GRAUBÜNDEN: Hier ist die Kunst der Luxus

Das Oberengadin hat viel Prestige und Glamour – das könnte manche auch eher abschrecken. Es muss aber gar nicht das mondäne St. Moritz sein – talabwärts finden sich Orte wie La Punt, S-chanf oder Sent mit wahren Kleinoden von kleinen persönlichen Hotels, Pardon, Gastbetrieben.

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Wie in Alois Carigiets «Schellen-Ursli» – die Kinder in Sent vertreiben den Winter: Am 1. März, am Chalandamarz, ziehen sie schellend und singend durchs Dorf. (Bild: Peter Hummel)

Wie in Alois Carigiets «Schellen-Ursli» – die Kinder in Sent vertreiben den Winter: Am 1. März, am Chalandamarz, ziehen sie schellend und singend durchs Dorf. (Bild: Peter Hummel)

Peter Hummel

Sie liegen in genügender Distanz zum Jet-Set-Magnet St. Moritz, sind jedoch nah genug, um – falls gewünscht – von dessen Sport- und Veranstaltungsangebot profitieren zu können. Gemein ist ihnen, dass sie zum einen kein konventionelles Hotel sind, sich deswegen aber weder als Boutique- noch als Design- oder als Lifestylehotel bezeichnen, sondern schlicht als Gasthof, Pensiun und Villa. Zum anderen haben sie alle eine aussergewöhnliche Affinität zur Kunst – auch ohne sich Kunsthotel zu nennen. Ihre Gäste wissen diese Kunstambiance mehr zu schätzen als den puren Luxus in den Nobelherbergen. Und weil sie mehrheitlich aus der Schweiz kommen, sind diese Betriebe auch nicht so sehr vom Euro-Problem betroffen.

Altehrwürdig, aber zeitgemäss

Gasthaus Krone, La Punt: Unscheinbar, aber würdevoll thront es am Ufer des Inns. Allen Respekt – wir stehen vor dem zweitältesten Gasthaus des Engadins. Seit 450 Jahren ist die «Krone» ein Gasthaus und drum nennt sie sich auch heute noch so, wo sie doch längst ein 3-Stern-Superior-Hotel mit den Annehmlichkeiten eines 4-Sterne-Hauses ist.

Über drei Jahrhunderte lang floriert die «Krone» als Herberge für Menschen, die mit Ross und Wagen über den Albulapass kutschiert sind. Mit der Inbetriebnahme der Albulabahn 1903 verliert der Pass und damit die «Krone» an Bedeutung. Nach bewegten Zeiten wird sie 2002 von einem Unternehmer erworben und umfassend renoviert. Seit diesem Zeitpunkt trägt das Haus die Handschrift der Gastgeber Andreas und Sonja Martin.

2008 erfolgt ein Um- und Ausbau, wieder durch den bekannten Engadiner Architekten Hans-Jörg Ruch. Zu den zehn Doppelzimmern entsteht im Dachgeschoss eine zusätzliche Beletage mit sechs Suiten. Unerwartet findet sich hier auch eine kleine, aber ganz feine Wellbeing-Oase. Jüngste Erneuerungen wurden im behaglichen Wintergarten vorgenommen, der jetzt Lobi a la Punt heisst, und in der ehemaligen «Kronen»-Stube, die als Steiner Stuba zu einer bequemen Lounge mutierte. Die Reverenz an den Engadiner Fotografen war naheliegend, da seine Bilder die vier Arven-Gaststuben zieren. Sie bilden die Seele des altehrwürdigen Hauses.

Eine heutige Entsprechung bietet die moderne Gourmetküche unter der Leitung des Patrons persönlich (15 Gault-Millau-Punkte). Die hochstehende Kochkunst findet ihre Fortsetzung in der zeitgenössischen Kunst auf Fluren und Zimmern – als Exponate von privaten Kunstsammlungen. Das Gasthaus Krone bietet eine eindrückliche Symbiose aus Architektur, Kunst, Kulinarik und Herzlichkeit.

«Berghotel mit Sammlung»

Pensiun Aldier, Sent: Der altmodische Name führt einen auf eine falsche Fährte: verstaubt war nur das vorherige Hotel Rezia. Mit einer Pension zu tun hat höchstens die geringe Anzahl von 16 Zimmern. Sonst ist hier alles erlesen: von der feinen Küche (wo gibts schon eine Pension mit Feinschmecker-Küche?) über die gepflegte Gaststube, die gediegene Lounge bis zu den behutsam renovierten Zimmern. Das ist die Handschrift von Hausherr Carlos Gross und seiner Frau Suzanne; keine Klassierung, dafür erst recht Stil. Pures Understatement, fast britisch. Dazu passend die Art-déco-Ledersessel in der Stüva und der Honesty-Bar; in der Tradition eines Gentlemen’s Club schreibt man sich hier die destillierten Wasser selber auf.

Natürlich verdient auch der zweite Teil des Namens eine Erklärung: Aldier mag ja fast romanisch klingen – mitnichten; vielmehr ist dies eine Hommage an drei Künstler, mit denen sich Gross seit Jahrzehnten verbunden fühlte: Alberto und Diego Giacometti und Ernst Scheidegger. Der Kunstsammler hat hier endlich die richtige Kulisse gefunden, um seine Schätze auszustellen: Diegos Skulpturen im Flur, Albertos Grafiken im Restaurant und Ernsts Porträtfotos – etwa von Dali, Chagall oder Varlin – in der Stüva.

Und in den Zimmern zieren ebenso hochkarätige Einzelstücke die Wände, etwa Originalgrafiken von Corbusier, Miró oder Chillida. Perfekt dazu passend Corbusier-Sessel, Lärchen- oder Linoleumböden, Ziegenhaarteppiche oder Wollvorhänge. Das Highlight des Hauses liegt aber im Kellergewölbe verborgen: Statt der früheren Pizzeria und Disco hat Gross sein privates Albert-Giacometti-Museum eingerichtet – eine fast komplette Werkschau mit rund 100 Lithografien und Radierungen.

Klar, ein solches Kunsthaus ist Liebhaberei. Die Initialkosten hat der Investor abgeschrieben; aber in den drei Jahren seit der Eröffnung hat die Pensiun ihre Klientel gefunden. Es gibt offenbar mehr und mehr Gäste, welche diese gepflegte, aber unprätentiöse Home-Ambiance schätzen, ein Ort einfach zum Verweilen. Gleich zwei Bibliotheken bieten sich dafür an: in der Honesty-Bar und ausführlicher im Frühstücksraum; sieben Verlage haben hier rund 1000 Bücher beigesteuert. Eigentlich müsste man als «Aldier»-Gast gar keinen Wintersport mehr treiben. Weil man sich so oder so nicht durchlesen kann, liegt in jedem Zimmer ein Buch als Bettmümpfeli – nicht nur zur Nachtlektüre, sondern grad als Giveaway.

Boheme-Flair statt Alpine-Chic

Villa Flor, S-chanf: Der Kunst- und Home-Ambiance in der Pensiun Aldier kann die Villa Flor in S-chanf noch eins draufsetzen: Nach dem akkuraten Gentleman’s Club das verspielt-versponnene Refugium der Ladina Florineth. Sie hat auserlesenen Geschmack. Und Mut zur Farbe: Jedes Zimmer ist anders gestrichen; da gibt es grünes, blaues oder rotes Täfer – klar, aber gediegen, in Corbusier-Farben. Vorhandene Preziosen wie Kachelöfen wurden mit Vintagemöbeln und Retrolampen aus den Sechzigern ergänzt. Überall wird gekonnt mit einem Mix & Match gespielt: Feine Stoffe von Kenzo hier, markante Schottenkaros da; skandinavischer Fifties-Stil am Empfang kokettiert mit Louis-Philippe im Esszimmer. Ihre Trouvaillen hat sie persönlich auf Flohmärkten und Secondhandshops in Zürich und Paris aufgestöbert. Ein souveräner, entspannter Boheme-Chic, der sich wohltuend vom angestrengten Alpine Chic so mancher neumödiger Lifestyle-Hotels abhebt.

Und dann eben die Kunst, vor allem moderne: In Fluren und im Treppenhaus hängen Fotografien und Gemälde und stehen Skulpturen renommierter zeitgenössischer Künstler. In der Villa Flor sind ja auch zweimal jährlich internationale Galerien zu Gast.

Die Gastgeberin beweist eine stupende Stilsicherheit beim Ensemble und ein waches Auge fürs Detail. Als ehemalige Visagistin und Moderedaktorin hat sie ja auch schon einiges gesehen in der Welt. Wie einst die Zuckerbäcker ist sie als richtige Engadinerin ebenfalls wieder zurückgekehrt. 2008 konnte sie das sehr untypische, neoklassizistische Haus kaufen – das «jüngste» unserer drei vorgestellten Hotels, erbaut 1904.

Der örtliche Architekt Christian Klainguti renovierte es mit Feingefühl für die ursprüngliche Substanz. Da gibt es keine implantierten Nasszellen: Bäder sollen hier noch Baderäume sein, wofür entsprechend ganze Zimmer «hergegeben» wurden, die teilweise immer noch als Eingang fungieren. So hatte es gerade mal Platz für sieben mittlere bis riesige Zimmer – für die Hausherrin die richtige Anzahl, um ihre Villa als One-Woman-Show (mit Zimmerhilfe) zu betreiben – in ihrem ganz persönlichen Stil: Da reicht sie zur Begrüssung gelegentlich ein kleines Engadiner Plättli, abends bringt sie den Tee oder die heisse Schokolade in die Bibliothek, morgens presst sie frischen Orangensaft und bereitet auf Wunsch Proviant.

Spätestens jetzt realisiert man: Das mag ein Bed & Breakfast sein (aber sicher kein Hotel), vielleicht auch ein Museum und eine Galerie – aber vor allem eins: ein Second Home! Drum stimmt ja der private Name Villa Flor präzis.

Zu Gast in drei Dörfern

  • Gasthaus Krone, La Punt www.krone-la-punt.ch (ab Fr. 185.–)
  • Pensiun Aldier, Sent www.aldier.ch (ab Fr. 256.–)
  • Villa Flor, S-chanf www.villaflor.ch (ab Fr. 220.–)

Jeweils pro Zimmer und Nacht für zwei Personen inkl. Frühstück.

Quelle: Bundesamt für Landestopografie (Bild: Karte oas)

Quelle: Bundesamt für Landestopografie (Bild: Karte oas)

Eingang zum Nationalpark

S-chanfkennt man sommers als Ausgangspunkt für den Nationalpark und winters als Ziel des Engadin Skimarathons. Langlauf (nach Zernez) und Schneeschuhlaufen (Flin/Susauna) sind denn auch die prädestinierten nahen Aktivitäten.

Die Villa Flor ist ein grosser Lichtblick in der Infrastruktur des stillen Dorfes, nachdem das letzte Hotel geschlossen hat.

Kulinarische Höhenflüge

Wer in La Punt-Chamues-ch zu Gast ist, kommt auch ausserhalb der «Krone» zu gastronomischen Höhenflügen – in der Sterneküche von Bumanns «Chesa Pirani» oder im «Müsella», dem authentischen Ristorante Pugliese.

Herrliches Schlitteln

Aber auch die Wintersportler kommen hier auf ihre Rechnung: Wenige Meter hinter der «Krone» ist der Einstieg ins Engadiner Loipennetz, und gleich vor dem Haus liegt die Haltestelle Krone für den Skibus. Dazu kann auf der drei Kilometer hinauf präparierten Albulastrasse herrlich geschlittelt werden (einmal wöchentlich abends mit Shuttle). Für Schneeschuhwanderer lockt als Ziel der Albulapass.

Traumabfahrt vom Motta Naluns

Wie Aldier so Sent: Authentisch und unaufgeregt. Besonders eindrücklich ist hier, den Brauch Chalandamarz (1. März) mit der Glocken läutenden und Peitschen knallenden Schuljugend zu erleben. Die Sonnenterrasse kann mehrere Winterspaziergänge bieten.

Zehn Kilometer Piste

Höhepunkt im Skigebiet Motta Naluns ist die zehn Kilometer lange Piste direkt nach Sent – eine der wahrlich traumhaftesten Abfahrten im ganzen Engadin.

Für das in Sent fehlende Wellnessangebot wird man im nahen Scuol mit dem Bogn Engiadina umso umfassender bedient.

Ladina Florineth, Gastgeberin in S-chanf. (Bild: PD)

Ladina Florineth, Gastgeberin in S-chanf. (Bild: PD)

Bibliothek in der Villa Flor. (Bild: PD)

Bibliothek in der Villa Flor. (Bild: PD)

Ausstellung im Giacometti-Hausmuseum des «Aldiers». (Bild: Peter Hummel)

Ausstellung im Giacometti-Hausmuseum des «Aldiers». (Bild: Peter Hummel)

Seit 450 Jahren ist sie ein Gasthaus, die «Krone» in La Punt. (Bild: Peter Hummel)

Seit 450 Jahren ist sie ein Gasthaus, die «Krone» in La Punt. (Bild: Peter Hummel)

Suite im Dachgeschoss der La Punter «Krone». (Bild: PD)

Suite im Dachgeschoss der La Punter «Krone». (Bild: PD)

Carlos Gross, Hausherr der Pensiun Aldier, im verschneiten Sent. (Bild: Peter Hummel)

Carlos Gross, Hausherr der Pensiun Aldier, im verschneiten Sent. (Bild: Peter Hummel)