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Interview

Ethikerin Nikola Biller-Andorno: «Gen-Manipulation ist ein erhebliches Wagnis»

Ein chinesischer Forscher hat die Geburt der ersten genmanipulierten Babys bekannt gegeben. Dieser Eingriff löste weltweit Empörung aus. Die Ethikerin Nikola Biller-Andorno von der Universität Zürich hält Nachahmung für möglich.
Bruno Knellwolf

Die beiden Forscherinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier gelten als heisse Anwärterinnen auf einen No­belpreis. Denn die Amerikanerin und die Französin haben zusammen CRISPR entschlüsselt. Sie enträtselten einen Mechanismus, mit dem sich das Erbgut so gezielt wie nie zuvor verändern lässt. Daraus entwickelten sie eine hochwirksame Gen-Schere. Bei dieser Gen-Schere CRISPR handelt es sich um einen Molekülkomplex, der bestimmte Gensequenzen im Erbgut aufspürt und dann zerschneidet. Die Genschere nutzen Forscher bereits, um modifizierte Tiere und Pflanzen zu erschaffen.

Und vielleicht auch um das Erbgut der chinesischen Zwillinge Lula und Nana zu verändern. Das jedenfalls behauptet der chinesische Wissenschafter He Jiankui (siehe Ausgabe von gestern). Per Video auf Youtube hat er die Geburt der genmanipulierten Zwillinge bekannt gegeben und damit weltweit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Auch Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte an der Universität Zürich, hält einen solchen Eingriff in die Keimbahnen von Embryonen für höchst bedenklich.

Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte, Universität Zürich

Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte, Universität Zürich

Nikola Biller-Andorno, viele Wissenschafter halten den von He Jiankui vorgestellten Erfolg für einen Bluff. Sie auch?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschliessen. Wissen kann man das erst, wenn die Arbeit von unabhängigen Fachkollegen begutachtet worden ist. Ein Bluff wäre allerdings ein recht kühnes Unterfangen. Denn mit der Glaubwürdigkeit des Forschers wäre es dann wohl vorbei.

Wenn es ein Bluff wäre, was will der chinesische Wissenschafter damit erreichen?

Womöglich die Reaktionen austesten und die Diskussion in Richtung Akzeptanz vorantreiben? Man hat in den letzten Jahren beobachten können, wie mit den zunehmenden technologischen Möglichkeiten das absolute Tabu der Keimbahntherapie zugunsten eines Moratoriums für die klinische Anwendung in Frage gestellt wurde. Das Tabu entspricht aber den Konventionen des Europarats und der UNESCO. Der nächste Schritt in der eingeschlagenen Richtung wäre nun die Akzeptanz auch der klinischen Anwendung. Da würde mancher Wissenschafter nicht lange warten, wenn erst einmal therapeutische Erfolge vorlägen.

Andere chinesische Wissenschafter verurteilen ihren Kollegen He Jiankui und reden davon, die Büchse der Pandora sei geöffnet. Wäre denn mit Nachahmung zu rechnen?

Es laufen schon seit Jahren in mehreren Ländern Versuche, welche die Genmanipulation von Embryonen beinhalten. Allerdings wurden diese Embryonen immer nach kurzer Zeit vernichtet. Der Schritt, genmodifizierte Embryonen austragen zu lassen, ist ein erhebliches Wagnis. Nicht nur, was das Ergebnis, sondern auch was die gesellschaftliche Reaktion betrifft. Sobald diese unbekannten Faktoren besser einschätzbar werden, ist damit zu rechnen, dass weitere Teams einen ähnlichen Weg gehen.

In der Schweiz ist Genmanipulation an Embryonen verboten. Daran wird sich wohl auch für lange Zeit nichts ändern?

Ich glaube nicht, dass die Schweiz hier einen Schnellschuss machen würde. Dazu sind die Bedenken vor einem Missbrauch der Gen- und Reproduktionstechnologien zu ausgeprägt. Auch ist die verbrauchende Embryonenforschung für viele nicht mit ihren Werten vereinbar. Sollte es allerdings dereinst eine sichere, anderswo etablierte Möglichkeit der Gentherapie am Embryo geben, kann ich mir vorstellen, dass in der Schweiz eine ernsthafte Diskussion zur Frage geführt werden wird, ob man sich dem verschliessen kann und soll.

Es droht nun, dass die technisch erprobte und standardisierte Methode Crispr/Cas9 in Verruf gerät. Dabei gibt es doch sinnvolle Anwendungen. Bei der Pflanzenzucht beispielsweise oder auch um schwere Genkrankheiten zu verhindern. Gibt es dagegen auch ethische Bedenken?

Diese Methode kann eine grosse Wirksamkeit entfalten, im Guten wie im Schlechten. Wenn wir zu forsch mit genetischem Material – von Pflanzen, Tieren oder Menschen – herumspielen und diese Änderungen weitervererbt werden, kann signifikanter Schaden angerichtet werden. Für mich ist CRISPR daher zugleich ein Appell an wissenschaftliche Sorgfalt und Besonnenheit.

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