Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kolumne

Häuser, Bäume und eine nasse Kuh

Unkommod
Blanca Imboden

Eigentlich wollte ich eine Kolumne über die Schattenseiten des Tourismus schreiben, nachdem ich für eine Lesung in Interlaken war und schockiert sehen musste, wie sehr sich der Ort seit meinem letzten Besuch verändert hatte. Ich schlenderte durch das Städtchen und drehte mich am Ende tatsächlich um, bloss weil zwei Leute Schweizerdeutsch miteinander sprachen. Ich wurde von Touristen angerempelt, die blind ihrem Reiseleiter folgten, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf der Suche nach einem Restaurant fand ich nur extrem exotische Angebote und landete schliesslich beim Italiener. Dort redete man hartnäckig Englisch mit mir, obwohl ich in Schweizerdeutsch antwortete. Eine Einheimische schimpfte: «Irgendwann müssen wir in Interlaken Uhren fressen, weil es bald keine normalen Läden mehr für uns gibt. Alle zentralen Gebäude werden von Ausländern zu Fantasiepreisen aufgekauft und zack: Schon wieder ein neues Schmuckgeschäft.»

"Irgendwann müssen wir in Interlaken Uhren fressen, weil es bald keine normalen Läden mehr für uns gibt."

Das «Uhren-Fressen» hat mich eine ganze Weile verfolgt. Wo führt das alles hin? Kann es auch zu viele Touristen geben? Und – wenn ja – wie könnten wir das steuern? Diese Fragen stellt man sich auf der Rigi genau so wie in Luzern oder Barcelona, ja sogar auf den Galapagos-Inseln. Auch in Venedig sollen Einheimische schon mit gepackten Koffern gegen die Touristenmassen protestiert haben.

Eigentlich wollte ich eine Kolumne über die Schattenseiten des Tourismus schreiben, aber dann kam dieser ganz und gar graue, kalte, verregnete Mai-Tag. Ich arbeitete am Stanserhorn als Bähnlerin. Es kamen ein paar ausländische Reisegruppen, die Schweizer blieben natürlich zu Hause. Und dann staunte ich.

Zwei Chinesen stiegen auf der Rückfahrt vom Berg in meine Standseilbahn und riefen freudig: «What a great experience!» Eine grossartige Erfahrung? Sie hatten überhaupt keine Aussicht und waren trotzdem glücklich. Auch drei Inder, bei denen ich mich am liebsten persönlich entschuldigt hätte, meinten: «Daheim ist es gerade 40 Grad heiss.» Sie erklärten grinsend, kühl sei cool. Ein Kalifornier, der sich neben mir auf den Führerstand stellte, atmete eigenartig, als würde er es nicht mehr lange machen. Er beruhigte mich: «Diese Luft gibt es nur hier in der Schweiz. Ich speichere sie.»

Eine Texanderin schwärmte: "Ihr seid so gesegent! Ihr habt wirklich alles hier! - Und dazu noch Roger Federer!"

Eine Frau aus Texas machte ständig Fotos, ganz konzentriert und liebe-voll. Ich schaute mich um und wunderte mich. Was gab es denn hier zu fotografieren? Wolken, Regen, Gras? Schliesslich fragte ich sie, denn ich wollte wissen, ob sie etwas sah, was ich nicht sehen konnte. Sie zeigte mir ein paar Bilder: Häuser, Bäume, eine nasse Kuh. Eigentlich nichts. Aber für sie war es wunderschön. Sie schwärmte: «Ihr seid so gesegnet! Ihr habt wirklich alles hier! – Und dazu noch Roger Federer!»

Es ist «a great experience», wenn man seine eigene Heimat auch mal durch die Augen von Touristen sehen kann. Darum beschloss ich, nicht über die Schattenseiten des Tourismus zu schreiben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.