FLANDERN: Auf Schatzsuche im Schlaraffenland: Der flämische Teil Belgiens

Im flämischen Teil Belgiens lässt es sich bestens leben und radeln. Durch barocke Weltstädte und idyllisches Bruegel’sches Bauernland. Nirgends blüht der Frühling bunter und findet man so viele Kunstschätze am Wegesrand.

Text und Bilder: Ingrid Schindler
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Blütenpracht während der «Floralia» in Groot-Bijgaarden bei Brüssel: Flandern ist reich an Schlössern, Parks und Blumenmärkten.

Blütenpracht während der «Floralia» in Groot-Bijgaarden bei Brüssel: Flandern ist reich an Schlössern, Parks und Blumenmärkten.

Text und Bilder: Ingrid Schindler

«Mijn platte land, mijn Vlaanderland» singt Jacques Brel im flämischen Niederländisch im Chanson «Marieke». Ja, Sie lachen: Wir hatten die E-Bikes dabei, im flunderflachen Flandern. Im kleinräumigen Dreieck zwischen Brüssel, Antwerpen und Brügge, dem belgischen Klein Venedig. Aber was heisst schon klein? Brügge besitzt mit 115 000 mehr als doppelt so viele Einwohner wie die Lagunenstadt, mittelalterliche Tuchhallen und Gassen mit Kopfsteinpflaster, gotische Bürgerhäuser und Beginenhöfe, eine Art Weltkulturerbe-Altersresidenzen für Frauen, Spitzenklöpplereien, Spitzengastronomie, die höchste Dichte an Chocolaterien und Waffelbäckereien sowie Kunst, Kunst, Kunst. Attraktionen, die 7,5 Millionen Touristen im Jahr in die Stadt der Kanäle locken. Viele reisen mit dem Kreuzfahrtschiff an, verstopfen die Gassen, kaufen Pralinen, trinken belgisches Bier und ziehen zum nächsten Must-see von «Europe in 5 days» weiter. So ähnlich ist das in Venedig auch.

Der Hafen machte Brügge im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit zur hochentwickelten Handelsmetropole. Seide, Leder, Pelze, Teppiche, Elfenbein, Diamanten, Wein und andere Luxusgüter wurden umgeschlagen, Tuch und Wolle nach England verschifft. Die Hanse gründete eine Niederlassung, die Medicis eine Bank, die Kaufmannsfamilie van der Beurse die erste Börse und der Herzog von Burgund verlegte seinen Hof hierher. Nur in Florenz ging es ebenso fein und vornehm zu.

Eine Anbindung ans Meer besitzt Brügge längst nicht mehr. Kreuzfahrtschiffe legen im 15 km entfernten Zeebrugge an. Die Fahrrinnen sind verlandet, die Kanäle geblieben, was Velofahrer freut. Mit dem Verlust des Seehandels gab die Stadt die Vormachtstellung ab. Antwerpen übernahm. Im 16. Jahrhundert war Antwerpen eine boomende Weltstadt, bedeutender als heute, obwohl es nach Rotterdam der zweitgrösste Hafen Europas, ein Hotspot für Mode und Kunst und der weltweit wichtigste Handelsplatz für Diamanten geblieben ist. Die Geschäfte an der «Diamantenmeile» in der Pelikaanstraat und Schleifereien am Bahnhof befinden sich meist in jüdischer Hand. Viele der Juden sind Nachfahren aus Spanien, Portugal und Osteuropa vertriebener Juden, die die tolerante Stadt an der Schelde in ihrer Blütezeit aufnahm, ohne, dass diese einem Handwerk nachgehen durften. Mit ca. 25 000 Mitgliedern bildet das «Jerusalem des Nordens» auch heute eine ­geschlossene Welt inmitten des multikulturellen, weltoffenen Antwerpen.

Reiches Erbe des Barock

Ob Brüssel, Antwerpen, Brügge oder Gent: Geld zog Geld an und brachte die Städte zum Leuchten. Denen sieht man den Reichtum schon architektonisch an. Ausser Kathedralen, Rathäusern, Markthallen oder Patrizierhäusern sollten auch Belfriede – Glockentürme mit Stadtarchiven, Gefängniszellen und Schatzkammern, eine typisch belgische Erscheinung – zeigen, was man hat. Die Mächtigen holten die besten Künstler nach Flandern, um Prestigeobjekte im Stil der Gotik, Renaissance und des Barock zu gestalten. Van Eyck, Memling, Pieter Bruegel der Ältere, van Dyck, Plantin, der in Antwerpen die schönste illustrierte Luxus- und erste Polyglottbibel in fünf Sprachen druckte, und viele andere folgten dem Ruf.

Als grösster Kopf des flämischen Barock gilt Peter Paul Rubens (1577-1640). Der Hofmaler, Baumeister, Diplomat und Designer war eine der bestvernetzten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er lebte und arbeitete in Antwerpen, stattete dort fünf monumentale Kirchen, die sogenannten Rubenskirchen, Liebfrauenkathedrale, St. Paulus, St. Jakob, St.-Carolus-Borromäus und St. Andreas, mit grossformatigen Tableaux aus, errichtete für sich selbst ein Haus im Stil eines italienischen Palazzos, illustrierte Plantins Bibel und inspiriert Künstler bis heute. Wer nur Zeit für ein Museum in Flandern hat, besuche das wunderbare Plantin-Moretus-Museum mit der einzigen noch erhaltenen Druckerei aus dieser Goldenen Zeit, 2005 als erstes Museum in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen.

Kurz, Flandern ist derart reich an Kunstschätzen vom Mittelalter bis zum Barock – und bis heute –, dass das Touristboard Visit Flanders «Die Flämischen Meister» 2018 bis 2020 ins Zentrum ihrer Kampagnen und ein gewaltiges Programm auf die Beine stellt, um den Geist der Goldenen Zeit zwei Jahre lang zu beschwören, inklusive der sprichwörtlich barocken Lebensfreude der Flamen.

Tulpenpracht im Schlosspark, Exotisches im Glaspalast

In den Rubenskirchen, im Rubenshuis und andernorts finden Tanz, Theater, Musikspektakel, Shows und Ausstellungen im Rahmen von «Antwerp Baroque 2018. Rubens as an inspiration» statt. Anfang Juni gehen «Die Flämischen Meister» mit einem grossen Barockfest in Antwerpen offiziell an den Start, und ein barocker Blumenteppich soll die Stadt schmücken. Jetzt schon geht es ­üppig-barock in den Parkanlagen von Schloss Groot-Bijgaarden im grünen Gürtel von Brüssel zu: Die 15. Ausgabe der «Floralia» lädt vom 6. April bis 6. Mai mit einer Million Blumenzwiebeln zur Blütenschau. Meere von Tulpen, Osterglocken und Hyazinthen wogen in allen Farben und Formen.

Von hier ist es ein Katzensprung zum Freilichtmuseum Dilbeek, von wo Bruegel-Wander- und -Velowege durch das pittoreske Pajottenland nach Schloss Gaasbeek führen und sich eine Menge bäuerlicher Bruegel-Sujets in natura entdecken lassen. Mit einem Narrenfest auf Gaasbeek startet man im April 2019 im Rahmen der «Flämischen Meister» ins Bruegel-Jahr, das ähnlich opulent in und um Brüssel begangen wird wie Rubens in Antwerpen. Zunächst zieht eine andere Attraktion Jung und Alt in den Brüsseler Speckgürtel: In Laeken öffnen von 20. April bis 11. Mai 2018 die Königlichen Gewächshäuser ihre Pforten. König ­Leopold II., einer der reichsten Männer ­seiner Zeit, der Paris mit gigantischen Bauwerken nacheiferte, hat 1873 seinen Hofbaumeister Alphonse Balat mit dem Bau der Glaspaläste beauftragt. Das damals revolutionäre Meisterwerk wurde zum Vorreiter des Brüsseler Jugendstils und mit Blutgeld aus Belgisch-Kongo, der Privatkolonie des Königs, finanziert. Heute unterhält das Volk die monumentalen Serres Royales (14 000 m2) und darf sie jeweils im Frühling drei Wochen lang besichtigen.

Genussrunden in Eulenspiegelland

Eineinhalb Stunden dauert der Rundgang durch die Galerien, Pavillons, das Kongohaus und die Gewächshausstrassen, ohne Zeit fürs Staunen über die ­Fülle an Orchideen, Farnen, Azaleen, Kamelien, 200-jährigen Zitrus- und ­Lorbeerbäumen, Felsengrotten und Wasserspiele einzurechnen. Wachpersonal achtet darauf, dass niemand vom Weg abkommt. Höhepunkt ist die 25 m hohe Kuppel des Palmenhauses, die von 36 Eisensäulen getragen wird. Tickets gibt es nur vor Ort, Reservation nicht möglich. Ein Tipp: Stellen Sie sich frühzeitig für die Abendöffnung von 20 bis 22 Uhr an – das Abendlicht taucht die Serres in eine zauberhafte Atmosphäre – und kommen Sie am besten mit dem Velo her, Parkplätze sind rar.

Überhaupt macht Velofahren im Land der kurzen Distanzen Freude. Die Radwege sind vorbildlich ausgebaut und beschildert, die Orientierung dank ­Nummernsystem leicht, die Routen kombinierbar und über Knotenpunkte mit­einander verbunden, gute Karten sind in Tourismusbüros erhältlich. Auch das Drumherum, Radsport- und ­«Supporter»-Cafés, coole Velomode und ­Velo-Design-Shops, macht in Eddy Merckx’ Heimat einfach Spass. Trotz dichter Besiedlung gibt es eine grosse Auswahl ansprechender Touren. Zum Beispiel die Leiestrek im Südwesten der quirligen Studentenstadt und Vegi-Hochburg Gent, die durch die Wohnquartiere der Superreichen, internationaler Steuersparer, EU-Beamter und UNO-Mitarbeiter in der weitläufigen Parklandschaft des Künstlerdorfs Sint-Martens-Latem führt.

Andere Genusstouren stellen die Veloroute Brügge–Gent, der Küstenradweg oder die Poldertour Knogge–Brügge über Sluis und die Eulenspiegelstadt Damme dar. Dabei radelt man am Brügge-Damme-Kanal entlang, auf dem im Sommer Raddampfer verkehren. Wo sich der Leopoldskanal mit dem Fluss Siphon kreuzt, trifft man auf einen gleichnamigen beliebten Landgasthof. Reservieren ist empfohlen, wenn man alt­flämische Klassiker wie Kräuteraal in grüner Sauce oder Waterzooi, einen Huhn- oder Fischeintopf mit Rahm, probieren möchte.

Mit der Kusttram von Strand zu Strand

An der Küste sind es Moules Frites, Austern und frische Krabben, die degustiert werden wollen. Wann hat man schon zig Spielarten von Miesmuscheln im Topf? In Knogge wird man immer fündig, es trägt nicht umsonst den Beinamen «Gastro-Pol». Nirgends in Europa ist ­übrigens die Dichte an Spitzenrestaurants höher als in Flandern. Die Verbindung der deftigen flämischen Küche mit französischem Raffinement geht auf. Sternerestaurants und junge «Flanders Kitchen Rebels» sind gut gebucht, es braucht mitunter einen langen Vorlauf.

De Panne und Knogge bilden die Eckpunkte des Landes. Sie liegen nur 67 km, 68 Tramhaltestellen und 13 Seebäder mit herrlichen, weiten Sandstränden auseinander. An den Polen steht die Natur jeweils unter Schutz: An der französischen Grenze erstreckt sich West­hoek, das grösste flämische Naturreservat, an der holländischen Grenze das ­Naturschutzgebiet Het Zwin, dessen ­Dünen, Salzwiesen und Marschen über Flandern hinaus reichen. Hier kommen Wassersportler, Wanderer, Velofahrer und Birdwatcher auf ihre Kosten.

Velomuffel können die gesamte ­belgische Küste mit der Küstenstrassenbahn, der Kusttram, in zweieinhalb Stunden abfahren, im Sommer im Zehn-Minuten-Takt. Aber wir hatten ja das E-Bike dabei – und haben es nicht bereut. Wir konnten entlang der Küste und Kanäle richtig Tempo machen, stressfrei in die Städte radeln, uns von einem Highlight zum anderen durchpedalen und sorgenfrei ein Kirschen-, Kräuter- oder Trappistenbier genehmigen. Mit Jacques Brel im Ohr, der sein Geuze oder Kriek übrigens am liebsten im «A la Mort subite» in Brüssel trank, und einem strammen Westwind in der Nase nahmen wir das Schnurren des Elektromotors gern in Kauf.

Essen, trinken, einkaufen – Genusstipps für Flandern

Buchen Sie einen Guide! Nach einer Schokotour in Brügge, Jugendstil-, Bier- oder Comictour in Brüssel oder Velo-Genusstour in Antwerpen sehen Sie die Stadt mit anderen Augen und wissen, wo es coole Mode, lohnende Flohmärkte oder trendige Designer-Veloläden gibt.
Antwerpen: Fish à gogo, Handschoenmarkt 1, Den Artist, Museumstr. 45, Only Cheese, Boomgaardstr. 1-3, Dôme sur mer, Arendstr. 1, Frites Atelier, Gasthuisstr. 32, The Jane, Paradeplein 1.
Brüssel: Belga Queen, 32, rue fossé aux loups, Mokafé, Galerie de la Reine, Greenwich, 7, Rue des Chartreux, A la Mort subite, 7, rue Montagne-aus-Herbes Potagères.
Brügge: Bonte B, Dweerstr. 12, The Chocolate Line, Simon Stevinplein 19, De Bron, Katelijnestraat 82.
Gent: Pakhuis, Schuurkenstr. 4.
Knogge: Rubens, Zeedijk-Albertstrand 589;
Damme (Oostkerke): Sifon, Damse Vaart Oost 1.

www.visitflanders.com

Atomium: Brüssels Wahrzeichen wurde für die Weltausstellung 1958 als Provisorium gebaut, steht heute noch und bietet einen guten Blick über die Hauptstadt. (Bild: Ingrid Schindler)

Atomium: Brüssels Wahrzeichen wurde für die Weltausstellung 1958 als Provisorium gebaut, steht heute noch und bietet einen guten Blick über die Hauptstadt. (Bild: Ingrid Schindler)

Unesco-Welterbe: Die Innenstadt von Brügge ist ein Barockbijou und Touristenmagnet mit jährlich 7,5 Millionen Besuchern. (Bild: Ingrid Schindler)

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Flandern steht nicht nur für Barock: hier Skulpturen des zeitgenössischen Genter Künstlers Maen Florin im Museum M HKA, Antwerpen. (Bild: Ingrid Schindler)

Flandern steht nicht nur für Barock: hier Skulpturen des zeitgenössischen Genter Künstlers Maen Florin im Museum M HKA, Antwerpen. (Bild: Ingrid Schindler)