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Fleisch ohne Tierleid: Ist das der Burger der Zukunft?

Fleischkonsum ohne schlechtes Gewissen, geht das? Ja, sagen Pioniere wie Mark Post, die im Labor am Hamburger der Zukunft tüfteln. Ihrem Ziel sind sie dabei bereits verblüffend nahe.
Gregory Remez
Der niederländische Physiologie-Professor Mark Post präsentiert seinen gezüchteten Rindfleischburger. (Bild: Simon Dawson/Bloomberg (London, 6. August 2013))

Der niederländische Physiologie-Professor Mark Post präsentiert seinen gezüchteten Rindfleischburger. (Bild: Simon Dawson/Bloomberg (London, 6. August 2013))

Das Angebot des Niederländers Mark Post klingt unverschämt gut: Fleisch für alle – kein Tierleid. Der Physiologie-Professor von der Universität Maastricht will bald einen Burger auf den Markt bringen, für den kein Schwein oder Rind je wieder eine Klaue in den Schlachthof setzen müsste.

Dazu setzt er nicht auf pflanzliche Ersatzprodukte – wie sie etwa in Form von Soja- oder Quornburgern längst in den Kühlregalen der Grossverteiler zu finden sind –, sondern auf die einzige Fleischalternative, die seiner Meinung nach das Potenzial hat, auch Nicht-Vegetarier geschmacklich zu befriedigen. Die Rede ist von kultiviertem oder In-vitro-Fleisch, also Fleischprodukten, die aus tierischen Stammzellen im Labor gezüchtet werden (siehe Box). Der einzige Schaden, den Tiere dabei nehmen, ist der kleine Einstich der Spritze, wenn die ursprünglichen Zellen entnommen werden.

Die Idee für die Kultivierung von Tierzellen ist nicht neu. Sie stammt aus der regenerativen Medizin. Mark Post, so etwas wie der Pate des noch jungen Forschungszweigs, beschäftigte sich bis vor ein paar Jahren noch mit der Heilung von Herzgewebe. Dann wechselte er das Feld und verblüffte die Weltöffentlichkeit ein erstes Mal, als er in London 2013 unter grossem Presserummel den ersten In-vitro-Rindfleischburger vorstellte.

«Ich glaube, in vielleicht 30 Jahren werden wir keine Tiere mehr töten müssen, und alles Fleisch wird entweder sauber oder pflanzlich sein, gleich schmecken und für alle gesünder sein.»

Zwar schmeckte dieser, wie die beiden anwesenden Testesser monierten, noch etwas fad und bewegte sich preislich in Sphären norditalienischer Sportwagen – die 140 Gramm künstliches Rindfleisch hatten über 250'000 Franken gekostet. Nichtsdestotrotz hatte Post bewiesen, dass es möglich ist, aus wenigen tierischen Stammzellen echtes Fleisch herzustellen. Es war eine kleine kulinarische Sensation, gefolgt von einem medial orchestrierten Abgesang auf die Massentierhaltung.

Silicon Valley investiert in kultiviertes Fleisch

Zweifellos war dieser etwas verfrüht. Doch seit der Präsentation von Posts schweineteurem Rindfleischburger ist auf dem unbeackerten Feld der «zellulären Landwirtschaft» viel passiert. 2016 gründete Post in Maastricht die Firma Mosa Meat und machte sich auf die Suche nach Investoren mit Hang zum Idealismus. Fündig wurde er – wenig überraschend – im Silicon Valley, dem Spielzimmer der sogenannten «mission-driven investors».

Innert kurzer Zeit waren Bill Gates und Kimbal Musk, der Bruder des Tesla- und SpaceX-Chefs Elon Musk, an Bord. Google-Mitgründer Sergey Brin hatte bereits Posts erste Zuchtfleisch-Experimente finanziert, inzwischen ist er Teilhaber von Mosa Meat. Etwas später kam Virgin-Gründer Richard Branson dazu, der gegenüber Bloomberg News erklärte: «Ich glaube, in vielleicht 30 Jahren werden wir keine Tiere mehr töten müssen, und alles Fleisch wird entweder sauber oder pflanzlich sein, gleich schmecken und für alle gesünder sein.»

Wie gross die Finanzspritze war, die sein Start-up von der illustren Investorenrunde erhalten hatte, hat Post nie verraten. Nur, dass es viel Geld gewesen sei. Genug jedenfalls, um in den letzten beiden Jahren mit einem Dutzend Zellbiologen und Bioingenieure intensiv auf sein Ziel hinzuarbeiten: die industrielle Produktion von In-vitro-Fleisch zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Noch ist man in Maastricht nicht ganz so weit. Dafür ist der Herstellungsprozess noch zu langsam. Andere Probleme konnte man hingegen lösen, wie die Produktion einer Alternative für das fötale Kälberserum, das ursprünglich zum Einsatz kam. «Wir stellen In-vitro-Fleisch inzwischen ohne tierische Bestandteile her», verkündete Post im letzten Jahr. Auch das für den Geschmack so wichtige Fettgewebe könne er jetzt züchten. Das Urteil der Testesser würde deshalb heute um einiges gnädiger ausfallen, ist der Professor überzeugt.

Ein, vielleicht zwei Jahre: So lange wird es laut Post noch dauern, bis Mosa Meat die ersten Luxusrestaurants und ausgesuchte Läden mit kultiviertem Fleisch beliefert. Noch einmal zwei bis drei Jahre später soll es bereits in Supermärkten erhältlich sein. Das ist ambitioniert. Ob es auch realistisch ist, darüber gehen die Meinungen auseinander – nicht nur in den Niederlanden.

Fakt ist: Noch fristet die zelluläre Landwirtschaft ein Nischendasein. Neben Mosa Meat gibt es weltweit rund zwei Dutzend Firmen, die an der Herstellung von «sauberem Fleisch», wie es in Analogie zur «sauberen Energie» auch genannt wird, tüfteln. Zu den bekanntesten gehören die in San Francisco angesiedelten Memphis Meats (Hühner-, Enten- und Rindfleisch) und Finless Foods (Fisch) sowie Supermeat mit Sitz in Tel Aviv (Hühnerfleisch).

Diese Firmen züchten in ihren Laboren ausserdem Tierprodukte wie Milch, Eiweiss oder Gelatine, deren Herstellungsprozess um einiges simpler ist als derjenige von Fleisch und die deshalb bereits kurz vor der Markteinführung stehen. Erste Produkte könnten in den USA noch in diesem Jahr in die Läden gelangen.

Bald auch in Schweizer Läden verfügbar?

In der Schweiz ist die zelluläre Landwirtschaft dagegen noch nicht angekommen. Start-ups gibt es noch nicht, und die Grossen der Fleischindustrie warten lieber ab. «In Bezug auf kultiviertes Fleisch beitreiben wir aktuell keine aktive Grundlagenforschung», heisst es etwa bei Bell, dem grössten hiesigen Fleischverarbeiter. Bei absehbarer Marktreife wolle man sich aber intensiver mit dem Thema auseinandersetzen.

Wie absehbar die Marktreife von In-vitro-Fleisch aber tatsächlich ist, ist auch hierzulande strittig. Nüchterne Beobachter gehen davon aus, dass es noch mindestens zehn Jahre dauern wird, bis gezüchtete Fleischprodukte in die Regale von Coop und Migros gelangen. Ihr Argument: Neben dem Geschwindigkeitsproblem müssten die Firmen auch noch die Zulassungsfrage klären.

Beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), das die Zulassungen von Lebensmitteln in der Schweiz regelt, heisst es dazu allerdings auf Anfrage: «Eine absolute Dauer für Verfahren gibt es nicht, aktuell werden solche ‹Novel Food›-Gesuche aber in der Regel innerhalb eines Jahres behandelt.» Das dürfte Mark Post und seine Mitstreiter – trotz der letzten paar offenen Fragen – optimistisch stimmen.

Eine Frage der Zeit – und Akzeptanz

Hamburger aus dem Labor? Das klingt etwa so appetitlich wie Brötchen aus dem Steamer. Und doch ist der spontane Abwehrreflex, den die Vorstellung von Gezüchtetem bei vielen auslöst, ungerechtfertigt. Mike Selden, Mitgründer des kalifornischen Unternehmens Finless Foods, das sich mit der Kultivierung von Fisch beschäftigt, sträubt sich gegen Ausdrücke wie «Frankenstein-Schnitzel» oder «Laborfleisch». «Wenn wir hier Laborfleisch machen, dann ist Bier auch Laborbier. Es wird nicht für immer so sein, dass ein Heer von Wissenschaftern sich über Petrischalen beugt.» Auch das gute alte Bier, erklärt Selden, werde oft in laborähnlichen Räumlichkeiten entwickelt. «Alles ist weiss, man trägt Laborkittel und Handschuhe und benutzt Labortechnik.»

Auch Josh Tetrick von Just, einem Hersteller veganer Lebensmittel in San Francisco, räumt ein, dass der Weg zur allgemeinen Akzeptanz von In-vitro-Fleisch mit «fiesen Problemen» gepflastert sei, «kommunikativen wie lebensmitteltechnischen». Die erste Reaktion der Menschen sei unweigerlich Ekel. Weise man sie aber auf die ethischen und gesundheitlichen Vorzüge hin, erwärmten sich die meisten für die Sache.

Das deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie, die die ETH Zürich 2017 in der Schweiz durchgeführt hat. «Natürlichkeit ist ein wichtiger Faktor für die meisten Menschen», resümiert darin der Studienleiter und Professor für Konsumentenverhalten Michael Siegrist. «Die Vorbehalte zu überwinden ist nicht unmöglich, aber schwierig.» Um die Akzeptanz zu erhöhen, müsse das Endprodukt statt des Produktionsprozesses herausgehoben werden.

Sauberes Fleisch – reines Gewissen

Das haben auch Firmen wie Finless Foods oder Just erkannt. Sie bezeichnen ihre Produkte deshalb konsequent als clean meat. Sauberes Fleisch, reines Gewissen, so lautet ihre Devise – und das findet Anklang. Denn für In-vitro-Fleisch braucht es keine Massentierhaltung und Schlachtung samt der Folgekosten für Umwelt und Tierwohl, ganz zu schweigen von den Risiken für den Menschen durch Schadstoffe, Antibiotika, Pestizide. Bei der Kultivierung von Tierzellen kann die Hygiene weit besser kontrolliert werden als im Stall und im Schlachthof, zudem lässt sich die Zusammensetzung und Menge des Fleisches exakt steuern.

50 Kilogramm Fleisch haben Schweizerinnen und Schweizer 2017 durchschnittlich verspeist. Das ist zwar weniger als im Vorjahr und gar so wenig wie seit 1969 nicht mehr, global gesehen hat der Fleischkonsum aber erneut zugelegt. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass die globale Nachfrage bis 2050 um 45 Prozent steigen wird. Das Problem dabei ist offensichtlich: Die Erde wächst mit den steigenden Bedürfnissen der Menschheit nicht mit. Etwa vier Fünftel des weltweit verfügbaren Agrarlands werden bereits als Weideland oder für den Anbau von Futtermitteln genutzt. Gleichzeitig decken tierische Produkte nur gerade einen Fünftel des Kalorienbedarfs der Menschheit – ein grotesk ineffizientes System.

Das kritisierte der spätere britische Premierminister Winston Churchill bereits 1931: «Es ist absurd, ein ganzes Huhn aufzuziehen, nur um seine Brust oder die Flügel zu essen; lasst uns diese Teile einzeln züchten, in einem geeigneten Medium.» Nun, rund 90 Jahre später könnte seine Vision Wirklichkeit werden. Es ist letztlich eine Zeitfrage. Tiere und Umwelt retten, ohne seine Essgewohnheiten umstellen zu müssen – das Angebot klingt einfach zu gut. (gr)

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