Gesünder essen: Wie sich unsere Gelüste am Snackautomaten beeinflussen lassen

Ein Nationales Forschungsprogramm hat untersucht, wie wir zu gesünderem Essen erzogen werden könnten. Es wird schwierig.

Sabine Kuster
Drucken
Teilen
Von Bildern oder einer Giacometti-Skulptur lassen wir uns bei der Essensauswahl beeinflussen. Das zeigte ein Experiment an Snackautomaten.

Von Bildern oder einer Giacometti-Skulptur lassen wir uns bei der Essensauswahl beeinflussen. Das zeigte ein Experiment an Snackautomaten.

Keystone

Wir sind keine rein kopfgesteuerten Wesen. Wir lassen uns von Gelüsten leiten, von Aktionen, von Stress. Denn eigentlich wüssten Herr und Frau Schweizer längst, dass Gemüse gesund ist. Und viel Fleisch eher nicht. Aber dann fehlt im Alltag die Zeit, selber zu kochen, oder das Geld, um gesünder einzukaufen. Oder wir wollen uns schlicht lieber mit etwas Süssem belohnen.

Die Ernährungsforscher haben erkannt: Wissen allein hat nur einen begrenzten Einfluss auf unsere Essgewohnheiten. Verschiedene Forscher in 26 Projekten haben seit 2013 im Nationalen Forschungsprogramm «Gesunde Ernährung und Nachhaltige Lebensmittelproduktion» untersucht, ob sich das Volk anders zu einer gesünderen Ernährung bewegen liesse – und wie die Landwirtschaft nachhaltiger wird. Herausgekommen sind teils unkonventionelle Ideen.

Zum Beispiel diese: Neben dem einen Snackautomaten hängt ein Poster mit den ausgemergelten Skulpturen von Alberto Giacometti. Neben einem anderen ein farbiges Poster eines Jahrmarktes. Oder Poster, die Natur und Sport zeigen. Bei letzteren Bildern konnten die Forschenden um Claude Messner zwar keinen positiven Effekt auf die gekaufte Menge Lebensmittel feststellen, doch die Leute wählten immerhin gesündere Produkte. Weniger konsumierten die Leute hingegen, wenn eine dünne Giacometti-Skulptur neben dem Snackautomaten gezeigt wurde. Messner kommt zum Schluss, dass man mit solchen unbewussten Reizen Einfluss auf die Ernährung der Bevölkerung nehmen könnte.

Andere Forschende erfanden ein Analysegerät, das anhand der Atemluft feststellen kann, ob im Körper gerade Fett abgebaut wird. Geräte wie dieses sollen stark übergewichtigen Patientinnen und Patienten beim Abnehmen helfen. Andere entwickelten eine Nanotechnologie, mit der Nahrungsmitteln zusätzliches Eisen hinzugefügt werden kann.

Personalrestaurants wären ein guter Ort, die Ernährung der Bevölkerung zu verbessern, denn eine Million Arbeitnehmende ernähren sich unter der Woche zumindest mittags dort. Das Ziel, die Ernährung dort zu verbessern, ist bereits im Aktionsplan der Schweizer Ernährungsstrategie festgehalten.

Es geht auch um die Speisung von Millionen

Doch müssen wir wirklich mit ausgemergelten Skulpturen manipuliert werden, um endlich gesünder zu essen? Steht es so schlimm um unsere Ernährung?

Es ist schon so, dass eine gesündere Ernährung den heute verbreiteten Herz-Kreislaufkrankheiten vorbeugt und vermutlich auch Krebs. Und wer lange gesund bleibt, verursacht dem Staat weniger Kosten. Doch mit einer pflanzlicheren Ernährung würden sich noch zwei andere Probleme verkleinern: Wenn erstens weniger Fleisch konsumiert wird, ist das gut für die Umwelt, weil besonders Rinder viel CO2 verursachen. Ausserdem wäre es einfacher, die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Bis im Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden anwachsen. Man erwartet, dass die Landwirte ihre Produktion verdoppeln – trotz der Auswirkungen des Klimawandels wie Wasserknappheit. Vegetarische Ernährung ist effizienter: Der Mensch isst den Mais oder das Soja gleich selber.

Für die Schweiz ist das Hochfahren der Lebensmittelproduktion schwierig, weil nur ein Viertel des Landes landwirtschaftlich genutzt werden kann. Heute werden 44 Prozent der Nahrungsmittel importiert. Das Forschungsprogramm zeigt auch auf, wie beispielsweise mit einer abwechslungsreicheren und klügeren Bewirtschaftung der Äcker das Risiko für Pilzbefall minimiert werden kann.

Damit auch mit einer viel grösseren Bevölkerung künftig alle genug zu essen haben, will der Bund auch die Lebensmittelverschwendung reduzieren: In der Schweiz gehen jährlich 2,6 Millionen Tonnen Nahrungsmittel verloren. Der grösste Teil der Lebensmittelverschwendung – 39 Prozent, fast 900'000 Tonnen pro Jahr – fällt in Haushalten an.

Fehlernährung lässt Gesundheitskosten in die Höhe schnellen: Die direkten und indirekten Gesundheitskosten einer unausgewogenen Ernährung verdreifachten sich in der Schweiz zwischen 2002 und 2012.

Fehlernährung lässt Gesundheitskosten in die Höhe schnellen: Die direkten und indirekten Gesundheitskosten einer unausgewogenen Ernährung verdreifachten sich in der Schweiz zwischen 2002 und 2012.

CH Media

Bessere Verpackungen sollen helfen

Teilweise verschieben sich aber die Verluste massiv – wie bei den Kartoffeln. Die Forschungsgruppe um Gabriele Mack zeigte, dass mehr als die Hälfte der Kartoffelernte nicht vom Menschen verzehrt wird. Fast die Hälfte der Verluste entstehen in Landwirtschaftsbetrieben, ein weiteres Drittel im Haus. Das Forschungsteam empfiehlt, die ästhetischen Standards für Kartoffeln zu senken. Zudem sollen kleinere, lichtdichte Verpackungen den Konsumenten helfen, die richtige Menge Kartoffeln zu kaufen.

Der Schwachpunkt einer grüneren Ernährung: Früchte und Gemüse verderben schneller und es gibt mehr Foodwaste. «Dies könnte in Zukunft durch eine effizientere Logistik und bessere Haltbarkeit verringert werden», so die Forschenden. Die Verpackung soll auch intelligenter werden: Ein Projekt erforschte auf Nanotechnologie basierende Etiketten für Verpackungen. Diese sollen auf eine pH-Veränderung in Lebensmitteln reagieren und die Farbe ändern, wenn sie beim Verderben sauer werden.

Der Bund kann nicht gross Einfluss nehmen

Ernährungssicherheit, Gesundheit und Umweltschutz: In der Nahrungsmittelbranche sind alle drei Anliegen eng miteinander verknüpft. Politisch jedoch gibt es kaum Verbindungen. Und was die Gesundheitsförderung betrifft, sei die Schweiz ohnehin noch schwach aufgestellt, im Vergleich mit anderen Ländern, so das Fazit der Forschung. Der Präsident des Forschungsprogrammes «Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion», Fred Paccaud, schlägt deshalb vor, eine explizite Strategie für Ernährung für die drei kommenden Jahrzehnte, sprich bis 2050, zu entwickeln. Bisher gibt es erst einen Aktionsplan der Ernährungsstrategie 2017–2024 und eine beratende Eidgenössische Ernährungskommission. Der Umweltaspekt und die Ernährungssicherheit sind aber nicht Teil der Strategie. Paccaud sagt: «Unsere Ernährung ist komplex, wir müssen mit einberechnen, dass die Bevölkerung wächst, sich das Klima verändert und wir den Boden nicht weiter belasten sollten.» Auch Wirtschaftliches sei zu bedenken: So sei die Lebensmittelverschwendung zum einen Teil so gross, weil die Produkte wenig kosten.

Paccaud, emeritierter Professor für Epidemiologie und Public Health an der Universität Lausanne, hat schon andere Bemühungen und Studien zur Volksgesundheit in Schubladen verschwinden sehen. Doch er sagt: «Die Aids-Forschung hatte direkten Einfluss auf die Politik. Die Erkenntnisse zum Alkohol- oder dem Tabakkonsum weniger, weil da die Lobbys der Industrien stark sind. Beim Thema gesündere Ernährung gibt es auch eine Pro-Lobby und die Gesinnung der Bevölkerung ändert sich. Die Aussichten sind also nicht so negativ, dass unsere Forschungen Folgen haben könnten.»

Schon heute nimmt der Bund teilweise Einfluss auf den Agrar- und Nahrungsmittelsektor. Er gibt rund 5 Prozent der Staatsausgaben aus, um Betriebe zu kontrollieren, den Absatz zu regulieren und mit Direktzahlungen Landwirte zu unterstützen, das Tierwohl zu fördern und die Natur zu schützen.

Die Autoren kommen aber zum Schluss, dass in der Schweiz nur wenige Regulierungen und Anreize die Konsumierenden direkt ansprechen. Der Bund kann von Gesetzes wegen keine aktivere Rolle im Gesundheitswesen spielen und ist bei der Förderung von gesunder Ernährung auf die freiwillige Zusammenarbeit von Wirtschaft und Kantonen angewiesen. Die Autoren empfehlen daher, den Einfluss der Konsumentinnen und Konsumenten selbst zu erhöhen: So könnte das Beschwerderecht ausgedehnt werden auf Organisationen des Konsumentenschutzes oder für Konsumierende das Recht auf Sammelklagen eingeführt werden.

Mehr Informationen unter www.gesundundnachhaltig.ch