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Kleines Tier, grosse Wirkung: Fledermaus stoppt Waldrodung

Ein Gericht hat in die Rodung eines Waldes verboten. Grund ist eine kleine, vom Aussterben bedrohte Fledermaus. Das führt in Deutschland zu hitzigen Debatten.
Roland Knauer
Ein Kennzeichen der nur rund 10 Gramm schweren Bechsteinfeldermaus sind riesige Ohren. (Bild: Getty)

Ein Kennzeichen der nur rund 10 Gramm schweren Bechsteinfeldermaus sind riesige Ohren. (Bild: Getty)

Ein dichtes Fell, aus dem sich ein spitzbübisches Gesicht mit lustigen Knopfaugen und übergrossen Ohren neugierig umschaut: Auf den ersten Blick sieht eine Bechsteinfledermaus nicht gerade wie ein Widersacher eines grossen Energiekonzerns aus.

Und doch gelang diesen gerade einmal zehn Gramm schweren Winzlingen etwas, an dem zuvor Tausende Demonstranten und Umweltaktivisten gescheitert waren: Die kleinen Fledermäuse verhindern zumindest vorerst, dass der Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen gerodet wird, um Platz für einen Braunkohle-Abbau des RWE-Konzerns zu machen.

Weil Bechsteinfledermäuse zusammen mit Seeadlern, Fischottern und anderen Arten ganz oben auf der Rangliste des deutschem Naturschutzrechtes stehen, hat das Oberverwaltungsgericht Münster Ende letzter Woche das Abholzen der Heimat dieser Tiere bis zum Hauptverfahren verboten. Und eine grosse Kontroverse ausgelöst, denn mit dem Kohleabbau sind auch rund 2000 Arbeitsplätze verbunden.

Tiere im Dunklen, Wissenschaft auch

Schlagzeilen hin oder her: Diese Fledermäuse lieben grosse Auftritte in der Öffentlichkeit überhaupt nicht. Wie alle Flattertiere in Mitteleuropa fliegen auch Bechsteinfledermäuse am liebsten im Dunkeln. Und weil sie das praktisch ausschliesslich im düsteren Wald tun, wissen selbst gestandene Fledermausforscher erstaunlich wenig über diese Art. Über eines aber sind sich alle einig: Sie werden zunehmend verdrängt.

Dabei gibt es in Mitteleuropa doch sehr viele Wälder. «Nur ist totes Holz Mangelware», erklärt Sebastian Kolberg vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Gemeint sind damit nicht die morsche Ästchen, die der letzte Sturm auf den Waldboden geblasen hat, sondern uralte Buchen und Eichen, von denen grosse Teile bereits tot sind. Dort, wo ein starker Ast abgebrochen ist, gibt es im Astloch eine Höhle, in der die Weibchen ihren Nachwuchs grossziehen.

Die Fledermausmütter wollen immer wieder umziehen

Mit einer Höhle allein geben sich die Fledermausmütter aber nicht zufrieden, sondern ziehen immer wieder einmal um, berichtet Kolberg. Ein alter Baum genügt den Tieren also keineswegs, es sollte schon ein Wald wie der Hambacher Forst mit seinen bis zu 350-jährigen Stieleichen und Hainbuchen sein.

Bei solchen Umzügen klammert sich das Fledermausbaby an den Bauch der Mutter, saugt sich an speziellen Halte-Zitzen fest und wird so in das neue Kinderzimmer geflogen. Solche «Wochenstuben» sind eine Art Fledermaus-Kindergarten, in dem etliche Fledermäuse ihren Nachwuchs grossziehen. In der Nacht lassen die Mütter ihre Kleinen dort allein. Die Mütter fliegen derweil durch das dunkle Geäst und orientieren sich mit relativ leisen Rufen im Ultraschall-Bereich. Vor allem erwischen Bechsteinfledermäuse anscheinend Stechmücken und Schmetterlinge, holen sich aber auch Käfer und Spinnen, die über Blätter oder auf dem Waldboden laufen.

Im Winter suchen die Tiere sich dann eine Felsenhöhle oder einen kühlen Keller und verschlafen dort die kalte Jahreszeit, in der sie nichts zu fressen finden. Dabei fällt die Körpertemperatur auf zwei bis zehn Grad ab und der Organismus läuft auf extremer Sparflamme, damit die Fettvorräte aus dem Herbst bis zum Frühjahr reichen. Sebastian Kolberg erklärt:

«In diesen Höhlen sollte es dauernd kühl und feucht sein, damit die empfindlichen Flughäute der Fledermäuse geschmeidig bleiben.»

Zu warme Luft würde die Fledermäuse wecken, und beim Aufwachen müssten sie viel Energie sinnlos verpulvern, weil auch bei starken Warmlufteinbrüchen im Winter kaum Insekten unterwegs sind und die Fledermäuse hungern würden.

Weil die Bechsteinfledermaus obendrein auch noch ungern weite Wanderungen macht, sollten die alten Wälder mit vielen Baumhöhlen und die Felsenhöhlen oder Keller nicht zu weit auseinanderliegen. Solche Kombinationen aber sind sehr selten geworden. Deshalb schützen die Gesetze diese kleinen Fledermäuse und ihre Heimat besonders gut, und folgerichtig hat das Oberverwaltungsgericht Münster die Rodung des Hambacher Forstes vorerst einmal unterbunden.

Seltene Gäste in Inner- und Ostschweiz

In der Schweiz sind Bechsteinfledermäuse sehr selten anzutreffen. Aufgrund ihrer Echoortungsrufe können sie aber hin und wieder auch bei uns einwandfrei erkannt werden, wie Martin Obrist von der Eidgenössichen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL sagt. Entsprechende Beobachtungen gab es unter anderem in den Kantonen Luzern (Buttisholz und Gegend von Emmen) und St. Gallen (Werdenberg).

Wie die Bechsteinfledermaus sind in der Schweiz viele Fledermausarten gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Sämtliche Arten sind aus diesem Grunde geschützt.

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