Fünf Hundertstel entscheiden

«Zauberwürfel» hiess der Rubik’s Cube früher und war ein beliebtes Geduldspiel. Heute geht es um Schnelligkeit. Dominik Fürer nimmt seit zwei Jahren an Competitions teil und trainiert täglich.

Bettina Kugler
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Dominiks Sammlung: Angefangen hat es mit einem Werbegeschenk der Swiss, das eine Weile unberührt auf dem Fenstersims herumlag. (Bild: Michel Canonica)

Dominiks Sammlung: Angefangen hat es mit einem Werbegeschenk der Swiss, das eine Weile unberührt auf dem Fenstersims herumlag. (Bild: Michel Canonica)

Der Weltrekord liegt derzeit bei 3,47 Sekunden. Das ist weniger Zeit, als Du gebraucht hast, um den ersten Satz in diesem Text zu lesen. 3,47 Sekunden, um einen beliebig verdrehten 3×3-Würfel anzuschauen, blitzschnell zu reagieren und in Ordnung zu bringen: So, dass jede Seite genau eine Farbe zeigt. Es tönt nach Zauberei. Doch «Zauberwürfel» sagt heute kaum mehr jemand, anders als 1980. Damals wurde der Rubik’s Cube hierzulande bekannt. Erfunden hat ihn ein ungarischer Architekturprofessor, Ernö Rubik.

Längst geht es nicht mehr nur dar­um, das räumliche Denkvermögen zu schulen. Damit hatten Rubiks Studenten Schwierigkeiten; der Würfel sollte ihnen auf die Sprünge helfen. Der Cube ist kein Geduldspiel mehr zum Zeitvertreib. Jetzt ist Tempo gefragt. Der «Klassiker» von Ernö Rubik, der 3×3×3-Würfel, hat unterdessen Nachwuchs bekommen: Würfel mit bis zu 17 Ebenen; den Pyraminx, den Megaminx, einen 4D-Stern ... Für alle braucht es nicht Zaubertricks, sondern einen klugen Kopf und geschickte Hände. Oder Füsse.

Speedcuber lösen auch blind: Mit verbundenen Augen

In 3,47 Sekunden schafft Dominik den 3×3 noch nicht. Aber um Hundertstelsekunden ging es bei ihm auch schon beim «Lösen». Ganz knapp verpasste er im vergangenen Herbst bei den Schweizer Meisterschaften im Speedcubing den Titel im «Skewb», einem Würfel mit schiefen Drehachsen. Nur fünf Hundertstelsekunden war da der Sieger schneller. Ein Wimpernschlag, oder noch weniger. Klar, das fuchste den 15-jährigen Gossauer eine Weile. Doch sicher nicht so wie ein verlorener Match bei einem Grand-Slam-Turnier im Tennis. Denn Speedcuber, sagt Dominik, treten nicht gegeneinander an. Sie nehmen es mit dem Cube auf. Der Würfel fordert sie heraus.

«Jeder versucht in erster Linie, seinen eigenen Rekord zu schlagen.»

Dabei ist dann durchaus Ehrgeiz im Spiel. Auf Wettkämpfe, «Competitions», wie die Speedcuber sagen, bereitet sich Dominik gründlich vor, ein bis zwei Stunden täglich. Oft simuliert er die Wettkampfsituation, setzt Kopfhörer auf mit Hintergrundlärm, damit die Nerven sich daran gewöhnen. Er trainiert Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Feinmotorik – auch einhändig und mit den Füssen. Oder blind. Beim «Blindfold» schaut sich der Cuber den verdrehten Würfel genau an, zieht dann die schwarze Augenbinde herunter und löst mit verbundenen Augen. «Blind würde ich mich gerne noch verbessern», sagt Dominik. Doch seit er an der Kanti ist, kommt er oft erst spät am Abend zum Trainieren. Das war noch anders, als er, eher zufällig, den Rubik’s Cube für sich entdeckte, als Viertklässler.

Beim ersten Mal brauchte er zwei Tage – und Papis Hilfe

Es brauchte eine Grippe und etwas Langeweile zu Hause im Bett. «Da lag auf dem Fenstersims dieser Würfel», erzählt Dominik. «Ich hatte ihn mal auf einem Flug mit der Swiss geschenkt bekommen, aber nichts damit anfangen können.» Das änderte sich schlagartig. «Zwei Tage brauchte ich, um ihn zu lösen», sagt er lachend. «Zusammen mit dem Papi.» Die Zeit zu stoppen, begann er erst später. Seit zwei Jahren nimmt Dominik an Competitions teil, mehrmals im Jahr, in der ganzen Schweiz. «Man schaut den Cube völlig anders an, wenn man auf Zeit trainiert», sagt er. Dann ist er nicht ansprechbar, braucht absolute Konzentration. Am Rande der Wettkämpfe sind meist neue Modelle ein heisses Gesprächsthema. Man fühlt sich als «Community», begeistert sich gemeinsam für die Sache.

Beim Wettkampf läuft die Zeit: Fünf Durchgänge werden gestoppt, die durchschnittliche Zeit ausgerechnet. Dominik denkt nicht lang nach– er reagiert sofort. (Bild: zVg)

Beim Wettkampf läuft die Zeit: Fünf Durchgänge werden gestoppt, die durchschnittliche Zeit ausgerechnet. Dominik denkt nicht lang nach– er reagiert sofort. (Bild: zVg)

Der nächste wird Ende März stattfinden, am Wiler Spielfest. Dominiks Würfelsammlung ist inzwischen auf etwa 60 Exemplare angewachsen. Die meisten kommen aus den USA und China – nicht von Ernö Rubik. Der aber besitzt nach wie vor ein Patent auf seine Erfindung. Für Dominik ist wichtig, dass sich der Cube leicht drehen lässt. In dieser Hinsicht, sagt er, sei oft einer für ein paar Franken besser als das Original. Ausschlaggebend sei ohnehin die Methode und die schnelle Reaktion. Dafür gibt es Anleitungen, auch im Internet. «Lösen kann den Würfel jeder», sagt Dominik. Die 3,47 Sekunden bleiben die grosse Herausforderung. Ernö Rubik hat dafür kein Verständnis. «Wenn du etwas gut machen willst», sagte er in einem Interview, «so lass dir Zeit.»