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Fast jede Frau befriedigt sich selbst, doch kaum eine spricht darüber – warum sich das ändern muss

Fast jede Frau befriedigt sich selbst. Doch kaum eine spricht darüber. Dabei ist die Lust auf sich selbst, der Schlüssel für ein erfülltes Sexualleben. Eine Studie liefert erstmals Zahlen darüber, wie oft und warum Schweizerinnen sich selber befriedigen. Und Webportale helfen Frauen beim Kommen.
Katja Fischer De Santi
Alba erklärt auf omgyes.com sehr konkret, wie sie sich Lust verschafft

Alba erklärt auf omgyes.com sehr konkret, wie sie sich Lust verschafft

Alba liegt in einem gelben kurzen Kleid auf ihrem Bett. Ihre rechte Hand schiebt sie langsam zwischen ihre Schenkel. Sie lächelt und erklärt in aller Ruhe, wie ihr Zeigfinger und ihr Mittelfinger ihre Klitoris umkreisen: «Langsam, fast ohne Druck, in Schlaufen, die dann immer tiefer nach unten führen.» Die Kamera bleibt auf ihrem Gesicht.

Ava ist keine Pornodarstellerin, sie ist eine 25-jährige Amerikanerin mit dunklen Locken. Und Teil des Webprojektes omgyes.com, einer Website, auf der Frauen zwischen 18 und 70 Jahren ihre Solo-Sextechniken erklären und demonstrieren. Im Namen der Wissenschaft und mit der Mission, die weibliche Lust zu entmystifizieren. Nicht mit blumigen Worten, sondern konkret.

Rob Perkins, einer der Gründer der Website, sagt:

«Etwas nicht zu zeigen, bestärkt die Annahme, dass etwas nicht gezeigt werden sollte, weil es verboten und schamvoll ist.»

Die Videos beweisen das Gegenteil und leiten die Frauen nicht nur bildhaft an, sondern geben ihnen auch eine Sprache, um über ihre Lust zu sprechen.

Der weibliche Solo-Orgasmus als hysterische Krise

Denn die weibliche Masturbation ist eine der letzten Dunkelkammern menschlicher Sexualität. Jahrhundertelang streng bewacht von Kirche und Psychiatrie, die gemeinsam dafür sorgten, dass der weibliche Orgasmus, so er nicht nur männliche Penetration ausgelöst wird, als «hysterische Krise» und Sünde abgetan wurde.

Eine, die aus wissenschaftlichem Interesse das Licht genau auf diese noch dunkle Stelle richtet, ist die Zürcher Sexualwissenschafterin und Genetikerin Andrea Burri.

«Dass fast alle Frauen masturbieren und dies mit grossem Lustgewinn, wissen wir zum Glück inzwischen».

Aber wie und wie oft sich Schweizer Frauen selber Lust verschaffen oder warum es fünf Prozent nie tun, sei kaum erforscht. Die Sexualwissenschafterin hat darum 425 Schweizer Frauen zu ihrem Umgang mit Selbstbefriedigung befragt.

Andrea Burri.

Andrea Burri.

Die wichtigste Erkenntnis, die Burri aus der Studie zieht: Selbstbefriedigung ist für Frauen keine Ersatzhandlung für Sex mit einem Partner. 85 Prozent gaben an, sich auch selbst zu befriedigen, wenn sie guten Sex hätten. «Frauen befriedigen sich selbst, um die Lust auf Sex mit dem Partner zu steigern und weniger aus Frust über schlechten Sex», sagt Andrea Burri.

Und sie tun es ziemlich oft. Zehn Prozent der Befragten befriedigen sich mindestens einmal pro Tag.

Mehr als die Hälfte der durchschnittlich 26 Jahre alten Frauen legt mindestens einmal pro Woche selbst Hand an.

Ein Zuviel gebe es bei der Selbstbefriedigung nicht, stellt die Sexologin klar. Die Klitoris sei ein Schwellkörper, wenn dieser nicht berührt und gebraucht wird, dann verkümmern diese Nervenenden ein bisschen. Erst wenn die Onanie obsessiv werde und nicht mehr mit dem Alltag vereinbar sei, werde es kritisch. Ansonsten gelte:

«Je mehr, desto besser, die Lust kommt mit der Übung.»

Dania Schiftan

Dania Schiftan

Genau darüber hat eine andere Zürcher Sexologin ein äusserst erfolgreiches Buch geschrieben. «Coming soon. Orgasmus ist Übungssache» von Dania Schiftan landete kurz nach der Veröffentlichung letzten Jahres auf der «Spiegel»-Bestsellerliste. Es ist ein Ratgeber, wie Frau sich in zehn Schritten zum vaginalen Höhepunkt bringen kann. Die Autorin sagt:

«Für ein erfülltes Sexleben müssen Frauen selber Hand anlegen, sonst nützt der beste aller Liebhaber nichts.»

Die weibliche Sexualität sei nicht komplizierter als die männliche. «Aber sie spielt sich versteckter ab, und es braucht Übung. Sehr viel Übung.» 2000 bis 10'000 Mal müsse eine Stelle am Körper positiv berührt werden, bis das Gehirn die Verbindung macht und mit Erregung reagiert. «Die Klitoris und vor allem die Vagina sind nicht einfach per se erogene Zonen, die Mann oder Frau nur berühren muss und schon zündet ein Feuerwerk», sagt Dania Schiftan.

Während kleine Buben ihren Penis früh und in vielen Situationen berühren, damit spielen, ist die Vagina der Mädchen bedeckt, sie wird nicht automatisch sensibilisiert und berührt. Die meisten Frauen wüssten zwar ganz genau, wie sie sich selbst schnell zum Höhepunkt bringen, aber sie würden es immer auf dieselbe, oft ziemlich mechanische Art machen. Die Kunst liege aber in der Varianz, und die müsse geübt werden. «Sonst gibt es im Hirn nur diese eine Lustautobahn, und wehe, der Partner fährt nicht exakt da drauf,» sagt Schiftan.

Die Vagina als nichts mehr als ein Loch für den Penis

Für zu viele Frauen ist ihre Scham tatsächlich schambesetzt. «Etwas Unbekanntes, an das sie selbst ihren Partner nur ungern lassen», sagt Schiftan. Eine aktuelle deutsche Studie hat gezeigt, dass 44 Prozent der Frauen Schwierigkeiten haben, die Vagina zu lokalisieren (Verbindung zwischen Gebärmutter und dem äusseren Geschlechtsteil), 60 Prozent wissen nicht, wo sich die Vulva befindet (alle äusseren weiblichen Geschlechtsorgane zusammen).

«Weibliche Sexualität war lange Zeit an die Sexualität des Mannes und dessen Befriedigung gekoppelt», sagt die Sexualtherapeutin. Selbst in Schulbüchern sind die Darstellungen bis heute unzureichend. Auch der umgangssprachliche Begriff Scheide für die Vagina zeigt davon. Bezeichnete eine Scheide ursprünglich doch eine «Hülse aus festem Material, in die ein Schwert oder Messer hineingesteckt wird». Die Vagina als Loch für den Penis.

Lust nur für sich selbst zu erleben – ohne Schuldgefühle

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Bücher wie «Viva la Vulva» oder «Hand drauf» zeugen von einem Befreiungsschlag. Sexualwissenschafterinnen fordern, dass statt von Schamlippen von Geschlechtslippen gesprochen wird. Künstlerinnen lassen Gipsabdrücke von Vulvas anfertigen, um ihre Verschiedenartigkeit und Schönheit zu zeigen. Und Frauen wollen guten Sex, mit sich allein und mit Partnern.

Gut so, sagt Andrea Burri, denn es sei nicht allzu lange her, da hätten Frauen Schuldgefühle gehabt, wenn sie masturbierten. «Also ob sie fremdgehen würden, weil sie Lust nur mit sich selbst erlebten.» Das sei Blödsinn. Selbstbefriedigung sei ein eigenständiger Teil der Sexualität

Frauen befriedigen sich auch einfach aus Langeweile

Wobei Frauen nicht nur aus sexuellem Verlangen masturbieren. Sie tun es laut den Umfrageergebnissen genauso oft, um zu entspannen (44 Prozent), sehr häufig einfach aus Langeweile (27 Prozent) oder um besser einschlafen zu können (22 Prozent). Und vielleicht ist dies die wichtigste Aussage der Studie. Weibliche Selbstbefriedigung kann eine grosse Sache sein, sie sollte aber vor allem eines sein: ganz alltäglich und normal.

Wissenschaftliche Facts zur weiblichen Lust

Frauen kommen länger: Forscher der Uni Montreal haben die Orgasmen beider Geschlechter verglichen. Resultat: Frauen kommen 7 bis 107 Sekunden lang, bei Männern sind es «nur» 12,2 Sekunden. Auch wissenschaftlich bewiesen ist, dass Frauen in der Lage sind, mehrere Orgasmen hintereinander zu erleben.

Lustvoll Kalorien verbrennen: Forscher haben ausgerechnet, dass eine Frau, bis sie sich zum Höhepunkt gebracht hat, 88 Kalorien verbrennt. Immerhin so viel wie ein kleiner Himbeerpudding. Entscheidender ist aber, dass sexuelle Erregung den Cortisolspiegel senkt. Stress erhöht die Cortisolproduktion, was zu Heisshunger führt.

Sex ohne Orgasmus: Bei der Befragung von Sexualwissenschafterin Andrea Burri gaben mehr als die Hälfte der Frauen an, vaginalen Sex mit ihrem Partner der Selbstbefriedigung vorzuziehen. Das erstaunt im ersten Moment. Haben andere Studien doch belegt, dass nur etwa 30 Prozent der Frauen beim klassischen Geschlechtsverkehr häufig oder immer einen Höhepunkt erleben. Rund 60 Prozent aller Frauen würden die Penetration an sich sexuell sogar wenig erregend finden. Andrea Burri interpretiert das so, dass den Frauen beim Sex mit dem Partner Intimität und das Verschmelzen wichtiger ist als der Orgasmus. (kaf)

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