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Loredana Gsponer-Bertolotti ist gehörlos – und fühlt sich trotzdem frei

Loredana Gsponer-Bertolotti ist seit ihrer Geburt gehörlos. Die 54-Jährige erzählt, wie sie es trotzdem schafft, in der Welt der Hörenden Anschluss zu finden – aber auch, dass sie nicht mehr mit ihnen tauschen möchte.
Interview: Rahel Lüönd
«Ich hadere nie mit dem Schicksal»: Loredana Gsponer-Bertolotti aus Hochdorf ist eine von rund 10000 vollständig gehörlosen Menschen in der Schweiz, weitere 600000 sind leicht bis hochgradig schwerhörig.Bild: Pius Amrein (Hochdorf, 14. Sept. 2018)

«Ich hadere nie mit dem Schicksal»: Loredana Gsponer-Bertolotti aus Hochdorf ist eine von rund 10000 vollständig gehörlosen Menschen in der Schweiz, weitere 600000 sind leicht bis hochgradig schwerhörig.Bild: Pius Amrein (Hochdorf, 14. Sept. 2018)

Die Familie Gsponer-Bertolotti lebt in einem idyllischen Quartier in Hochdorf, wo sich ein Einfamilienhaus ans nächste reiht. Im und ums Haus sieht es nach Leben aus: Neben dem Gartensitzplatz wächst eine Reihe Tomaten, ein farbig angemalter Stein liegt zwischen den grauen. Auf einer Kommode sind verschiedene Deko-Objekte um einen orientalischen Elefanten herum angeordnet. Am anderen Ende des Raums steht ein romantisch anmutendes Segelschiff. Aus einem Zimmer dringt leiser Hip-Hop. Lediglich das Fingeralphabet an der WC-Türe deutet darauf hin, dass zwei Gehörlose hier leben.

Loredana Gsponer-Bertolotti, warum sind Sie gehörlos?

Meine Mutter hatte während meiner Schwangerschaft die Röteln, deshalb bin ich kurz vor der Geburt vollständig ertaubt. Ich habe noch nie ein Geräusch wahrgenommen.

Welche Hilfen brauchen Sie als Gehörlose im Alltag?

Zu Hause und bei der Arbeit ist alles eingespielt. Schwierig wird’s in ausserordentlichen Situationen, etwa wenn mit dem Internet etwas nicht funktioniert und ich die Swisscom anrufen muss.

Was tun Sie in so einer Situation?

Ich nutze einen telefonischen Dolmetscherdienst. Ich selber telefoniere per Video mit der Dolmetscherin, während diese die Hotline anruft.

Beim Interview ist eine Dolmetscherin anwesend: Käthi Schlegel. Sie leiht der Gehörlosen ihre Stimme, sie unterstreicht bestimmte Aussagen mit einem fiktiven Ausrufezeichen oder bringt Ironie in die Stimme, damit die gesprochenen Worte dem Gebärdeten entsprechen. Manchmal fragt sie zurück oder spricht lautlos auf Hochdeutsch mit, damit sie alles genau versteht. Keine noch so kleine Übersetzung lässt Käthi Schlegel aus, selbst scheinbar unwesentliche Bemerkungen wiederholt sie für Loredana Gsponer in Gebärdensprache, stets mit Blickkontakt.

Kommunikation ist allgegenwärtig. Wie kommunizieren Sie mit den hörenden Menschen?

Ich plane alles minutiös im Voraus. Ich hasse das Risiko und frage auch bei Abmachungen immer noch einmal nach, ob ich alles richtig verstanden habe. Bei meiner Arbeit bin ich darauf angewiesen, dass ich alle Infos separat erhalte und für Sitzungen frühzeitig einen Dolmetscher organisieren kann. Auf jeden Fall muss ich immer selbst aktiv sein, damit ich nicht vergessen gehe.

Können Sie sich denn mit den hörenden Kollegen verständigen?

Wenn sich der andere Mühe gibt und Hochdeutsch spricht, kann ich von den Lippen lesen. Das kostet mich aber enorme Anstrengung, wenn ich jemanden noch nicht kenne. Sobald man sich besser kennt, geht es einfacher.

Hat die Technologie für Gehörlose Fortschritte gemacht?

Schon. Früher hatten wir keine Chance, wenn es etwa einen Autounfall gab. Jetzt gibt’s eine App für Notfälle. Dies ist zwar eine Verbesserung, aber es gibt immer noch lange Wartezeiten.

Allein die Deutschschweizer Gebärdensprache kennt fünf regionale Dialekte: Zürich, Bern, Basel, Luzern und St. Gallen. Für die internationale Verständigung gibt es künstliche Gebärden, ähnlich wie die gesprochene Sprache Esperanto. (Bild: Pius Amrein)

Allein die Deutschschweizer Gebärdensprache kennt fünf regionale Dialekte: Zürich, Bern, Basel, Luzern und St. Gallen. Für die internationale Verständigung gibt es künstliche Gebärden, ähnlich wie die gesprochene Sprache Esperanto. (Bild: Pius Amrein)

Was können Sie am TV schauen? Kann man mit Hilfe der Untertitel einem Krimi oder einem Spielfilm folgen?

Filme schaue ich gerne mit Untertiteln, so kann ich den Film verstehen. Nachrichten wie die «Tagesschau» schaue ich mit Gebärdensprachdolmetscher, weil dies für mich einfacher verständlich ist.

Wenn sie ihre Stimme nutzen könnte, wäre Loredana Gsponer wohl ein sehr redseliger Mensch. Sie würde laut und schnell sprechen. Als temperamentvolle Italienerin schiessen die Antworten nur so aus ihr heraus, oftmals beginnt sie – mittels der Gebärdensprache – neue Sätze, bevor sie die alten zu Ende gesagt hat. Zu den Händen, die eilig durch die Luft wischen, hüpfen und drehen, kommen Laute aus ihrem Mund, vor allem Konsonanten wie ein stark gerolltes R.

Sie müssen immer kämpfen, um teilnehmen zu können. Fühlen Sie sich manchmal ausgegrenzt?

Früher fühlte ich mich stark ausgegrenzt. Heute bin ich viel mutiger und habe am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft gute Kontakte. Aber nehmen wir das Beispiel Weihnachtsessen: Ich kann zwar anstossen mit den Leuten – trotzdem gehöre ich nicht wirklich dazu.

Was hat Sie mutiger gemacht?

Die Arbeit im Schweizerischen Gehörlosenbund. Hier habe ich gelernt, wo ich Informationen beschaffe, welche Rechte ich habe und wie ich mich wehren kann.

Hadern Sie oft mit Ihrem Schicksal?

Nein, gar nicht. Ich habe mir nie Fragen gestellt, warum ich so bin. Ich bin einfach so. Ich höre die Vögel nicht zwitschern – aber ich weiss ja gar nicht, wie sie klingen. Wieso sollte ich sie dann vermissen? Ich glaube sogar, ich hätte Mühe damit, wenn ich plötzlich zu hören beginnen würde. Ich fühle mich frei.

Wie war es denn für Sie als Kind, gehörlos zu sein?

Ich war im Internat in Zürich-Wollishofen, bis ich 15 war. Schliesslich konnte ich nicht selbstständig in die Schule gehen. An den Wochenenden war bei uns als Italienerfamilie immer viel Besuch, wir haben gespielt, und meine Eltern haben mich natürlich überallhin mitgenommen. Sie haben mich nie alleine gelassen. Ich war als Kind sehr scheu und hätte mich nie getraut, ausserhalb der Familie und der Schule Kontakte zu knüpfen.

Dann haben Sie den Beruf Konditor-Confiseur gelernt. Wie hat das funktioniert?

Wenn ich etwas nicht verstand, schrieben es die andern auf. Anfangs musste ich viel abwaschen und zuschauen. Wir Gehörlosen sind visuell sehr stark – weil wir nichts hören, schauen wir doppelt.

Mittlerweile arbeiten Sie als Lagermitarbeiterin, zudem haben Sie sich weitergebildet zur Gebärdensprache-Ausbildnerin. Was hätten Sie gemacht, wenn Sie nicht gehörlos wären?

Wenn ich hörend wäre, wäre ich am liebsten Stewardess geworden. Ich liebe das Reisen, fremde Orte kennen zu lernen, ich bin so neugierig auf die ganze Welt. Aufgrund der Gehörlosigkeit habe ich dann halt Konditor-Confiseur gelernt, wie ein Kollege. Mein Traum war aber vielmehr, Familie zu haben und Freunde zu finden. Die Prioritäten haben sich verschoben. Mit der Weiterbildung zur Sprachlehrerin habe ich mir spät einen beruflichen Wunsch erfüllt.

(Bild: Pius Amrein)

(Bild: Pius Amrein)

Wie war es mit Ihren drei Kindern?

Mein Mann und ich sind beide gehörlos, die drei Kinder sind hörend. Wir haben mit ihnen in Gebärdensprache kommuniziert, und durch die Grosseltern haben sie sprechen gelernt.

Wo haben Sie Ihren Mann kennen gelernt?

Ich kannte ihn bereits von der Schule in der Oberstufe. Verliebt haben wir uns aber erst später, als wir uns in der Berufsschule wieder trafen. Ich habe einen wunderbaren Mann!

Wie ist das allgemein mit Partnerschaften: Finden meist Gehörlose zueinander, oder gibt es auch Partnerschaften Gehörlose–Hörende?

Es gibt gemischte Partnerschaften, aber meistens sind beide Partner gehörlos, weil so die Kommunikation einfacher ist.

Sie sagen, dass Sie neugierig sind auf die Welt. Können Sie selbstständig privat verreisen?

Klar, wir waren schon an vielen Orten, zum Beispiel Mittelamerika oder Skandinavien. Manchmal reisen wir mit einem anderen gehörlosen Paar.

Wie funktioniert das?

Gleich wie bei den Hörenden! Wir müssen nur locker bleiben.

Ja, aber wenn ich mir das vorstelle: Beim Reisen passieren doch immer unvorhergesehene Zwischenfälle!

Nehmen wir eine Situation auf dem Kreuzfahrt-Schiff. Da beginnt einer zu schwatzen, und ich höre nichts. Also nehme ich meine Liste und zeige auf meinen Namen. Auf die gleiche Weise sage ich, dass sie uns bei Lautsprecherdurchsagen bitte direkt informieren. Auf der Menükarte deute ich aufs Essen, und manchmal laufen wir auch einfach den Hörenden nach. Wir können ja lesen, wir wissen uns immer zu helfen.

Die Stimmung ist locker, wir lachen viel während dieses Dreieck-Gesprächs, das vollständig von der Dolmetscherin abhängig ist. Während der Übersetzungen entstehen immer wieder Pausen, um das Gesagte dem andern verständlich zu machen. Man kann nicht kurz irgendwas dazwischenrufen, wie das sonst üblich ist. Vorurteile oder gar Mitleid sind fehl am Platz. Im Gegenteil: Die 54-Jährige möchte nicht tauschen mit den Hörenden. Eigentlich versteht sie die ganze Fragerei nicht so recht. Sie ist und war schon immer so, gehörlos zu sein ist für sie ganz selbstverständlich. Und doch antwortet sie auf jede Frage geduldig.

(Bild: Pius Amrein)

(Bild: Pius Amrein)

Sie sind im Vorstand des Gehörlosen- und Sportvereins Luzern und noch bis im Mai 2019 für den Schweizerischen Gehörlosenbund im Regionalkomitee der Zentralschweiz. Was bewegt Sie dazu, Vereinsarbeit zu leisten?

Ich kann so mit meinem Mann etwas bewirken. Wir organisieren Ausflüge und Veranstaltungen. Wenn wir nicht im Verein wären, hätten wir auch weniger soziale Kontakte. So gehören wir zur Gemeinschaft, und viele Gehörlose können von unserer Arbeit profitieren.

Wenn Sie so von Ihrem Leben erzählen, klingt das wie eine Parallelwelt ...

Ja, das ist schon so, wir haben unsere eigene Welt.

Stört Sie das nicht?

Nein. Ich habe Zugang zu beiden Welten, wenn ich will. Ich möchte auch profitieren von der hörenden Welt: Hier hole ich zum Beispiel Infos. Aber ich bin sehr gern in der Gehörlosenwelt, weil es meine Welt ist.

Was zeichnet Ihre Welt aus?

Gehörlose sind sehr offen, kommunizieren direkt aus dem Herzen. Wenn ich mit Hörenden kommuniziere, bleiben diese Gespräche oft oberflächlich. Sie können lange Small Talk betreiben, sind irgendwie zurückhaltender, glaube ich. Natürlich ist es auch charakterabhängig, aber Gehörlose versuchen wohl so stark Missverständnisse zu vermeiden, dass sie automatisch klarer und direkter werden.

Für welche Anliegen der Gehörlosen möchten Sie die öffentliche Aufmerksamkeit erhalten?

Gerade die Anerkennung der Gebärdensprache wäre toll. Es würde uns Zugang zu vielen Dingen schaffen, wie zum Beispiel zu Bildung oder Informationen im öffentlichen Raum und am Arbeitsplatz. Ich hoffe, dass dann die Übersetzungen in die Gebärdensprache einfacher finanziert würden, weil sie eben eine anerkannte Sprache wäre.

Sie können doch heute schon einen Dolmetscher engagieren?

Ja, aber das bezahlte Kontingent ist stark beschränkt. Ich finde deshalb, dass auch die Firmen, die Ärzte oder die Schulen diese Dienste zur Verfügung stellen sollten. Als unsere Kinder schulpflichtig waren, wurde uns gerade mal ein Elterngespräch pro Jahr angeboten. Ausländer haben öfter einen Dolmetscher zur Verfügung. Das ist doch nicht fair! Ich wollte genauso Bescheid wissen wie alle hörenden Eltern auch.

Was wünschen Sie sich von jenen, die hören können?

Dass man einfacher zu Infos kommt. Wenn etwa ein Zug Verspätung hat und eine Durchsage über den Lautsprecher geht, kriegen wir nichts mit. Es gibt so viele Situationen, in denen wir Gehörlosen einfach übergangen werden. Auch in der Politik: Ich kann nicht an die Gemeindeversammlung gehen, obwohl ich es gern würde. Da fühle ich mich diskriminiert. Der Gehörlosenbund machte gestern in Genf auf die fehlende Anerkennung der Gebärdensprache aufmerksam und fordert die Politik zum Handeln auf (siehe Kasten).

Was müsste sich ändern?

Ziel ist die nationale Anerkennung der Gebärdensprache. Das würde vieles vereinfachen.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Es wäre wunderschön, wenn ich später einmal im Altersheim mit Gehörlosen zusammen sein könnte, damit ich nicht vereinsame.

Haben Sie einen Traum, den Sie unbedingt verwirklichen möchten?

Das Leben läuft doch einfach, die Dinge kommen auf einen zu, und sie sind, wie sie sind.

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