Glockenstreit

Heftiger als Fluglärm: So wirkt sich Glockengeläut auf unseren Schlaf aus

Die ETH-Studie, auf die sich Gerichte nun berufen, hat es in sich. Der Lärmforscher Mark Brink erklärt die wichtigsten Resultate.

Daniel Fuchs
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Die ETH hat 2011 die Auswirkungen von Kirchengeläut untersucht.

Die ETH hat 2011 die Auswirkungen von Kirchengeläut untersucht.

Keystone

Glockengegner hoffen auf das Bundesgericht. Dieses muss bald in einem Streit zwischen Kirchgemeinde und lärmgeplagten Anwohnern urteilen. Die Richter werden sich dabei auch zur Anwendebarkeit einer ETH-Studie äussern. Lärmforscher Mark Brink über die wichtigsten Erkenntnissen aus der Studie von 2011.

Gefährdet der Lärm von Kirchenglocken unsere Gesundheit?

Mark Brink: Das kann man so nicht direkt sagen, weil es an Langzeitstudien fehlt, die aufzeigen könnten, ob die Gesundheit langfristig leidet, wenn man häufiger durch Geräusche aufwacht.

Trotzdem: Ein ungestörter Schlaf ist ein hohes Gut. Wie sehr stören Kirchenglocken in der Nacht?

Bei unseren Untersuchungen haben wir die Hirnströme schlafender Menschen gemessen. Schlafen ist vor allem ein aktiver Prozess des Gehirns. Wir haben untersucht, wie stark Glockenschläge zu Veränderungen der Hirnströme und zu Aufwachreaktionen führen. Der Effekt war sogar etwas ausgeprägter als bei Fluglärm bei gleichem Maximalpegel. Wie sehr ein Glockenschlag nun tatsächlich dazu führt, dass jemand aufwacht, ist von der Lautstärke des Glockenschlags im Schlafzimmer abhängig. Diese Lautstärke wird zum Beispiel davon beeinflusst, wie weit der Kirchturm von der Wohnung entfernt steht, wie die Umgebung beschaffen ist, ob man die Fenster geöffnet hat et cetera.

Zur Person Mark Brink ist Mitautor der ETH-Feldstudie von 2011 über die Auswirkungen von Kirchenglockenschlägen. Heute arbeitet er beim Bund.

Zur Person Mark Brink ist Mitautor der ETH-Feldstudie von 2011 über die Auswirkungen von Kirchenglockenschlägen. Heute arbeitet er beim Bund.

Kirchenglocken stören unseren Schlaf stärker als Fluglärm? Wie kommt das?

Wir vermuten, dass die Impulsartigkeit eines Geräuschs eine Rolle spielt. Beim Glockenschlag handelt es sich um einen sehr impulsiven Laut. Dabei schlägt ja auch ein Klöppel oder ein Hammer gegen die Glocke. Dieser Schlag kommt gewissermassen plötzlicher als das Geräusch eines startenden Flugzeugs.

Wie oft wacht man denn nun durch Glocken auf, wenn man neben einer Kirche wohnt?

Gehen wir einmal von einer Schlafdauer von acht Stunden in der Nacht aus: Beträgt dann die Lautstärke eines Glockengeräuschs am Ohr 60 Dezibel, so kommt es zu etwa fünf zusätzlichen Aufwachreaktionen, die sich im Hirnstrombild zeigen. 60 Dezibel im Schlafzimmer werden aber nur in unmittelbarer Nähe des Kirchturms erreicht. Und Aufwachreaktionen, wie wir sie gemessen haben, sind nicht unbedingt mit bewusstem Aufwachen gleichzusetzen.

Was geht physiologisch genau vor sich, dass wir aufwachen bei Lärm?

Unser gesamter Wahrnehmungsapparat ist eher auf Veränderungen in der Umwelt ausgerichtet als auf Zustände. Ein Glockenschlag, aber auch ein startendes Flugzeug oder ein aufheulender Töffmotor erzeugen eine schnelle Veränderung der akustischen Szenerie. Darauf reagiert unser Körper eher, im Gegensatz zum lauten, aber gleichmässigen Rauschen eines Bachs oder einer Autobahn.

Wachen Glockengeläut-Gegner häufiger auf?

Personen mit einer negativen Einstellung zum Glockengeläut wachten in unserer Studie etwas häufiger auf. Das haben wir kontrolliert. Wir wissen aber nichts über die Gründe dafür: Wurden diese Menschen zu Glockengeläut-Gegnern, weil sie wegen des Glockenschlags aufwachten oder wachen sie häufiger auf, weil sie als Glockengegner eher darauf achteten? Die Einstellung zur Kirche an sich beeinflusste die Aufwachwahrscheinlichkeit jedoch nicht.

Und bei besonders lärmsensiblen Menschen?

Die individuelle Lärmempfindlichkeit spielt eine wichtige Rolle. Nicht alle Menschen reagieren gleich. Manche Personen in unserer Stichprobe zeigten fast keine Reaktionen, andere sehr ausgeprägte.

Kann man sich an Lärm gewöhnen?

Untersuchungen zeigen, dass man sich physiologisch an Lärm nie ganz gewöhnen kann. Manchmal passiert sogar das Gegenteil: Man wird mehr und mehr sensibilisiert und beginnt sich auf die störende Lärmquelle zu konzentrieren. In diesem Fall wird es besonders schwierig, die Störung wieder ignorieren zu lernen.