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Kolumne

Hat der Gummistiefel eine Seele?

Blanca Imboden

Ich erinnere mich noch genau an eine Szene im Kollegi Schwyz. Ein wertvoller Kugelschreiber blieb im Klassenzimmer liegen und niemand fragte danach oder vermisste ihn. Ein Lehrer schimpfte: «Das ist wieder typisch. Ihr seid doch alle Wohlstandsbrut!» Das machte mich wütend, und ich erdolchte ihn mit meinem bösesten Blick. Da fragte er provokant in die Runde: «Hier ist doch keiner, dessen Vater normaler Angestellter oder gar Handwerker ist, oder?» Ich war tatsächlich die einzige, die sich meldete. Mein Vater war Schlosser.

Wohlstandsbrut. Seither steht dieses Wort auf meinem persönlichen Index. Warum hat es mich dann heute wieder eingeholt und hinterrücks überfallen?

Ich habe Fotos vom Open Air St. Gallen gesehen, respektive vom Tag danach.

Die Felder waren total zugemüllt. Uhren, Geschirr, Kleider, Brillen, ja sogar ein ganzes Sofa – alles liessen die Konzertbesucher zurück. 600 Zelte blieben achtlos stehen. Sogar Dutzende Identitätskarten fischte man anschliessend aus dem Dreck. Unglaublich! Da verbietet man die Gratis-Säckli beim Grossverteiler, diskutiert über ein Verbot von Trinkröhrli oder Wattestäbchen – alles durchaus sinnvoll –, aber eigentlich hat sich am Umweltbewusstsein der Masse nicht viel geändert.

Wertschätzung kostet nichts

Wertschätzung. Das wiederum ist eines meiner Lieblingsworte. Ein Chef, der seine Angestellten Wertschätzung spüren lässt, kann mit viel mehr Einsatz und Loyalität rechnen. Das sage ich immer wieder. Und Wertschätzung kostet nichts. Trotzdem geizen viele Arbeitgeber damit. Lieber besuchen sie teure Seminare über Mitarbeiterführung.

Wertschätzung. Wir sollten auch Dinge mehr schätzen. Vielleicht hat auch der liegengebliebene Gummistiefel eine Seele? Ja gut, das ist übertrieben. Trotzdem würde etwas mehr Sorgfalt und Wertschätzung gegenüber Sachen, Dingen, Gebrauchsgütern nicht schaden.

Natürlich müssen Sie nicht mit Ihrem Auto reden, wie ich das tue.

Wenn man allerdings schon den Kauf eines Zeltes mit mehr Liebe tätigen würde, wäre man vielleicht auch bereit, das Zelt wieder heimzunehmen. Aber es ist ja alles so billig, ersetzbar, wertlos geworden.

Als ich in Kenia zum ersten Mal die Touristenpfaden verlassen hatte und im hintersten Hinterland in einer Hütte von Einheimischen sass, blickte ich mich verwundert um und fragte mich, wo diese Leute eigentlich ihre Sachen verwahrten. Ich sah keinen Schrank, keine Kommode, nichts. Auf einem Brett an der Wand standen ein paar Töpfe und Geschirr, im Wohnraum eine Kiste. Das wars. Erst nach und nach dämmerte mir: Diese Kenianer hatten nichts. Keine Dinge, keinen Krimskrams, keine Bücher, keine Küchengeräte.

Was ist das Gegenteil von Wohlstandsbrut?

Als ich heimkam, brachte ich meinem persönlichen Plunder jedenfalls wesentlich mehr Wertschätzung entgegen, hinterfragte allerdings auch meinen Überfluss. Natürlich nur eine kleine Weile, denn viele gute Impulse, die man von seinen Reisen mit nach Hause bringt, sind leider schnell wieder vergessen.

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