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Auf dem Fluss gemächlich durch das Land der Heiden, Heiligen und Könige

Mit einer Flusskreuzfahrt auf Moldau und Elbe lässt sich der junge Staat Tschechien mit seiner uralten Geschichte auf gemächliche Art erkunden.
Text und Bilder: Stefan Hilzinger
Blick von der Moldau Richtung Prager Kleinseite, darüber auf dem Hradschin die Burg, mit dem Sitz des Staatspräsidenten, und der Veitsdom, Krönungsstätte böhmischer Könige.
Am Altstädter Ring in Prag wartet ein Fiakergespann auf Kundschaft.
Charakteristische Sandsteinformationen der «Bastei» in der Sächsischen Schweiz bei Pirna.
Abendstimmung mit Pappeln entlang der Elbe.
Bei der Durchfahrt der Schleuse von Hořin geht es um Zentimeter.
5 Bilder

Heiden, Heilige und Könige

So menschenleer ist die Karlsbrücke bloss morgens um halb sechs. Ihre Steinbögen spiegeln sich im Wasser der ruhigen Moldau. Prags Wahrzeichen scheint sich auf den täglichen Touristenansturm vorzubereiten – der schon bald wieder losbricht und das historische Bauwerk zum Ächzen bringt. Ein Glück: Die MS Thurgau Fiorentina wendet lautlos auf dem Wasser, um sich langsam, aber sicher flussabwärts zu bewegen und mit einer Gruppe Reisender – ältere Herrschaften aus Österreich, Deutschland und der Schweiz – Böhmens Hain und Flur zu erkunden.

Am Vortag noch hat Reiseleiterin Zdenka die kleine Schar Schweizer Journalisten in Windeseile über den Burgberg zum Veitsdom geführt, der Grab- und Krönungsstätte böhmischer Könige, dann zurück, hinüber zum Altstädter Ring und an den langgezogenen Wenzelsplatz. Hier hatte sich am 19. Januar 1969 der Student Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Warschauer Pakt mit 21 Jahren selbst verbrannt.

«Wo ist hier das Befreiungsdenkmal?»

Prag ist seit längerem ein Hotspot für internationale Städtereisende der jüngeren Generation. Das Gedränge in der wunderschönen, säuberlich restaurierten Innenstadt ist zeitweise beängstigend. Das Gedenkjahr für die Ausrufung des «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» und dessen Niederschlagung vor 50 Jahren scheint noch mehr Volk anzulocken. Auch Russen hat es darunter. Sie sei schon gefragt worden, berichtet Zdenka, wo denn nun das Denkmal für die Befreiung sei. «Sie meinen die Befreiung von 1945?», frage sie jeweils ­zurück. «Nein, für die Befreiung von 1968», erhalte sie dann zur Antwort. Sie lächelt milde, die belesene Reiseleiterin Zdenka. Lieber als von geschichtsblinden Gästen erzählt sie von der reichen Vergangenheit Tschechiens, die einem auf Schritt und Tritt nicht nur in Prag begegnet, sondern auch entlang der Flüsse Moldau und Elbe.

Zu Besuch bei Metzgerssohn Antonín Dvořák

Die Moldau heisst auf Tschechisch Vltava. Ihr hat der Komponist Bedřich Smetana ein musikalisches Denkmal gesetzt, in seinem bekanntesten Orchesterwerk «Ma Vlast – mein Vaterland». Der zweite grosse böhmische Komponist der Romantik ist der Metzgerssohn Antonín Dvořák aus Nelahozeves, unweit der Moldau mit gleichnamigen Schloss. In der ehemaligen Gaststube und Schlachterei seiner Eltern ist ein Museum eingerichtet, zu Ehren des Komponisten, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts dies- und jenseits des Atlantiks das Publikum eroberte, etwa mit seiner bekannten 9. Sinfonie «Aus der Neuen Welt».

Oberhalb von Dvořáks Geburtshaus thront das Schloss aus der Spätrenaissance. Es gehört seit der Samtenen Revolution Anfang der 1990er-Jahre wieder einem Spross des weitverzweigten Adelsgeschlechts derer von Lobkowitz. Seiner Gemäldesammlung wegen gilt das Schloss als «kleiner Louvre Tschechiens». Fast beiläufig spaziert die ­Gruppe auf der Führung an Werken von ­Rubens, Breughel oder Cranach vorbei. Auch Notenhandschriften von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven gehören zur Sammlung des Schlosses. Beethoven widmete dem Fürsten Franz von Lobkowitz (1772 bis 1816) unter anderem drei seiner Sinfonien und das Tripelkonzert.

Während die MS Fiorentina eine der unzähligen Schleusen der Moldau passiert und sich langsam dem Zusammenfluss mit der Elbe nähert, bleibt den Gästen auf dem Flussschiff genügend Zeit, sich nicht nur mit der böhmischen Musik zu beschäftigen, sondern auch etwas über die Geschichte zu erfahren. Reiseleiterin Zdenka berichtet mit Witz und Charme über Heiden, Heilige und gekrönte Häupter. «Sie müssen sich nicht alles merken, aber die heilige Ludmilla sollten Sie in Erinnerung behalten», formuliert sie ein bescheidenes Lernziel. Ludmilla (um 855/860 bis 921) gilt als erste christliche Fürstin Böhmens und wird als Heilige hoch verehrt. Sie war erste Erzieherin ihres Enkelsohnes ­Wenzel (Vaclac), des Schutzpatrons Böhmens. Wenzels Mutter, die missgünstige Schwiegertochter Drahomira, trieb Ludmilla in die Verbannung. Doch nicht ­genug: Sie dingte zwei Mordbuben, die Ludmilla mit einem Schal erdrosselten. Obwohl sie dabei kein Blut verlor, was für anerkanntes christliches Märtyrertum der Fall sein müsste, wurde sie zur Märtyrerin und vielseitigen Schutzheiligen, unter anderem auch der Winzer.

Von Ludmillas önologischer Strahlkraft erfährt der Böhmenreisende im Schloss Mĕlink hoch über dem Zusammenfluss von Moldau und Elbe. Dort residiert ein anderer Spross derer von Lobkowitz. Der Blaublüter mit Schweizer Pass unterhält ein grosses barockes Anwesen und engagiert sich im Weinbau. Im tiefen Keller zwischen grossen Fässern gibt es Kostproben aus Flaschen mit edlen Etiketten. Die Kommentare fallen wohlwollend höflich aus. Doch das Leib- und Lebengetränk der Tschechen ist nicht von ungefähr das weltbekannte Bier aus Pilsen oder Budweis.

Wo die Elbe zum europäischen Strom wird

Die Elbe heisst in Tschechien Labe. Obwohl die Moldau am Ort des Zusammenflusses mit der Elbe mehr Wasser führt als diese, heisst der Strom nordwärts Labe respektive Elbe. Warum das so gekommen ist, muss einen auf der Durchfahrt der romantischen Porta Bohemica nicht weiter interessieren. Kapitän Jiři jedenfalls bedauert es, dass der Fluss auf deutscher Seite nicht reguliert ist, und er seine Florentina nicht bis Dresden steuern kann. So bleibt der Gruppe kurz vor Usti nad Labem nichts anderes übrig, als in den Bus zu steigen. Für einen Tagesausflug in die Sächsische Schweiz und nach Dresden, der einem bloss einen flüchtigen Blick auf Sandsteinfelsen, Frauenkirche und Semperoper erlaubt.

Dresden muss auf einen ausgedehnteren Besuch warten, schliesslich gibt es entlang des Oberlaufes der Elbe auf tschechischer Seite noch allerhand zu entdecken. Etwa die Bergbaustadt Kutna Hora, die alsbald auf dem Programm steht. Die Stadt verdankt ihre historische Bedeutung dem Abbau von Silbererz. Tief trieben die Mineure die Stollen in den Hügelzug, über dem sich eine mächtige gotische Kathedrale erhebt, die der heiligen Barbara geweiht ist – wem auch sonst? Die Münzstätten füllten bis ins 17. Jahrhundert hinein die Kassen der böhmischen Fürsten und Könige. Auf einer Führung ist zu erleben, wie die Münzschläger in harter und scharf überwachter Arbeit massenweise Prager Groschen prägten – die harte Währung des Hochmittelalters. Seit 1995 ist die Stadt Teil des Unesco-Welterbes.

Grafik: Martina Regli

Grafik: Martina Regli

Eine Flussreise als Türöffner

Die Familie Kaufmann aus Weinfelden gilt als ein Pionier für Flussreisen europa- und weltweit. Seniorchef Hans Kaufmann gründete 2001 das Unternehmen Thurgau Travel, auf dessen Einladung diese Reportage zu Stande kam. Mittlerweile bietet das Thurgauer Unternehmen 70 Flussreisen auf 45 Gewässern in mehr als 25 Ländern ein. Auch die zweite Generation der Familie Kaufmann ist in der Firma engagiert. Besonders eng sind die Beziehungen der Familie zu Tschechien. Der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes Jiři Mikota ist der Schwiegersohn des Firmengründers. Simona Mikota-Kaufmann arbeitet ebenfalls in der Firma mit.

Die MS Thurgau Florentina ist eines der wenigen Kreuzfahrtschiffe auf Moldau und Elbe. Die beiden Flüsse waren bis zum Niedergang des Sozialismus wichtige Wasserstrassen für den Warentransport, etwa von Kohle, Erz oder Getreide. Schon zu Zeiten, als Prag und Böhmen noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörten, sind die Flüsse mit einer Vielzahl von Schleusen reguliert und schiffbar gemacht worden. Der Betrieb der Schleusen ist staatlich. Heute sieht man ausser Ausflugsschiffen auf der Moldau bei Prag oder vereinzelten Jachten kaum grössere Schiffe verkehren. Die Schleusen limitieren Tiefgang, Breite und Länge von Fahrgastschiffen.

Tschechien hat als Reiseland viel zu bieten. Es ist nah und geniesst auch bald 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch einen Exotenstatus. Eine gemächliche Flussreise «all inclusive» ist für weniger geübte Globetrotter ein guter Türöffner für eine reizvolle und historisch bedeutsame Landschaft, in der sich die wechselvolle Geschichte Europas spiegelt. Über Prag hinaus gibt es allein in Böhmen, dem westlichen Teil des heutigen Tschechiens, viel zu entdecken, etwa die Bierstädte Pilsen und Budweis, die Heilbäder Karlsbad und Marienbad oder das pittoreske Český Krumlov. (hil)

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