben, im Bett nicht tun, was sie glauben tun zu müssen, um zu gefallen, sondern dass tun, was ihnen wirklich gefällt. Wenn wir alle lernen unverkrampfter über Sex und unsere Wünsche zu sprechen. Und vor allem, wenn auch Frauen Männer fragen: «Willst du...?» . Es gibt schliesslich genügend Beweise, dass die weibliche Lust der männlichen in keinster Weise unterlegen ist, im Gegenteil!

Was ich meinen Söhnen über Sex erzählen werde

Ich will meinen beiden Söhnen keinesfalls das Gefühl mit auf den Weg geben, sie seien Täter, ihre Männlichkeit «toxisch». Ich will ihnen sagen, dass sie schlafen können mit wem sie wollen, wie oft sie wollen, aber nur, wenn ihre Partnerin dies auch möchte. Und wenn sie nicht sicher sind, dann sollen sie fragen. Immer!

Ich werden ihnen sagen, dass Überreden im Bett keine Option ist, dass Betrunken sein, keine Ausrede ist. Dass sie fragen sollen, «darf ich dich küssen?», statt «ich will dich küssen!» zu fordern. Ich werde ihnen sagen, dass Sex in Pornos nichts mit dem Sex zu tun hat, den sie mit gleichberechtigten Frauen erleben werden. Ich werde ihnen sagen, dass es die Erotik einer Nacht in keinster Weise abmildert, wenn man einander ins Ohr flüstert, was man gerne als nächstes tun würde. Ich werde ihnen erklären, dass es essenziell ist, über Sex zu reden. Nicht mit mir, (sie werden froh sein, wenn ich damit aufhöre) sondern mit den Frauen, die sie begehren. Ich werde ihnen erzählen, dass Lust explosiv, radikal, albern, kurios, zart oder kraftvoll sein kann. Aber sie nur aus der Zustimmung entsteht: dem Ja. Und zwar eines, dass sie hören, statt nur vermuten.

Hätte ich zwei Mädchen, ich würde ihnen genau das Gleiche sagen.