Gleichstellung
Genderwahnsinn oder längst überfällige Anpassung? Duden akzeptiert die männliche Form für Frauen nicht mehr

Wer Personen beider Geschlechter meint, muss laut Duden neu auch die weibliche Form nennen. Das könnte sich nicht nur aufs Schreiben, sondern auch aufs Denken auswirken.

Niklaus Salzmann
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Der Duden setzt neue Standards in gendergerechter Sprache.

Der Duden setzt neue Standards in gendergerechter Sprache.

Keystone

An die grosse Glocke gehängt hat die Duden-Redaktion ihre Neuerung nicht. Doch es ist eine Sensation. Es geht um 12'000 Wörterbucheinträge, die geändert werden müssen – und um das Ergebnis von über 40 Jahren gesellschaftlicher Diskussionen. Konkret wird das sogenannte generische Maskulinum abgeschafft, dass Frauen mitmeinte: Der «Mieter» zum Beispiel war bisher definiert als «jemand, der etwas gemietet hat». Doch nun ist in der Onlineversion des Dudens unter «Mieter» zu lesen: «Männliche Person, die etwas gemietet hat».

Im bekanntesten Wörterbuch der deutschen Sprache sind also bei der männlichen Form keine Frauen mehr mitgemeint. Wer beide Geschlechter benennen will, muss nun grammatikalisch korrekt «Mieterinnen und Mieter», «Ärztinnen und Ärzte», «Allrounderinnen und Allrounder» schreiben – oder neutrale Umschreibungen finden wie «Lehrpersonen».

Der Bund begann in den Achtzigern mit sprachlicher Gleichberechtigung

Damit behebt der Duden eine sprachliche Ungleichheit, die von der deutschen Sprachwissenschafterin Senta Trömel-Plötz bereits in den Siebzigern bemängelt wurde. Fahrt aufgenommen hat die Diskussion in den Achtzigern. Damals wurden in der Schweiz auf Bundesebene bereits erste Dokumente umformuliert und eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Vorschläge für eine geschlechtsneutrale Verwaltungssprache auszuarbeiteten begann. Viele Kantone folgten in den Neunzigern. Auch im Bildungswesen ist es längst selbstverständlich, Paarformen oder neutrale Bezeichnungen zu benutzen. Die Lehrkräfte an den Schulen unterrichten Schülerinnen und Schüler, in den Vorlesungen der Professorinnen und Professoren sitzen Studierende.

Gerade im Bildungswesen zeigt sich aber auch, dass die Umsetzung an Grenzen stösst. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat bereits 1992 in einer Richtlinie dazu aufgerufen, das generische Maskulinum nur mit Zurückhaltung zu verwenden. In ihrem Namen trägt sie es noch immer – die Erziehungsdirektorinnen haben dort keinen Platz.

Arbeiten hier vier Gärtner oder doch eher drei Gärtnerinnen und ein Gärtner? Laut Duden ist bald nur noch die zweite Formulierung korrekt.

Arbeiten hier vier Gärtner oder doch eher drei Gärtnerinnen und ein Gärtner? Laut Duden ist bald nur noch die zweite Formulierung korrekt.

Keystone/Ennio Leanza

Als ob Frauen keine Rolle spielten

Die Änderungen im Duden führen nun sowohl in der Fachwelt als auch in der Bevölkerung zu heftigen Diskussionen. In den sozialen Medien und in den Kommentarspalten der Zeitungen feiern die einen den Erfolg, der für sie überfällig war. Die anderen befürchten komplizierte, gar sprachwissenschaftlich falsche Formulierungen und wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie die deutsche Sprache zu verwenden haben. Die einen Frauen erklären, sich vom generischen Maskulinum längst nicht mehr angesprochen zu fühlen, die anderen verwenden diese Form selber.

Wie empfindlich Menschen auf die Sprache reagieren, zeigte sich jeweils bei Rechtschreibreformen. Doch diesmal geht es um weit mehr; die Duden-Änderung hat eine tiefe gesellschaftliche Dimension. Mit dem generischen Maskulinum können Frauen mitgemeint sein oder auch nicht. Wer Gärtner schreibt, lies bislang offen, ob da Frauen mitarbeiten oder nicht – als ob Frauen keine Rolle spielten.

Wer von Ärzten liest, denkt an Männer

Und das geht durchaus über den rein sprachlichen Bereich hinaus, wie in psychologischen Experimenten nachgewiesen wurde. Wird von «Wissenschaftern», «Lehrern», «Piloten» gesprochen, entsteht im Kopf viel öfters das Bild eines Mannes, als wenn explizit die männliche und die weibliche Form genannt werden. Zwar ist es im 21. Jahrhundert selbstverständlich, dass wir im Spital ebenso gut von einer Frau wie von einem Mann behandelt werden können. Doch wenn wir «Ärzte» hören, stellen wir uns eine Gruppe Männer vor. (Bei der Schreibweise mit dem sogenannten Binnen-I, also «ÄrztInnen», denken wir dagegen bevorzugt an Frauen.) Das generische Maskulinum stärkt also bereits bestehende Stereotype in unseren Köpfen.

Die neue Regelung hat also das Potenzial, sich auch auf unser Denken auszuwirken. Doch ist es Aufgabe der Dudenredaktion, solche Veränderungen anzustossen? Oder überschreitet sie damit ihre Kompetenzen? Der Duden solle sich auf das Beschreiben des Sprachgebrauchs beschränken, fordern Kritikerinnen – und Kritiker – der neuen Sprachregelung. Doch der Sprachwissenschafter Martin Reisigl, der an der Universität Bern Empfehlung für eine geschlechtergerechte Sprache mitverfasst hat, lässt den Vorwurf nicht gelten. Auch diesmal passe die Redaktion das Wörterbuch «an den realen Sprachgebrauch vieler Menschen an», sagt er. In der Geschichte des Sprachgebrauchs und in Fallstudien zeige sich, dass die männliche Form nie Frauen gleichermassen miteinbezogen habe. Das sei lediglich behauptet worden.

Die Formulierungen werden länger

Reisigl macht aber bei der aktuellen Veränderung auch eine sprachpolitisch neue Dimension aus. «Mit der jetzigen Änderung kommen demokratische, inklusive und partizipative Normen stärker zur Geltung als bisher», sagt er.

Die grösste Hürde für eine konsequente Abschaffung des generischen Maskulinums liegt wohl darin, dass sich Formulierungen dadurch verlängern oder kompliziert werden. Wie kann etwa die Schülerband neutral bezeichnet werden? Das neutrale Formulieren kann auch Fragen aufwerfen und zusätzliche Recherche bedingen. Ist es korrekt, von den Chefärzten eines Spitals zu schreiben, oder gibt es in dieser Position auch Frauen?

Es stimmt, die alte Regelung war einfacher. Aber oft haben wir es uns damit zu einfach gemacht.

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