Social TV
Generationensendung «Wetten, dass..?» wurde vom Internet aufgefressen

Die Technik hat das Fernsehen verändert - und verdrängte «Wetten, dass..?» zunehmend aus den Stuben. Doch auch heute sitzt man noch gemeinsam vor dem TV – nur schauen dabei nicht alle dasselbe.

Raffael Schuppisser
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Thomas Gottschalk in «Wetten, dass...?» Ganze Familien verfolgten die Sendung vor dem Fernseher.

Thomas Gottschalk in «Wetten, dass...?» Ganze Familien verfolgten die Sendung vor dem Fernseher.

Keystone

Umschalten war zwecklos: Wenn sich neben dem Schweizer Staatsfernsehen überhaupt ein zweiter oder dritten Sender empfangen liess, dann war es entweder das ZDF oder ORF 1 (damals noch FS 1). Doch auf allen Kanälen begrüsste einen Frank Elstner – entkommen konnte man ihm nur, wenn man das Empfangsgerät ausschaltete.

Diese Monopolstellung bescherte «Wetten, dass..?» Anfang der 1980er-Jahre Traumquoten. Der Rekord mit 23,43 Millionen Zuschauern wurde im Februar 1985 aufgestellt.

In den kommenden Jahren nahm zwar die Verbreitung der TV-Geräte zu, doch ebenso die Anzahl der Sender. Mitte der 1980er-Jahre nahmen die Privatsender ihren Betrieb auf. In Deutschland waren das zuerst Sat.1 und RTL, dann folgten Pro 7 und RTL 2. Das hatte fatale Auswirkungen auf die Quoten: 1993 wollten nur noch 12,86 Millionen die Show mit Thomas Gottschalk sehen.

Der technische Fortschritt verdrängte «Wetten, dass..?» zunehmend aus den Stuben. Nach der Jahrtausendwende wurden Einschaltquoten im zweistelligen Millionenbereich immer seltener. Nun war zeitversetztes Fernsehen möglich – statt sich nach dem Programmdiktat der TV-Sender zu richten, wurden die TV-Zuschauer zu Usern und bestimmten fortan selber, was sie über ihre Set-Top-Boxen oder auf ihren Tablet-Geräten sehen wollten. «Wetten, dass..?» gehörte immer weniger dazu.

Zusammen und doch alleine

Doch in den letzten Jahren wurde «Wetten, dass..?» wieder unterhaltsamer. Nicht weil Markus Lanz, der neue Moderator, ein witziger Typ wäre, sondern weil die Sendung dank Twitter wieder zu einem sozialen Event wurde – wie sie das in den 1980ern war, als noch die ganze Familie zusammen vor dem TV sass.

Seither verfolgt man die Samstagabendkiste mit dem Smartphone oder Tablet auf dem Schoss und amüsiert sich über die Tweets und Facebook-Posts, mit welchen die TV-Zuschauer das Geschehen auf dem Bildschirm kommentieren. Mal analytisch («Lanz ist so daneben, dass sogar die Gags von Judith Rakers besser sind als seine») und mal mit dem Blick fürs Detail («Da blitzt doch gleich wieder das Höschen bei der Sylvie van der Vaart»).

Doch auch das neue «Social TV» konnte nicht verhindern, dass das totgelaufene «Wetten, dass..?» abgesetzt wird. «Die Sendung wurde vom Internet aufgefressen», kommentiert einer auf Twitter.

Die moderne Technik hat die generationenübergreifende Familiensendung überflüssig gemacht. Es könnte nun jedoch abermals eine technische Entwicklung sein, die einen wieder gemeinsam fernsehen lässt. Wenn gleich auf abstruse Weise.

Auf den neusten TV-Geräten kann man auf demselben Bildschirm zwei Programme gleichzeitig schauen – mit Spezialbrillen, die normalerweise dazu genutzt werden, Filme in 3-D zu kucken. Anstatt wie bei 3-D dem Zuschauer ein je etwas versetztes Bild für das linke und das rechte Auge zu zeigen, werden hier jeweils zwei Bilder unterschiedlicher Fernsehprogramme so hintereinandergestellt, dass der eine Zuschauer immer das erste sieht und der andere das zweite. Der Ton wird über Kopfhörer eingespielt. Während die Grossmutter «Musikantenstadl» schaut, kann die Enkelin «Voice of Switzerland» gucken. Mit diesem technischen Kniff lässt sich nach «Wetten, dass..?» gewissermassen zusammen getrennt fernschauen.

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