USA

Stand der Pandemie in den USA: "Glutherde" oder "ausser Kontrolle"?

Die Bilder aus dem Frühjahr in New York haben sich vielen Menschen eingebrannt: Lange Schlangen vor Coronavirus-Teststationen, Behelfsspitälern auf Schiffen, in Konferenzzentren oder im Central Park. Angemietete Kühlwagen, in denen Leichen aufbewahrt wurden, für die in Bestattungsunternehmen kein Platz mehr war.

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US-Präsident Donald Trump zeigt sich mit Mund-Nasen-Schutz. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa

US-Präsident Donald Trump zeigt sich mit Mund-Nasen-Schutz. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa

Keystone/AP/Patrick Semansky

Inzwischen hat sich die Corona-Situation in der Millionenmetropole an der US-Ostküste deutlich verbessert - dafür aber steigen in grossen Teilen vom Rest des Landes die Zahlen.

Rund 70 000 Neuinfektionen melden die US-Behörden inzwischen täglich, vor allem aus dem Süden und Westen des Landes, wo es im Frühjahr grösstenteils nur sehr kurze und nicht sehr strenge Einschränkungen gegeben hatte. Nach Ansicht vieler Experten ist die Pandemie in einigen Gliedstaaten - wie beispielsweise Florida oder Texas - weitgehend ausser Kontrolle. Vielerorts wurde daher die phasenweise Wiedereröffnung der Wirtschaft gebremst, pausiert oder Lockerungen der Eindämmungsmassnahmen zurückgenommen.

Insgesamt haben sich in dem Land mit rund 330 Millionen Einwohnern bislang mehr als 3,8 Millionen Menschen nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert. Rund 140 000 Menschen starben nach einer Infektion - mehr als in jedem anderen Land der Welt.

US-Präsident Donald Trump, der sich im November um eine zweite Amtszeit bewirbt, hatte den Kampf zur Eindämmung des Virus zuletzt grossteils den Gouverneuren der Gliedstaaten und örtlichen Behörden überlassen. Er dringt aber auf eine rasche Rückkehr zur Normalität, damit sich die Wirtschaft erholen kann und Schulen wieder öffnen können.

Die hohe Zahl der Infektionen ist für Trump ein Ausdruck der ausgeweiteten Corona-Tests. Die Ausbrüche bezeichnet er als "Flammen" oder "Glutherde", die rasch gelöscht würden, wie zuletzt in einem Interview mit dem TV-Sender Fox News. Zudem betont er immer wieder, dass die USA "eine der niedrigsten, wenn nicht die niedrigste, Sterberate der Welt" hätten.

Während die täglichen Neuinfektionszahlen teils dramatisch zunahmen, war die Zahl der Toten pro Tag zunächst wochenlang gesunken. Experten führen das auf zahlreiche mögliche Gründe zurück: Die Menschen, die sich neu ansteckten, waren zu einem grossen Teil jung und hatten damit grössere Chancen auf einen leichteren Verlauf der Krankheit. Die Spitäler des Landes haben nun schon einige Monate Erfahrung mit dem Virus und haben ihre Behandlungsmethoden verbessern können. Die Testkapazitäten in den USA sind im Vergleich zum März deutlich ausgebaut worden, weswegen Infektionen möglicherweise früher entdeckt werden können. Das Tragen von Masken ist weiter verbreitet, wenn auch vielerorts umstritten.

Das alles bedeute aber definitiv keine Entwarnung, betonen Gesundheitsexperten. Die Zahl der Toten hinke erfahrungsgemäss denen der nachgewiesenen Infektionen um mindestens zwei Wochen hinterher, sagte etwa der oberste Gesundheitsbeamte der US-Regierung, Vizeadmiral Jerome Adams.

Und seit Mitte Juli werden pro Tag wieder deutlich mehr Tote verzeichnet, wie von vielen befürchtet. Im April und Mai waren es teils mehr als 2000 Tote innerhalb von 24 Stunden, dann meist deutlich weniger, derzeit liegt die Zahl täglich annähernd bei 1000.

"Die Situation ist so schlimm wie noch nie zuvor in den USA und sie gerät ausser Kontrolle", sagte Peter Hotez vom Baylor College of Medicine in Texas dem Online-Portal "Politico". Gleichzeitig mache sich Ermüdung und Abstumpfung hinsichtlich der Pandemie und ihrer Zahlen breit, sagte Kirsten Bibbins-Domingo von der University of California. "Das ist wie eine Wippe - offen, geschlossen, offen, geschlossen. Das hilft nicht gegen die Ermüdung."

Schon warnen einige Städte und Gemeinden wieder vor einer Überforderung ihrer Spitalsysteme und Bestattungsunternehmen. So haben beispielsweise in der texanischen Metropole Houston schon die Kinderkrankenhäuser damit begonnen, Erwachsende aufzunehmen, um für Entlastung zu sorgen. In Texas und Arizona werden mancherorts schon vorbeugend Kühlwagen angemietet, um als mobile Aufbewahrungszentren für Leichen zu dienen - wie im April in New York.

In der Millionenmetropole an der US-Ostküste wird unterdessen mit grosser Sorge auf diese Entwicklungen geschaut - und die Lockerung der einst strengen Einschränkungen gebremst. Kinos, Museen und die Innenräume von Restaurants, Bars und Cafés beispielsweise müssen vorerst anders als geplant weiter geschlossen bleiben. "New York ist nicht von der Tatsache beruhigt, dass unsere Infektionsrate niedrig ist", sagte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, der sich für die im Frühjahr erhaltene Unterstützung anderer Gliedstaaten bereits mit der Sendung von Medikamenten, Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten revanchierte. "Dieses Virus kann und wird die Grenzen von Gliedstaaten überqueren. Wir wissen das."