Graubünden
Der Morteratschgletscher soll mit einer Idee aus Indien gerettet werden

Mit recyceltem Schmelzwasser und einer Beschneiungsanlage wird künstlicher Schnee erzeugt und über den grössten Gletscher im Kanton Graubünden gesprüht. Damit soll das Eis geschützt und der Schwund verlangsamt werden.

Bruno Knellwolf
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Abschätzung, wie sich der Schwund des Morteratschgletschers mit und ohne Schneiseil-Anlage entwickelt.

Abschätzung, wie sich der Schwund des Morteratschgletschers mit und ohne Schneiseil-Anlage entwickelt.

Bild: Academia Engadina

Das Gebirge ist der bedeutendste Wasserspender der Welt. Vom Schmelzwasser der Gletscher leben ungefähr eine Milliarde Menschen. Doch die Bauern im indischen Ladakh im südlichen Himalaja-Gebirge leiden im Frühling und Sommer trotzdem unter der grossen Trockenheit.

Das ist besonders problematisch, weil in Ladakh nur ein Zehntel der Niederschlagsmenge der Schweiz fällt. Im Winter allerdings gibt es genug Wasser, was den Inder Sonam Wangchuk auf eine geniale Idee brachte, die gestern in technisierter Form im Oberengadin vorgestellt worden ist.

Das an der Hochschule Luzern entwickelte Schneiseil.

Das an der Hochschule Luzern entwickelte Schneiseil.

Academia Engadina

Der Erfinder Wangchuk hat eine Ice-Stupa entwickelt, eine geniale wie einfache Idee. Aus dem überschüssigen Winterwasser wächst auf Eisenstangen eine Eis-Kathedrale in den Himmel. Das so gespeicherte Eis wird im Frühling zu Wasser und von den Bauern zu ihren Bäumen geleitet.

Schmelzwasser recyceln

Diese Idee aus Indien brachte den ETH-Glaziologen Felix Keller darauf, das Schmelzwasser von Gletschern zu recyclen. Damit will er verhindern, dass das wegen der Erderwärmung zu schnell schmelzende Gletschereis verschwindet. An diesem Donnerstag steht Keller nun im eisig kalten Pontresina bereit, um zum einen eine moderne Ice-Stupa und zum anderen eine neu entwickelte Schneiseil-Testanlage an der Talstation Diavolezza in Betrieb zu setzen. Mit der Schneiseil-Anlage, die zum Projekt «MortALive» gehört, soll das Abschmelzen des Morteratschgletschers verlangsamt werden.

Am Donnerstag wurde bei Pontresina (GR) eine Testanlage in Betrieb genommen, die das Abschmelzen des Morteratsch-Gletschers verlangsamen soll. Dabei kommt auch eine Technik aus dem Himalaya-Gebiet zum Einsatz.

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Das Schmelzwasser wird in einem Gletschersee gesammelt, aus dem die Schneiseil-Anlage genährt wird, die an der Hochschule Luzern entwickelt worden ist. An den Seilen über dem Gletscher sind Düsen befestigt, mit denen der Schnee erzeugt wird. «Solange Schnee auf dem Eis liegt, ist es geschützt. Denn Schnee reflektiert die einfallende Sonneneinstrahlung und isoliert vor warmen Sommertemperaturen. Liegt Schnee auf dem Gletscher, schmilzt das Eis darunter kein Milligramm», sagt Keller.

Die Tragseile mit den Düsen sind bis zu einem Kilometer lang. Für die Leitung des Wassers wird kein Strom gebraucht, weil das Wasser alleine mit Wasserdruck durch das Seil zur Düse gepresst wird. Dort entsteht in Kombination mit der Luft der gewünschte Schnee.

Hier wird eine Ice-Stupa aufgebaut.

Hier wird eine Ice-Stupa aufgebaut.

Academia Engadina

Mit einem Tragseil können über die Düsen 5000 Tonnen Schnee pro Tag erstellt werden. Geplant ist, dass für den Gletscher sieben Seile aufgestellt werden, um täglich etwa 30000 Tonnen Schnee fallen zu lassen. Im Maximum möchte Felix Keller damit einen Quadratkilometer Gletscher beschneien.

Bei erfolgreichen Tests wird Gletscher beschneit

Zuerst muss sich nun die Testanlage bei der Talstation Diavolezza bewähren, die mit einem 30 Meter langen Seil und fünf Düsen arbeitet. «Das Schneiseil ist so zum ersten Mal im Einsatz. Wir müssen beobachten, wie sich die Düsen verhalten. Ob der Schnee brauchbar ist und wie sich die Mechanik unter diesen Temperaturen verhält», sagt Keller.

«Das Wasser darf in den Leitungen nicht gefrieren.»

Die Technologie wird auch an der Test-Ice-Stupa ausprobiert, wo Düsen von oben Schnee auf den Eisdom fallen lassen. Davon sollen die Bauern in Ladakh profitieren.

Bewährt sich die Schneiseil-Testanlage könnte schon nächsten Winter eine Anlage auf dem Corvatsch über Permafrostboden installiert werden. Für die Beschneiung eines Gletschers rechnet Keller mit Kosten von 100 Millionen Franken über 30 Jahre, was sich lohne, wenn sich damit der Rückzug des Mortaretschgletschers verlangsame. Das sei auch keine Verschwendung von Wasser. An einem einzelnen Hitzesommertag schmelzen eine Million Tonnen Eis. «Wenn wir für ein Jahr zwei Millionen rausnehmen, ist das Nichts», sagt Keller.

Lokal machen solche Anlagen Sinn

Solche Schneiseil-Anlagen könnten zwar den Gletscherschwund nicht langfristig aufhalten, sagt dazu der Glaziologe Martin Hölzle von der Universität Fribourg. «Aber man kann den Schwund verzögern.» Gerade an Orten, wo Wasserknappheit herrsche, mache diese Technologie Sinn. «Im südlichen Himalaja-Gebirge herrscht grosse Trockenheit. Dort gibt es im Sommer kaum mehr Wasser in den Flüssen», sagt Hölzle. Diese Speicherungstechnologie könnte lokal für ein bestimmtes Einzugsgebiet Sinn machen. Ob sich die Menschen im Himalaja-Gebirge eine solche Schneiseil-Anlage leisten könnten, kann Hölzle nicht beantworten.

In der Schweiz wird auch mit einer anderen Methode versucht, den Gletscherschwund zu bremsen. Mit der Abdeckung des Eises. Dafür gelte das gleiche wie für die neue Schneiseil-Technologie. Lokal könne das durchaus zur Verlangsamung des Gletscherschwunds führen. Gestoppt wird er dadurch nicht, sagt Hölzle. Für den Glaziologen Felix Keller ist klar, nur über den Gletscherschwund zu jammern, bringe nichts. «Unsere Kinder und Enkelkinder werden uns nicht fragen, ob wir gesehen haben, was mit den Gletschern passiert, sondern was wir getan oder nicht getan haben.»