GROSSBRITANNIEN: Die Entdeckung der Langsamkeit – very british

In Narrowboats wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts Güter auf walisischen Kanälen transportiert. Heute bieten die langen, schmalen Hausboote entschleunigendes Ferienvergnügen – und das sogar im Rechtsverkehr.

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Lauschiges Grün, Steinbrücken und prachtvolle Industriebauten: Mit dem Kanalboot tuckern Freizeitkapitäne in England an idyllischen Landschaften und verschlafenen Dörfchen vorbei. (Bild: Axel Baumann)

Lauschiges Grün, Steinbrücken und prachtvolle Industriebauten: Mit dem Kanalboot tuckern Freizeitkapitäne in England an idyllischen Landschaften und verschlafenen Dörfchen vorbei. (Bild: Axel Baumann)

Dagmar Krappe

Die «Queen» ist ein schweres Mädchen. Stolze 8 Tonnen bringt sie bei einer Länge von 11 Metern auf die Waage. Mit nur 3 Kilometern pro Stunde schiebt sich der gelb-blaue Stahl-Koloss durch den trägen, braunen Monmouthshire-und-Brecon-Kanal. Dass sich die «Queen» so gemächlich fortbewegt, liegt weniger an ihrem Gewicht, sondern an den Untiefen des 56 Kilometer langen Wasserwegs. Gerät das Boot zu nah ans Ufer, kann es leicht auf einer Sandbank stecken bleiben, denn der Kanal ist kaum einen Meter tief.

Steuern ist kinderleicht

Gerade hatten wir uns wieder an den Linksverkehr auf britischen Strassen gewöhnt. Nun heisst es: Auf Gewässern fährt man weltweit rechts. «Das gilt auch fürs Vereinigte Königreich», sagt Nigel Curtis von Road House Narrowboats in Gilwern nördlich von Cardiff. Seit vier Jahren führen Nigel und seine Frau Sally die kleine Marina mit vier Schiffen nahe der Brücke 103. Die Kanal-Enthusiasten gaben dafür ihre stressigen Jobs in Bournemouth in Südengland auf.

Die erste Erkenntnis: Auf einem Narrowboat, einem langen, schmalen Hausboot, gibt es weder Steuerrad noch Joystick oder Bug- und Heckstrahlruder. Und auch kein Echolot zum Anzeigen des Abstands zwischen Kiel und Grund oder der Geschwindigkeit. Am Heck befindet sich nur eine lange Eisenstange, die Ruderpinne. Eine Ein-Hebel-Schaltung mit Vorwärts-, Rückwärtsgang und Leerlauf steuert den Dieselmotor. «Man fährt nach Gefühl. Wenn Wellen ans Ufer schwappen, seid ihr zu schnell», erläutert Nigel. «Das Schleusen ist ‹dead easy› – kinderleicht. Wenn ihr wisst, wie man eine Badewanne füllt und entleert, habt ihr das Prinzip verstanden.»

Historisches Wasserwegnetz

Die zahlreichen Kanäle in Grossbritannien stammen aus der Zeit der industriellen Revolution ab Ende des 18. Jahrhunderts. Thomas Dadford jun. war der Erbauer des Monmouthshire-und- Brecon-Kanals. Zusammen mit seinem Vater und zwei Brüdern war er für die Konstruktion diverser Wasserstrassen in Wales verantwortlich. Pferdebahnen brachten aus den umliegenden Zechen und Wäldern Kohle, Kalkstein, Erze, Schiefer und Holz zu den Kanälen. Die Narrowboats, die einst ebenfalls von Pferden gezogen wurden, transportierten die Güter dann in die grösseren Städte oder zu den Seehäfen entlang der Küste. Mitte des 19. Jahrhunderts begann bereits der Rückgang des Warentransports auf dem Wasser, da die Eisenbahn immer stärkere Verbreitung fand und preiswerter war. Über 3000 Kilometer beträgt das historische Wasserwegenetz in Wales und England.

Motor rattert wie ein Traktor

Endlich dürfen wir den Schlüssel umdrehen. Der Motor rattert wie ein Traktor. Nigel drückt die «Queen» vom Ufer aus ein Stück Richtung Kanalmitte. Behutsam in den Vorwärtsgang. Schon tuckern wir auf die erste Brücke zu. Rechts des Kanals verläuft der Treidelpfad, auf dem früher die Arbeitspferde entlangtrotteten, die die Lastenkähne zogen. Wir schippern unter einem hellgrünen Buchenblätterdach, durch das die Mittagssonne mit ihren Strahlen goldene Sterne auf die Wasseroberfläche malt. Entenmütter geben ihren Küken im schlammigen Wasser Schwimmunterricht, und zottelige Wollknäuel blöken auf den angrenzenden Weiden: Croesu y Cymru – willkommen in Wales!

Nach dem Stress ein Lammfilet

Alle paar Kilometer passieren wir verschlafene Dörfer. Nur aus den Pubs und Restaurants dringt munteres Stimmengewirr. Llanelly, Llangattock und Crickhowell, das vom Tafelberg überragt wird, liegen bereits hinter uns, als die erste von fünf Schleusen hinter Llangynidr in Sicht kommt. Das untere Tor steht offen. Doch links vom Schleusentor strömt Wasser aus, das einen starken Sog verursacht und den Bug des Narrowboats herumreisst. Wir stehen quer im Kanal. Mit Tauen und vereinten Kräften zweier Spaziergänger bringen wir die «Queen» unter Schweissausbrüchen wieder in die richtige Position. Der Graureiher, der eben noch erfolgreich gefischt hat, beobachtet die «Landratten» und fliegt davon.

Nicht das Prinzip der Kammerschleuse erweist sich als Krux, sondern das Schliessen der Tore mittels dicker Eichenbalken und das Hoch- und Runterkurbeln der Ventile, um Wasser ein- und auszulassen. Es erfordert einiges an Muskelkraft. Nach 15 Minuten ist das Becken gefüllt, die «Queen» um 3 Meter angehoben. «Dead easy!» Bis Talybont-on-Usk wollen wir es noch schaffen, bevor am Himmel die Sterne angeknipst werden. Stockdunkel wird es bereits vorher im Ashford-Tunnel. Kurz darauf machen wir die «Queen» an den Pollern vor Brücke 144 fest. Ein zart rosa gebratenes Lammfilet mit grünen Bohnen im «White Hart Inn» in Talybont haben wir uns verdient.

Pferde ziehen Touristenboote

Szenenwechsel. Zwei Tage später, 160 Kilometer nördlicher. Der spektakulärste aller britischen Aquädukte befindet sich auf dem Llangollen-Kanal. Geflutet wird dieser Wasserweg durch die Horse Shoe Falls, einen Wasserfall in Form eines Hufeisens. Schon 1884 gab es die ersten Touristenboote, die von Pferden gezogen wurden. Bill Furniss führt diese Tradition weiter und bietet Ausflugstouren zu den Fällen an. Wir machen uns mit der motorisierten beige-grünen «Catherine» in Richtung des 18-bogigen Pontcysyllte-Aquädukts auf. «Der für diese gigantische Konstruktion verwendete Mörtel besteht aus Kalk, Wasser und Ochsenblut», sagt Bill Furniss. In einer scharfen Rechtskurve biegen wir bei Trevor in den 307 Meter langen gusseisernen Trog des Aquädukts ein. Die Bauweise vor 200 Jahren mutet abenteuerlich an, doch sie hat sich bewährt: Der schottische Konstrukteur Thomas Telford liess schwere Metallplatten verschrauben und diese mit walisischem Flanellstoff, der vorher in kochende Zuckerlösung getränkt war, abdichten. Die Nahtstellen wurden mit Blei versiegelt. An der Ostseite verläuft der Treidelpfad, der durch ein Geländer zum Abgrund hin gesichert ist. Zur anderen Seite umgibt uns nur eine frische Brise, und 37 Meter tiefer rauscht der wilde Fluss Dee durchs Tal.

Das Städtchen Chirk ist unser Ziel. Der gleichnamige Aquädukt bildet die Grenze zu England. Es wäre so «dead easy» weiterzuschippern, nur leider fehlt uns dazu die Zeit.

 

Unterwegs mit dem Hausboot für Anfänger

Anreise: Nächstgelegener Flughafen zum Monmouthshire-und-Brecon-Kanal ist Bristol. Von dort in ungefähr zwei Stunden per Mietauto oder Bahn über Newport nach Abergavenny/Gilwern.

Nächstgelegener Flughafen zum Llangollen-Kanal ist Manchester. Von dort in rund 1,5 Stunden per Mietauto bis Chirk. Zugfahrt vom Flughafen über Crewe und Chester nach Chirk dauert bis zu drei Stunden.

Narrowboat-Anbieter:Es gibt zahlreiche Narrowboat-Anbieter in Grossbritannien. Die Boote sind wochenweise oder auch nur für einige Tage buchbar. Ein Bootsführerschein ist nicht erforderlich. Die Narrowboats sind 2 Meter breit. Die Länge beträgt 10 bis rund 20 Meter. Eingerichtet sind sie wie ein Wohnwagen mit Schlafplätzen, Küche und Sitzecke.

Am Monmouthshire-und-Brecon-Kanal: Road House Narrowboats, Gilwern bei Abergavenny
www.narrowboats-wales.co.uk
Vier Narrowboats mit einer Länge von 10 bis 13 Metern für 2 bis 6 Personen. Wochenpreis (inkl. Diesel, Gas, Versicherung) je nach Saison und Bootsgrösse zwischen 1100 und 1600 Franken am Llangollen-Kanal: Black Prince Holidays, Chirk Marina www.black-prince.com.
Narrowboats mit einer Länge von 14 bis 21 Metern für 2 bis 10 Personen. Wochenpreis (inkl. Diesel, Gas, Versicherung) je nach Saison und Bootsgrösse zwischen 1250 und 2450 Franken

Ausflugstipps:Die Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Blaenavon ist rund 10 Kilometer von Gilwern und dem Monmouthshire-und-Brecon-Kanal entfernt. Das «Big Pit» National Coal Museum und Blaenavon «Ironworks» sind Zeugnisse des Bergbaus und der Eisenindustrie, welche die Region prägten. Im Kohlebergwerk, auf dessen Gelände sich das «Big Pit» Museum entwickelte, wurde noch bis 1980 gefördert.

www.visitblaenavon.co.uk
www.museumwales.ac.uk

Horse Drawn Boats, Llangollen-Wharf: Bootstrip auf dem Llangollen-Kanal zu den bekannten «Horse Shoe»-Wasserfällen nahe Llangollen. Die Ausflugsboote werden wie in alten Zeiten von Pferden gezogen.

www.horsedrawnboats.co.uk

Pontcysyllte- und Chirk-Aquädukte: www.pontcysyllte-aqueduct.co.uk
Allgemeine Infos zu Wales und Grossbritannien: www.visitwales.com/de
www.visitbritain.com/de

Eindrucksvoll: eine Ziehbrücke am 73 Kilometer langen Llangollen-Kanal. (Bild: Axel Baumann)

Eindrucksvoll: eine Ziehbrücke am 73 Kilometer langen Llangollen-Kanal. (Bild: Axel Baumann)

Seit 1884 werden hier die Ausflugs-Narrowboats  von Pferden gezogen. (Bild: Axel Baumann)

Seit 1884 werden hier die Ausflugs-Narrowboats von Pferden gezogen. (Bild: Axel Baumann)

Entlang des Monmouthshire-und-Brecon-Kanals verläuft ein Treidelpfad. (Bild: Axel Baumann)

Entlang des Monmouthshire-und-Brecon-Kanals verläuft ein Treidelpfad. (Bild: Axel Baumann)