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Floaten wie Huckleberry Finn im Merkel-Land

Auf der Brandenburger Seenplatte ist das Leben ein langer ruhiger See mit Schleusen. Vom Hausboot aus zeigt sich die Region im deutschen Nordosten als Naturparadies mit offenen und kreativen Bewohnern. Es ist das grösste zusammenhängende Wasserland Europas.
Text und Bilder: Ingrid Schindler
Schwimmende Hütten, Wohnflösse oder umgebaute Kutter – auf den 500 km langen Wasserwegen im nördlichen Brandenburg begegnet man unterschiedlichsten Hausboottypen in grandioser Natur.
Die geräumige «Magnifique» kann man ohne Bootsführerschein steuern.
Seeidylle beim Restaurant Frosch & Fisch in Himmelpfort (Bild: .)
Hofladen der Mühle Tornow: Christian Schneider bietet Regionales an.
4 Bilder

Floaten wie Huckleberry Finn im Merkel-Land

Mit dem Taxi geht es von Berlin-Tegel nach Fürstenberg zu meiner Crew: Kollegen aus Linz und Aarau und Katja, die Bootsführerin von Le Boat, Europas grösstem Hausbootanbieter. Wir starten zu einer Tour durch die Brandenburger Seenplatte, die in die Mecklenburger übergeht, die grösste zusammenhängende Wasserlandschaft Europas. Allein in Brandenburg sind das 3000 Seen, 33000 km Fliessgewässer, Wildnis, einsame Natur; ein Drittel des Landes steht unter Naturschutz.

Die Fahrt zum Boot führt durch Alleen, Wiesen und Wald. Wie so oft erfährt man im Taxi, wo es hakt.

«Die Alten fühlen sich abgehängt, vergessen. Berlin macht zu wenig für uns, die Jungen wandern ab.»

Es gibt keine Industrie, zu wenig Arbeit, Niedriglohn, Pflegenotstand, Ärztemangel. Man könnte meinen, die AfD hätte leichtes Spiel, sie hat aber nur 12% der Sitze im Landtag. Trotzdem sieht es hinter den hübschen Fassaden nicht immer idyllisch aus.

Wo nichts ist, kann was werden

Die einen ziehen fort, andere zurück oder zu. «Wo nichts ist, kann was werden», dachte sich Wirt Wittke von der «Alten Reederei» in Fürstenberg am Schnittpunkt des Ruppiner, Feldberger und Uckermärkischen Seenlands. Vor 16 Jahren tauschte der Berliner Lehrer seine Zweizimmerwohnung am Prenzlauer Berg gegen das Anwesen an der Havel, zum selben Gegenwert. Fürstenberg kennt kein Mensch, dabei war es ein bedeutender Ziegel-, Holz- und Getreideumschlagplatz an der Wasserstrasse Berlin–Stettin, Nazinest, Frauenarbeitslager (Ravensbrück) und Russenstadt, aber wer spricht schon gern davon?

Ansonsten ein weisser Fleck auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen, die Gegend wunderschön, wasserreich und wetterstabil, im Herbst am trockensten. Leute wie Wittke wollen die Region touristisch beleben. «Von Berlin ist man mit dem Zug in einer Stunde hier, mit dem Boot bei 9 km/Stunde und 14 Schleusen in vier Tagen.»

Als Wittke kam, gab es nur Hartz-IV-Kneipen. Heute ist die «Reederei» ein Kulturgasthof mit Bootsverleih.

Sonntags gibt es Programmkino und im Sommer Musik auf dem Kaffeekahn, einem alten Lastkahn, und Ausflüge mit der kleinen «Hermine».

Musik der Stille und Alphorn auf dem Floss

Wittke gehört zu den Pionieren, die nach der Wende in den Nordosten gingen. Wie Markus Thum von «Treibholz». Der Leipziger Natur- und Landschaftsführer fing mit ein paar Booten an, sammelte Touristen ein und erklärte ihnen die Natur. Nach und nach kamen Flösse dazu, «heute machen alle in Flössen».

Die Flösserei hat in Brandenburg und Mecklenburg Tradition.

«Berlin ist zum grossen Teil aus dem Kahn und so mancher Dachstock aus hiesigen Kiefern gebaut.» 1975 fuhr das letzte Floss, Ende der 90er das erste Touristenfloss. Aus dem anfangs zähen Förderprojekt hat sich ein gutes Geschäft entwickelt. Vor acht Jahren lancierte Thum das Musikfloss. Nicht mit Tschingderassabum, sondern Stil: guter Wein, gutes Catering, gute Musik. Eine Konzertreihe ist daraus entstanden und als besonderer Event die «Musik der Stille»: «Wir legen um 19.30 Uhr ab, suchen uns eine windstille, ruhige Ecke im See, ohne Motorenlärm und andere Geräusche, und lauschen Alphorn, Harfe, Gitarre und der Natur.» Alphorn? Ja, nach einer kleinen Kajaktour zur Kaffeemühle treffen wir einen der Bläser. Jörg Hartzsch, Slow-Food-Koch und Musiker, betreibt wie viele Kreative auch ein Kunstcafé. Man muss ja überleben. Der Schweizer Balthasar Streiff hat ihn aufs Horn gebracht. Mit einem Kollegen, Bierbrauer im Nebengang, tritt er als Alphornduo Saus & Braus auf. «Der See wird zur Klanglandschaft, wenn die Hörner ertönen, das Echo ist imposant, die Adler hören zu.»

Typischer Bauchladen à la Brandenburg

In der Kaffeemühle Lychen erwartet uns Carla Kniestedt, im Hauptberuf Journalistin und TV-Moderatorin. Die Berlinerin kannte die Gegend gut, bevor sie in den Naturpark Uckermärkische Seen zog, ihr Mann war Leiter des Parks. Alles regional und hausgemacht, ist ihr Motto, die Bratkartoffeln sind ein Gedicht. Lebensqualität setzt sie heute gleich mit dem Lebensrhythmus auf dem Land.

«Man macht etwas aus den wenigen Optionen, die es gibt, anstatt wie in Berlin alle Möglichkeiten zu haben und am Ende nichts daraus zu machen.»

Hier sei man gezwungen, sich mit den anderen Engagierten zusammenzutun. Das gefällt ihr, man kennt sich, die Wittkes, Thums oder Schneiders von der Mühle Tornow, die in Himmelpfort bei Fürstenberg ebenfalls eine Getreidemühle restauriert und in ein schickes Hotel-Restaurant mit Hofladen verwandelt haben.

Gutes aus der Region heisst bei Kniestedt z. B. Lychener Bier oder Brandenburger Rosé, durchaus trinkbar. Bootsführer bleiben besser bei sortenreinem Apfelsaft, denn die Wasserschutzpolizei lässt ins Röhrchen blasen, null Promille erlaubt. In der Mühle Tornow sind es Erdbeeren und Spargel aus dem Beelitzer Sandboden, Spreewaldgurken, Mettwürste oder hausgerösteter, fairer Kaffee, die man im Hofladen verkauft – «ein typischer Bauchladen à la Brandenburg» sagt Juniorchef Christian, der als Betriebswirt, Spargelhändler, Flossverleiher und Koch ebenfalls auf mehreren Beinen steht. Wie fein Havelzander oder Heidekartoffeln schmecken, erfahren wir im «Frosch & Fisch» in Himmelpfort, wo ein Franzose und eine Amerikanerin wirten.

«Lass mal den Anker runter!»

Letzte Station ist das Städtchen Templin. Barockes Rathaus mit deutscher Eiche davor, besterhaltene mittelalterliche Feldsteinstadtmauer Deutschlands usw., aber wie immer interessiert nur, wo Merkels Datsche liegt. Das verrät der Stadtführer nicht. Auch nicht, wo die Mutti von Mutti wohnt, dafür zeigt er uns Merkels ersten Coiffeur. Mindestens einmal im Monat schaut die Kanzlerin bei Muttern vorbei, eine rüstige, bodenständige 90-Jährige mit scharfem Verstand, die fabelhaft Kartoffelsuppe kocht.

Die Hauptattraktion der Reise ist natürlich: die Natur.

Wir lassen uns mit dem Boot durch ein verwunschenes Labyrinth aus Kanälen, Seen und Flüssen treiben, Graugänse, Reiher, Fischotter, Enten und bunte Boote, wie man sie so nirgends sieht, sind unsere Begleiter: schwimmende Tom-Sawyer-Hütten, Wohnflösse mit Motor, Bungalowboote, umgebaute Kutter und Schaluppen. Das Beste: Wir können in den Seen ankern und baden. «Das gibt es in keiner anderen Hausbootregion, in Kanälen ist das nicht möglich», sagt Katja, die Expertin. Ein weiterer Vorteil: Blaualgen treten sehr selten, Mücken moderat auf, denn die Seen sind Fliessgewässer. Eine Antistressregion, die man führerscheinfrei und ohne Vorkenntnisse befahren kann. Im Vergleich zu anderen Hausbootrevieren in Europa gibt es wenige Schleusen, also weniger Arbeit, Warteschlangen kommen nur im Hochsommer vor.

Unser Hausboot ist eine elegante, 14,50 m lange und 4,10 m breite Motoryacht vom Typ «Magnifique» mit geräumigem Salon, Heizung und fliessend Warmwasser. Jeder hat seine eigene Kabine mit Bad und ein Velo an Bord. Nach drei Tagen auf dem Wasser sind wir entspannter als nach zwei Wochen Yoga­ferien. Entschleusigung pur.

Hausbootferien in Brandenburg

Le Boat ist der grösste Anbieter von Bootsferien in Europa und Kanada. Buchbar bei TUI, Falcon Travel, Nautilus, Marina Travel u. a. Die Gebiete in Brandenburg und Mecklenburg ab Marina Wolfsbruch und Jabel sind für Anfänger geeignet, für Berlin, Spreewald und Potsdam braucht’s den Sportbootführerschein Binnen. Beste Reisezeit: Mai, September, Oktober.
Die Reise wurde unterstützt von Le Boat und Brandenburg Tourismus.
www.leboat.ch
www.reiseland-brandenburg.de

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