Farmer helfen Gorillas in Uganda

In Ugandas Bwindi-Regenwald kämpft eine Tierärztin um das Überleben von Gorillas. Um die Affen zu retten, musste sie erst den Menschen helfen.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Ein Berggorilla im Bwindi Impenetrable Forest National Park in Uganda. (Bild: Rolf Schulten/Keystone)

Ein Berggorilla im Bwindi Impenetrable Forest National Park in Uganda. (Bild: Rolf Schulten/Keystone)

Zerlumpte Hosen, ein Hemd in Fetzen und Tücher: Sie sind stille Wächter über die rot glänzenden Bohnen, die in den Kaffeeplantagen rund um Ugandas Bwindi-Nationalpark wachsen. Wie Vogelscheuchen hängen die Lumpen an ihrem Kreuz, dabei sollen sie hier am Rand des Regenwalds ganz andere Tiere fernhalten: Gorillas.

Mit Vorliebe verlassen die Menschenaffen an der Grenze zwischen Uganda und der Demokratischen Republik Kongo den Regenwald. Ob Hunger, Neugier, oder beides sie antreibt – jedenfalls kommt es immer wieder zum Konflikt zwischen Tier und Mensch, vor allem, wenn die schwarzgrauen Riesen die Plantagen der lokalen Farmer durchpflügen. Mit Gorillascheuchen hatten Bwindis Kaffeefarmer versucht, die Affen von ihren Sträuchern fernzuhalten. Allerdings: Die Erfindung wirkte etwas zu gut. Statt im Nebelwald zu bleiben, starben die Tiere.

Gorillas sterben an Hautkrankheit

«Auf der Suche nach Bananen und anderen Früchten steckten sie sich mit Räude an – vermutlich, als sie die ungewaschenen Kleider berührten», sagt Dr. Gladys Kalema-Zikusoka. Die Uganderin studierte Veterinärmedizin in London. 1996 leitete sie ein Team der ugandischen Wildtierbehörde, welches der Ursache des mysteriösen Gorillasterbens auf den Grund gehen sollte. Denn: Während Krätze bei Menschen gut behandelbar ist, sterben Affen schnell an der Haut­erkrankung. «Untersuchungen haben gezeigt, dass Krätze eine der häufigsten Erkrankungen unter Ugandern mit niedrigem Einkommen ist. Weshalb? Weil die Krankheit in mangelnder ­Hygiene und gedrängten Lebensbedingungen gründet.»

Der 24. September ist Welt-Gorilla-Tag, genau eine Woche später Internationaler Tag des Kaffees. Für Dr. Gladys, wie man sie in Bwindi nennt, liegen die Themen nicht bloss im Kalender nah beieinander: Gorillas und Kaffee bestimmen ihren Alltag, seit sie vor 15 Jahren die Initiative Conservation Through Public Health (Naturschutz durch öffentliche Gesundheit, kurz CTPH) gründete. Die Idee: Durch eine verbesserte Gesundheitsversorgung der Kaffeebauern, ihrer Nachbarn und Freunde sollten die Gorillas gerettet werden. Nicht zuletzt hatten die totbringenden Gorillascheuchen die Erkenntnis geliefert, dass Mensch und Affe ein einzigartiges Ökosystem im Bwindi-Nationalpark bilden.

Einkommen der Farmer verdoppelt

Herzstück des Projekts ist der Gorilla-Conservation-Kaffee. Für jedes verkaufte Kilo Kaffeebohnen erhalten die Farmer davon eine Zusatzprämie von 0,5 US-Dollar. Somit liegt der Endpreis um 20 Prozent höher als am traditionellen Markt. Das kleine Extraeinkommen, gepaart mit nachhaltigeren Landwirtschaftstechniken und einem stabilen Markt, habe Doktor Gladys zufolge dazu beigetragen, dass einige der Farmer ihr Einkommen verdoppeln konnten. «Wir verkaufen den Kaffee an bewusste Konsumenten in Uganda, an Touristen, Facharbeiter aus Übersee, in Lodges und am Flughafen.» Auch in den USA, Frankreich, der Schweiz und Neuseeland stehe der Gorilla-Conservation-Kaffee mittlerweile in den Regalen. Und der Erfolg? «Der letzte Gorilla starb vor 22 Jahren an Räude. Bei einem erneuten Ausbruch im Jahr 2000 konnte die Gruppe schnell behandelt und so gerettet werden.» Verantwortlich sei der Aufpreis. Zusammen mit regelmässigen Besuchen von Gesundheitsarbeitern konnte CTPH dadurch die medizinische Versorgung von 85 Farmern verbessern. Im nächsten Jahr will sich die Organisation um 300 Bauernfamilien kümmern.

Gladys ist Tierärztin, trotzdem sorgt sie sich um das Menschenwohl. Oder gerade deshalb? Vor allem in Afrika herrscht ein ewiger Konflikt: Es heisst Tier- gegen Menschenschutz. Zwar sehen immer mehr Umweltschützer ein, dass Tiere nicht gerettet werden können, ohne zugleich die Bewohner aus widrigen Lebensumständen zu holen. Einige Organisationen halten jedoch an dem umstrittenen Tierschutzkonzept fest. Das führt oft zur Vertreibung indigener Gemeinden oder Farmer von ihrem Erbland. «Solche Organisationen haben nur eine mittelfristige Lösung», ist Gladys überzeugt. «Solange Menschen leiden und nicht vom Artenschutz profitieren, werden sie die Natur zerstören. Indem wir ihr Leben verbessern, machen wir sie zu Wächtern über ihre Umwelt.»