ESSEN: Birchermüesli «reloaded»

Egal, welcher Ernährungsform man gerade huldigt, das Birchermüesli passt immer. Seit 115 Jahren ist es das perfekte Frühstück. Was früher einfach gesund war, wird heute als «Super Food» verkauft.

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Selbst geröstet und mit allerlei bunten Zutaten wie Cranberries oder Kürbiskerne wird das Müesli zum Hingucker. (Bild: Getty)

Selbst geröstet und mit allerlei bunten Zutaten wie Cranberries oder Kürbiskerne wird das Müesli zum Hingucker. (Bild: Getty)

Katja Fischer de Santi

Das Frühstück ist eine verführerische Mahlzeit. Verführerisch, sie ganz wegzulassen, um eine halbe Stunde Schlaf herauszuschinden – vor allem unter der Woche. Verführerisch aber auch, den Start in den Tag mit frischem Brot und noch mehr Butter darauf zu starten. Bekanntlich soll man ja morgens essen wie ein König, zu Mittag wie ein Edelmann und abends wie ein Bettler. Dummerweise hat die Realität längst gezeigt, dass ein üppiges Frühstück vor allem eines ist: die perfekte Grundlage für ein paar Kilo zu viel. Was also tun?

Geraffelte Äpfel und Milch

Zwar hatte Maximilian Oskar Bircher-Benner nicht einen wohlstandsverwöhnten Büromenschen vor Augen, als er vor 115 Jahren das erste Birchermüesli anrührte, aber seine Rezeptur aus Haferflocken, Wasser, geraffelten Äpfeln, Nüssen und etwas Milch gilt noch heute als das perfekte Frühstück.

Bircher, in vielem seiner Zeit voraus, war überzeugt, dass rohe und möglichst naturbelassene Lebensmittel wertvoller seien als gekochte und verarbeitete Nahrung. 1900 wurde er dafür ausgelacht, heute ist Birchermüesli wohl das einzige schweizerdeutsche Wort, welches weltweit benutzt wird und weltweit für ein irgendwie gesundes Getreide-Früchte-Mus steht.

Oder besser: stehen sollte. Was wir heute als Müesli-Fertigmischungen im Supermarkt kaufen, hat meist nicht mehr viel mit Birchers Ur-Mischung zu tun, als dass darin noch einige Bestandteile von Getreide zu finden sind. Denn ein Müesli ist kein Brei, ist kein Porridge, ist kein Granola, ist kein süsser Snack. Und ein Müesli wird auch nicht besser, wenn man einfach alles, was sich gut trocknen lässt und gerade noch zusammenpasst, in die Mischung gibt.

Nur mit Nüssen, ohne Milch

Vielleicht hat sich das Müesli aber gerade wegen seiner «Flexibilität» zu einer Trendmahlzeit mit Langzeitwirkung gemausert. Ganz egal, welcher Ernährungsform man gerade huldigt, das Müesli passt immer. Laktose-Allergiker rühren es mit Sojamilch an. Weizenverweigerer und Steinzeit-Diätler greifen zur Mischung mit Nüssen und allerlei Samen. Veganer und Rohköstler laden mit Müesli ihre leeren Proteinspeicher auf. Figurbewusste greifen zur fettfreien, aber ballaststoffreichen Version. Gourmets pilgern für ihre Müeslimischung in die Fine-Food-Abteilung. Naschkatzen sehen vor lauter Honig und Schokolade die Flocken nicht mehr, während Ayurveda-Anhänger auf warme Müesli aus Ur-Getreide schwören. Und all jene, denen es schon beim Anblick der Müesliauswahl im Supermarkt schwindlig wird, seien gewarnt: Es wird noch viel komplizierter!

Granola heisst das neue Zauberwort in der Müesliwelt. Wobei Müesli und Granola die gleichen Zutaten haben: Haferflocken, Früchte, Nüsse und Kerne. Der Unterschied besteht in der Herstellung. Für Granola werden die Haferflocken mit Honig, Zucker oder Ahornsirup geröstet, sie bekommen so einen süssen Geschmack und werden schön «crunchy», will heissen, sie knirschen und knacken beim Essen.

Hoher Zucker- und Fettanteil

Bei uns sind Granolas schon länger unter dem Begriff «Knuspermüesli» bekannt. Der grosse Nachteil dieser Fertigmischungen ist ihr zum Teil enorm hoher Zucker- und Fettanteil. Gesellen sich dann noch ein paar Schokoladenstücke dazu, könnte man zum Frühstück getrost auch ein Croissant mit viel Konfitüre verspeisen.

Die US-Amerikaner haben dies – nach fünf Jahrzehnten der Volksverfettung mit Cornflakes – auch erkannt. Auf ihre leckeren Knuspermüesli mögen sie trotzdem nicht verzichten. Sogenannte Granola-Shops und Granola-Cafés sind deshalb in den USA gerade schwer angesagt. Diese bieten zu jeder Tageszeit zig verschiedene, frisch geröstete Mischungen an. Wer kein solches Café in der Nähe hat, röstet sich sein Müesli im Backofen selbst (siehe Kasten).

Eine ähnliche Idee verfolgt seit 2007 der deutsche Onlineshop mymuesli.com. Aus über 80 Zutaten von Amaranth gepufft über Kokoschips, schokolierte Espressobohnen oder Hafer-Crunchy können Millionen verschiedener ­Müesli zusammengestellt werden. Fast monatlich kommen neue Zutaten hinzu. Denn die Müesliwelt ist hip geworden. Ob sagenhafte Chia-Samen oder exotisches Matcha-Pulver: Mit nur einem Klick wird aus dem muffigen Birchermüesli ein Powerfood mit Trendpotenzial.

Das «Schlanker-leben-Müesli»

Mymuesli bietet auch 45 Fertigmischungen an. Darunter ein «High-Protein-Müesli» für Bodybuilder, ein «Schlanker-leben-Müesli» für Übergewichtige, ein «Piraten-Müesli» für Kinder oder ein «Beauty-Müesli» mit Sanddorn und Gojibeeren, entwickelt von Weleda.

Besser und länger leben mit Müesli, könnte es bald einmal heissen. Was im Prinzip nichts Neues wäre: Denn wer weiss, wo die Menschheit heute stünde, hätte sie nicht irgendwann, als ihre Häuser noch auf Pfählen standen, angefangen, Getreidebreie zu essen? Lecker waren diese schleimigen Eintöpfe mit Sicherheit nicht, aber sie machten satt und hielten warm.