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GENUSS: Essen wie bei Oma – jetzt bei «Margrit»

Mit der Internet- plattform «Margrit» können sich Fremde am privaten Mittagstisch begegnen. Eine echte und schöne Alternative zu Mensa und Kantine.
Zmittag auf einer Dachterrasse in der Luzerner Neustadt: von links «Margrit»-Mitbegründer Stefan, Gast Adrian, Köchin und Gastgeberin Klara, Gast Mike. Später sassen auch noch die Journalistin und die Fotografin zu. Und alle haben es genossen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Zmittag auf einer Dachterrasse in der Luzerner Neustadt: von links «Margrit»-Mitbegründer Stefan, Gast Adrian, Köchin und Gastgeberin Klara, Gast Mike. Später sassen auch noch die Journalistin und die Fotografin zu. Und alle haben es genossen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Anna Miller und Julia Stephan

Gastgeberin Klara begrüsst ihre Gäste auf ihrer mit Blumen vollgestellten Dachterrasse in der Neustadt. Der Blick über Luzern ist ein Traum, das Menü ist es auch: Während der Hauptgang köchelt – Spaghetti an Wodkasauce –, reicht uns Klara schon mal leichtes Sommergemüse durchs Küchenfenster – «wegen der Hitze», wie sie sagt.

Klara hat ihre fünf geladenen Gäste noch nie gesehen. Und diese sie auch nicht. Das macht nichts. 17.50 Franken bezahlen die Gäste für das Drei-Gänge-Menü am privaten Mittagstisch. Da sitzen heute auch die beiden IT-Experten Adrian und Mike (man sagt sich du bei «Margrit»). Sie arbeiten gleich um die Ecke. Beide suchten Abwechslung zum immer Gleichen in ihren Stammbeizen und Imbissständen, sie hatten Hunger auf Neues. Aber passt der Ausflug in ihre knapp bemessene Mittagspause? Klara beruhigt: «In einer Stunde sind wir fertig.»

Zwei Brüder stehen dahinter

Mit am Tisch sitzt auch Stefan Ganz (28). Er wohnt in einer kleinen, zusammengewürfelten Wohnung im Kreis 4 in Zürich. Nach dem Germanistikstudium und fünf Jahren als Texter/Konzepter bei Werbeagenturen fand er es an der Zeit, eigenen Ideen nachzugehen. Eine Idee zum Beispiel für ebenjene Leute, die Alternativen suchen in einem Gastronomie-Dschungel, der zwar vieles anbietet, für Büropausen aber eben dann doch immer dasselbe.

Deshalb hat Stefan zusammen mit seinem Bruder Tobias die Internetplattform «Margrit» gegründet. Dafür hat er seinen Job als Texter an den Nagel gehängt und ist das Wagnis eingegangen, ein Start-up zu gründen, das ihm vielleicht irgendwann die Miete zahlt. Auf «Margrit» können Privatpersonen aus der ganzen Schweiz bei sich zu Hause Mittagessen anbieten. Sie sagen, wann, und legen das Menü fest. Personen aus der Umgebung können sich dann einen Platz am Mittagstisch buchen. Die Essen kosten meist zwischen 10 und 25 Franken. Inbegriffen sind oft ein Salat, eine Hauptspeise, teilweise Dessert, Getränke und Kaffee. Eben alles, was auch bei Oma zu Hause auf den Tisch käme.

Ode ans Grosi

Deshalb heisst die Plattform «Mar­grit»: als Hommage an die eigene Grossmutter, bei der die beiden als Buben über Mittag essen konnten. Wo alles liebevoll und authentisch war, einfach und gut. Und das verschwand mit dem Erwachsenwerden. Und ersetzt wurde durch kalte Sandwiches, Stehlunch oder den Italiener um die Ecke. «Wir wollen mit ‹Margrit› eine bezahlbare Alternative zu den Mittagsange­boten bieten», sagt Stefan Ganz.

Das Internet biete weltweit Kontakte, aber die Nähe zur unmittelbaren Nachbarschaft gehe verloren. «Die Idee ist auch, die Leute einer Region oder eines Ortes wieder stärker miteinander zu vernetzen», sagt Ganz. Am Mittagstisch sei der Austausch zwischen Generationen und Milieus möglich. «Eine solche Durchmischung ist wichtig für die Gesellschaft.» Ganz selbst spürt in sich manchmal eine gewisse Sehnsucht, nach neuen Kontakten, neuen Gesprächen, mehr menschlicher Qualität. Spontane Treffen, neue Ideen, neue Geschichten.

Sehnsucht nach Familie

Ein bisschen Nostalgie schwingt in diesem fortschrittlichen und doch so simplen Konzept mit: unser aller Sehnsucht nach familiären Strukturen, einfachen, gesunden Mahlzeiten, mit Liebe gekocht. Keine kalten Nudeln mehr aus dem Plastikböxli vor dem PC, kein Dönerstand, kein Menü 1 (paniertes Schnitzel) in der Mensa. Stattdessen eine knappe Stunde freundliche Gespräche, ungezwungen, unbelastet vom Geschwätz der Bürokollegin, ohne Chef, ohne grosses Portemonnaie. Hausmannskost, simpel, fein, a la minute zubereitet. «Margrit» ist ein Stück Normalität, eben ein Zmittagtisch im kleinen Rahmen, ein bisschen Familie, für einen Moment.

Die Spaghetti mit Wodkasauce werden serviert, die Sonne brennt auf unsere Köpfe. Doch, es hat auch mal sonnige Tage gegeben in letzter Zeit. Oder wenigstens, wie in diesem Fall, Halbtage.

Entspannt, aber nicht für jeden Tag

Wir sitzen auf der Dachterrasse von Klara, über den Dächern Luzerns. Wir essen gemeinsam und erzählen uns, wer wir sind, was wir treiben. Wir sind uns alle von Beginn weg sympathisch. Wir sprechen über unsere Arbeit, über das Leben und die Liebe, über das Wetter und diese Idee, deretwegen wir hier sind. Allen ist es wohl, das Fazit ist gut, «sehr entspannt», «authentisch». Aber auch nicht für jeden Tag. Weil es auch Kraft kostet, sich auf neue Leute einzulassen, weil die Zeit auch nicht jeden Tag reicht.

Dass Hunderte Menschen jeden Tag zusammen über «Margrit» essen, ist Stefans Traum. Die Realität sieht im Moment noch anders aus: Die Plattform ist seit drei Monaten online, rund 700 Benutzer haben sich registriert. «Generell sind wir mit dem Start sehr zufrieden», sagt Stefan.

Quer durch die Deutschschweiz hätten schon viele Essen stattgefunden, in Biel, Bern, Basel und Brugg, in Zürich natürlich oder in Oftringen. In der Zentralschweiz gibt es bis jetzt ein Dutzend Gastgeber. Die meisten von ihnen sind in der Stadt Luzern daheim und offenbar «besonders aktiv», wie Stefan sagt. «Margrit» hat zudem auch in Zug und Baar zaghaft Fuss gefasst.

Aber die Ziele sind selbstverständlich schon höher gesteckt. «Warum darf man denn nicht gross träumen?», sagt Stefan. Der Unterkunftsvermittler Airbnb habe auch bescheiden angefangen. Stefan und sein Bruder wollen mit «Margrit» mittelfristig sogar ins Ausland, nach Deutschland, Österreich. Wenns klappt, noch weiter, weltweit.

Aber das ist Zukunftsmusik. «Zuerst müssen wir es schaffen, in der Schweiz lokale Märkte zu schaffen», sagt er. Erster Schritt sind die grösseren Schweizer Städte und Agglomerationen, doch essen soll man letztlich dort können, wo Menschen kochen – also im Grunde überall. Wo auch immer: Langfristig möchte man 1000 Essen pro Tag vermitteln.

Chance auch für Senioren

Die grösste Herausforderung wird sein, die Leute auf die Plattform zu bringen, Vertrauen zu schaffen. Menschen zu finden, die kochen wollen, die Zeit dafür haben. Und solche, die gerne bei Fremden essen. «Die Kochenden sind nicht die Gleichen wie die, die essen gehen», sagt Ganz. Typischerweise müsse jemand, der koche, Zeit haben. Am ehesten würde das Studenten, Rentner, Familien und Teilzeitler ansprechen. «Vor allem Familien müssen sowieso jeden Mittag etwas auf dem Tisch haben, da kommt es auf den einen oder anderen Gast mehr gar nicht gross an», sagt Stefan Ganz.

Und für Seniorinnen und Senioren sei das eine grosse Chance, wieder vermehrt mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Und die Berufstätigen haben mal Abwechslung. Vom Kochen allein werde aber keiner reich. «Im besten Fall reicht es für einen kleinen Nebenverdienst. Aber darum geht es auch nicht in erster Linie.»

Juristische Grauzone

Was den Initianten bewusst ist: Die Plattform bewegt sich juristisch in einem Graubereich: Wann hört privat auf, wann beginnt kommerziell? Ab wann ist so ein Angebot eine echte Konkurrenz zur bestehenden Gastronomie? Es sind ähnliche Fragen wie bei Airbnb oder Uber.

Weil vor zehn Jahren noch niemand daran dachte, dass sich mit den Möglichkeiten des Internets solche Fragen stellen könnten. Auch Fragen der Haftung stellen sich. Was, wenn ein Gast randaliert, wenn Geschirr kaputtgeht? Bis jetzt sei alles gut gelaufen, sagt Ganz. Alle Gäste und Köche hätten gute Erfahrungen gemacht. Aber man wisse um diese Fragen und arbeite daran. Und auch mit der Gewerbepolizei sei man im Gespräch.

Bewilligung für Testbetrieb

Eine aufwendige Sache, hat doch – typisch für die kleine Schweiz – jeder Kanton seine eigenen Bestimmungen (siehe Kasten). Neben Schwyz, wo «Margrit» noch überhaupt nicht präsent ist, ist auch Luzern besonders streng. Aber, so Stefan: «Nach Absprache mit der Gewerbepolizei haben wir eine Bewilligung erhalten, die uns den Testbetrieb im ganzen Kanton für sechs Monate erlaubt.»

Die Schoggi-Mousse und den Kaffee gibts bei Klara noch vor dem Wolkenbruch. Dann bringen die geladenen Gäste mit vereinten Kräften das Geschirr in Sicherheit. Der Händedruck beim Abschied fühlt sich schon so richtig vertraut an – Essen verbindet.

Mitarbeit Hag

Hinweis

Internetadresse mit weiteren Informationen, auch mit der Möglichkeit, sich als kochende Person oder als Gast zu registrieren: www.margr.it

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