Kirchenmusik: Wie steht es um ihre Zukunft?

Nur wenn die Kirche selbst neue Wege einschlägt, ist zeitgenössische Kirchenmusik (über)lebensfähig, sagt der Musiker und Musikwissenschafter Erwin Mattmann. Er sieht dafür gangbare Wege ohne christlichen Werteverlust.

Andreas Faessler
Merken
Drucken
Teilen
Auf dem Gebiet der Kirchenmusik kann Neues entstehen, wie der Musiker und Musikwissenschafter Erwin Mattmann sagt.

Auf dem Gebiet der Kirchenmusik kann Neues entstehen, wie der Musiker und Musikwissenschafter Erwin Mattmann sagt.

Symbolbild: Pius Amrein

Die Kirchen werden immer leerer, viele Gotteshäuser drohen, ihre Funktion zu verlieren oder haben sie schon verloren. Es ist eine der Folgen der Säkularisierung der Gesellschaft. Vielerorts haben entweihte Kirchen eine neue Bestimmung gefunden, und das ausgediente materielle Inventar kommt vielleicht in den Kunsthandel und wird irgendwo neu geschätzt.

Was aber bedeutet dies für das geistige kirchliche Kulturgut? Wer wird die wertvolle sakrale Musikliteratur noch aufführen, wenn sie mit den verschwindenden Gotteshäusern ihre angestammte Heimat und auch das Publikum verliert? Wer wird Kirchenmusik überhaupt noch studieren und/oder komponieren wollen? Und wenn es jemand tut, wer wird die Werke aufführen, wo ja etwa Kirchenchöre selbst schon lange als Auslaufmodelle gelten?

Nicht das historische Musikerbe bereitet Sorgen

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen sind das durchaus berechtigte Fragen. Aber: Das Schicksal der Kirchen muss nicht zwangsläufig auch das Schicksal der Kirchenmusik sein. Dieser Meinung ist Erwin Mattmann, Musikwissenschafter und Kirchenmusiker der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Obwalden. «Was die historische geistliche Musikliteratur betrifft, da ist es in der Praxis oft so, dass Werke mit einer eigentlichen liturgischen Funktion in die Konzertsäle abgewandert sind», sagt Mattmann. Eine Messe von Mozart etwa oder Kantaten von Bach könnten zu einem spirituellen Erlebnis ausserhalb der Kirche werden. «Diese Musik ist immer wieder neu und lebendig, und wir fragen nicht mehr nach der theologischen Aussage der Worte», führt der Musiker hierzu aus. Kurzum: Die geistliche Musik der vergangenen Jahrhunderte hat das Potenzial, im weltlichen Umfeld weiter zu bestehen, losgelöst von ihrem eigentlich kirchlich-dogmatischen Inhalt.

Erwin Mattmanns Sorge gilt vielmehr den Zukunftschancen zeitgenössischer Kirchenmusik. «Die Kirchen haben es verpasst, diese einzuladen und mit ihr zu feiern, zu beten. Sie scheuen davor zurück, sich mit Werken von zeitgenössischen Komponisten gründlich auseinanderzusetzen, auch im Rahmen liturgisch integrierter Aufführungen.» Nur selten würden kirchliche Werke zeitgenössischer Komponisten, welche festgefahrene Routinen aufbrechen, in die Praxis umgesetzt. Meist fehle es dafür an fachlicher und theologischer Vorbereitung. «Die Auseinandersetzung mit musikalischem Neuland und das Aufgeben von Vorurteilen sind jedoch Voraussetzungen dafür, dass sich die Musik in der Kirche wieder fruchtbar entfalten kann», bringt es Mattmann auf den Punkt.

Musik muss weit mehr als nur praktikabel sein

Weiter hänge es davon ab, ob die Gemeinde überhaupt bereit sei, musikalisch noch nie Gehörtes, das bisherige Gewohnheiten in Frage stellt, aufzunehmen. «Neues nur zu dulden, reicht aber nicht», betont Mattmann. «Eine lebendige Gemeinde muss von selber spüren, dass ihr etwas fehlt, wenn sie zwar die Verkündigung nach aussen öffnet und auch engagiert zu Problemen der Welt Stellung bezieht, dabei aber gleichzeitig nur Musik aus der historischen Vergangenheit erklingt, vielleicht sogar aus einer Zeit, die an den heutigen Problemen der Menschheit wesentlich mitschuldig ist.» Oft verschliesse man in den Gottesdiensten Augen und Ohren, und man mache sich vor, alles sei in Ordnung. «Doch kann gerade neue Musik – ungewohnt und vielleicht unerhört – bezeugen, dass eben nicht alles in Ordnung ist.» An dieser Stelle verweist Mattmann auf ein Zitat des Schweizer Komponisten Klaus Huber (1924–2017), wonach uns brauchbare Musik in der Kirche weit mehr bedeuten müsse, als dass sie praktikabel sei; sie müsse in Gemeinde und Gottesdienst eine eigene, starke Funktion zu übernehmen bereit sein und zu neuen Grenzen und Inhalten führen.

Ablassen von «kleinlichen liturgischen Rubriken»

Erwin Mattmann prophezeit, dass teils schmerzliche Verluste auf dem Gebiet der Kirchenmusik hinzunehmen sein werden. Sei es das Verschwinden der Kirchenchöre, fehlende Finanzen, Bedeutungsverlust der Musik oder bisherige Schwerpunkte im Kirchenjahr, die ebenfalls der Säkularisierung zum Opfer fallen. «Im Gegenzug aber kann Neues entstehen», ist Mattmann überzeugt. Erst recht dann, wenn sich auch althergebrachte Gottesdienstmodelle erneuern mit neuen Rollenverteilungen und neuen Schwerpunkten im Verlauf eines Kirchenjahres. «Die geistliche Musik kann so mehr Initiative einbringen. Auf der Aussage eines geistlichen Werkes kann beispielsweise ein ganzer thematischer Gottesdienst aufgebaut werden.»

Dabei gehe es nicht mehr darum, von Institutionen Vorgegebenes oder «kleinliche liturgische Rubriken» zu befolgen, sondern eigene Vorstellungen zu entwickeln. «Zusammen und in Gemeinschaft innerhalb einer Gemeinde». Wenn nicht mehr nur das Überlieferte zähle, gehe es darum, in Klugheit Neues zu erproben. «Und das alles, ohne wesentlich Christliches preiszugeben.»