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Verwandlung der Welt: Die eine Globalisierung gibt es nicht

Historiker erforschen gern die Welt im Kleinen. Jürgen Osterhammel, eben mit einem Balzan-Preis geehrt, betreibt dagegen Globalgeschichte und passt deshalb ganz gut ins gegenwärtige Zeitalter.
Rolf App
Shanghai mit seiner Hochhauslandschaft, die innert weniger Jahrzehnte entstanden ist, als Symbol für die dynamische Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft in China. (Bild: Getty)

Shanghai mit seiner Hochhauslandschaft, die innert weniger Jahrzehnte entstanden ist, als Symbol für die dynamische Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft in China. (Bild: Getty)

Zum Entsetzen ihrer Eigentümer stellte 1901 die Schokoladenfirma Cadbury fest, dass Kakaobohnen, die sie von der portugiesischen Atlantikinsel São Tomé bezogen, dort von Sklaven geerntet wurden. Ein Sturm öffentlicher Entrüstung zog auf, der sich sowohl gegen Cadbury wie gegen Portugal richtete. Denn schon seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gab es, von England ausgehend, eine intensive, von privaten Vereinigungen getragene Agitation gegen die Sklaverei. Auf deren Höhepunkt fanden sich Hunderttausende zu friedlichem ausserparlamentarischem Protest zusammen.

Schon 1808 hatte deshalb Grossbritannien den Sklavenhandel verboten, andere Länder folgten. Wer jetzt noch Sklaven hielt oder mit ihnen handelte, stand am Pranger. Am «Weltpranger», wie der Historiker Jürgen Osterhammel sagt, der die Geschichte der Antisklavereibewegung in seiner unter dem Titel «Die Verwandlung der Welt» (C. H. Beck) erschienenen Geschichte des 19. Jahrhunderts beschreibt, und der in ihr einen der Ursprünge heutiger Weltöffentlichkeit sieht.

Historiker Jürgen Osterhammel.

Historiker Jürgen Osterhammel.

Der saudische Kronprinz am «Weltpranger»

Diese Weltöffentlichkeit zeigt sich heute in der Wertschätzung der Menschenrechte ebenso wie in Abkommen wie dem UNO-Migrationspakt. Sie zeigt sich im Wirken internationaler Organisationen und von Nichtregierungsorganisationen wie «Human Rights Watch», die den saudischen Kronprinzen wegen der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi verhaften lassen will. Ihm weht bei seinem Besuch des G20-Gipfels ein scharfer Wind entgegen. «Wie viele Divisionen hat der Papst?», fragte 1945 an der Konferenz von Jalta der Sowjetdiktator Josef Stalin zynisch, die moralische Macht der Kirche deutlich unterschätzend.

Globale Prozesse wie die Entstehung und Ausbreitung der Weltöffentlichkeit beschäftigen Jürgen Osterhammel seit Jahrzehnten. Für ihre Erforschung hat der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Konstanz lehrende Historiker vergangene Woche in Rom einen der mit 750000 Franken dotierten Balzan-Wissenschaftspreise bekommen. Die Hälfte dieses Betrags muss in Nachwuchsprojekte fliessen. Osterhammel will sie einsetzen, um «regionale Eigenprozesse zu untersuchen, die sich neben globalen Entwicklungen auch immer abspielen», wie er im Gespräch erklärt.

Jürgen Osterhammel widerspricht entschieden jenem Eindruck, den die rasanten Veränderungen unserer Zeit nahelegen: dass diese Globalisierung ein einheitlicher Prozess ist, der unaufhaltsam voranschreitet und alle mitnimmt, ob sie nun wollen oder nicht.

«Wenn einfache Beschlüsse eines amerikanischen Präsidenten ganze Handelssysteme ins Wanken bringen, dann wird klar: Neben automatisch ablaufenden, technologisch getriebenen Prozessen geht es auch um politische Entscheidungen – die durchaus gegenläufig ausfallen können», sagt er.

Kann Globalisierung auch scheitern?

Wobei Osterhammel ohnehin lieber den Begriff in der Mehrzahl braucht: Globalisierungen. So erklärt er mit Blick auf die Wahlsiege der Populisten, auf Abschottungstendenzen und wachsenden Nationalismus:

«Es ist viel zu einfach, von der Globalisierung zu sprechen. Wir haben es vielmehr mit einem ganzen Bündel von Entwicklungen zu tun, die sich zum Teil unabhängig voneinander entfalten und auch unterschiedlich weit gehen. Denn man kann sich ja beispielsweise fragen, ob es so etwas wie politische Globalisierung überhaupt gibt. »

Der Globalhistoriker sieht beides: grosse, übergreifende Veränderungen und Gegenbewegungen. In seinem neuesten Buch «Die Flughöhe der Adler» (C. H. Beck) hat Osterhammel dies in die Kurzformel gepackt:

«Jeans, Popmusik und das Satellitenfernsehen sind bis in den letzten Winkel des Planeten vorgedrungen, nicht aber das Internet und noch weniger die rechtsstaatliche Demokratie.»

Die Geschichte hat kein Ziel, auch und gerade die Globalgeschichte nicht, wie Osterhammel sie betreibt. «Jede Gegenwart schafft sich eigene Vorstellungen von der Vergangenheit», erklärt er. Die von ihm analysierte Vergangenheit orientiert sich weniger an Nationen und voneinander geschiedenen Kulturen als an Vernetzungsphänomenen vielerlei Art. So hat Osterhammel denn auch in «Die Verwandlung der Welt» ausgiebig die Globalisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts beschrieben.

Trotzdem hält er es für falsch, nur die Parallelen zu suchen zwischen damals und heute, und etwa die ängstlichen Menschen von heute mit jenen tiefgreifenden Umbrüchen trösten zu wollen, die unsere Vorfahren zu erdulden hatten. «Die Industrielle Revolution hat sich von 1770 an lange hingezogen, das ist kein Vergleich zum Tempo heutiger Veränderungen etwa mit der Digitalisierung.»

Der erstaunliche Aufstieg Chinas

Hinzu kommen Probleme, die das 19. Jahrhundert nicht kannte und die der Mensch selber geschaffen hat: die Bedrohung durch die Nukleartechnik und die Klimaerwärmung, welche die Menschheit vor ganz neue Herausforderungen stellt. Und es kommt der Aufstieg einer Macht hinzu, die Osterhammel gut kennt – China mit seinen Wachstumsraten von sieben oder acht Prozent pro Jahr. «Als ich 1970 zum ersten Mal nach Schanghai reiste, gab es dort kein einzi- ges Hochhaus. Heute ragt der Schanghai Tower 620 Meter in die Höhe.» China habe im 19. und frühen 20. Jahrhundert den imperialen Einflüssen von aussen wenig entgegenzusetzen gehabt, das habe den Blick auf sein Potenzial verstellt.

«Verlierer werden aber immer unterschätzt. Das war auch bei China so.»

Heute, fügt er hinzu, «sollte man sich vorsehen. Denn wir haben es im Falle Chinas mit einem diktatorischen System zu tun, das für sich Monopole anstrebt. Und das weit fortgeschritten ist im Bestreben, die Digitalisierung für die Kontrolle der eigenen Bevölkerung zu nutzen.» Dass sich die kommunistische Parteiherrschaft in China so gut an der Macht halten kann, sei im Übrigen auch auf das «Fehlen eines institutionalisierten Öffentlichkeitsdrucks von aussen» zurückzuführen, wie er gegenüber dem Ostblock in der 1972 geschaffenen «Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa» (KSZE) bestanden habe. Durch sie «sahen sich die Dissidenten in der Sowjetunion und vor allem die Bürgerrechtsbewegungen in den ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten auf beispiellose und unverhoffte Weise gestärkt.»

Womit wieder jene Macht der öffentlichen Meinung ins Spiel kam, die schon der Sklaverei den Garaus gemacht hat.

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