Herbert Renz-Polster im Interview: «Rechtspopulismus ist dort am stärksten, wo Kinder streng erzogen werden.»

Ein autoritärer Erziehungsstil und fehlende Geborgenheit mache anfällig für populistische Ideologien, sagt der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster. Er sieht darin einen Grund für den Rechtsruck vieler Länder.

Interview: Bettina Kugler
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Ein Kind braucht Geborgenheit und Anerkennung, eine «innere Heimat». (Bild: Dejan Kolar/Getty)

Ein Kind braucht Geborgenheit und Anerkennung, eine «innere Heimat». (Bild: Dejan Kolar/Getty)

Herbert Renz-Polster gilt als «Deutschlands berühmtester Kinderarzt». Er forscht an der Universität Heidelberg seit langem über die kindliche Entwicklung aus Sicht der Evolution und schreibt Erziehungsbestseller wie «Kinder verstehen. Born to be wild». Gerne mischt sich der 59-Jährige auch in gesellschaftliche Debatten ein. Für ihn lässt sich Privates nicht vom Politischen trennen. Er plädiert dafür, «Kindheit zu wagen».

Herbert Renz-Polster, in Ihrem neuen Buch «Erziehung prägt Gesinnung» stellen Sie die These auf, dass der weltweite Rechtsruck seine Ursache in der Erziehung hat. Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?

Mir fiel zum einen auf, dass es bei den Rechtspopulisten häufig um Fragen geht wie: Werde ich gehört und anerkannt? Habe ich eine Stimme, die zählt und eine Heimat? Gehöre ich dazu? Das sind Themen, die mir als Kinderarzt bestens vertraut sind, denn um diese Grundbedürfnisse dreht sich alles in der Entwicklung eines Kindes. Genau das verhandeln Kinder beim Aufwachsen in ihrem ersten Bindungssystem. Und nun tauchen diese Fragen im Politischen auf. Zum anderen wird der Rechtsruck oft erklärt mit kultureller Entfremdung und damit, dass die Leute wirtschaftlich abgehängt werden. Es gibt aber genügend Menschen, die damit in ihrem Alltag tatsächlich konfrontiert sind – und die trotzdem keine Probleme mit Juden, Homosexuellen, Fremden und Flüchtlingen haben. Das zeigt doch, dass bei manchen ein Haftgrund da ist für rechtspopulistische Einstellungen, bei anderen nicht.

Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster. (Bild: IMP)

Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster. (Bild: IMP)

Was begünstigt denn eine populistische Einstellung?

Menschen, die von Kind an einen Mangel an Bindung und Sicherheit erfahren haben, suchen nach Sicherheit im Äusseren, in Ordnungen und Hierarchien. Ihnen fehlt eine innere Heimat, umso stärker ist das Bedürfnis nach Schutz ihrer Grenzen, umso grösser die Bereitschaft, einen Ersatz für die innere Sicherheit in Ideologien zu suchen, bei Autoritäten, starken Führungspersonen.

Inwiefern kann Erziehung gegen solche Ideologien ein Schutz sein?

Indem das Kind in seinen Bedürfnissen wahrgenommen wird und in eine Kultur des Vertrauens hineinwächst. Es sollte erleben, dass seine Stimme gehört wird. Nicht nur, dass es Stärkere gibt, welche die Ansagen machen.

Durch die Globalisierung und die Finanzkrise ist der Druck, konkurrenzfähig zu sein, gestiegen. Das schürt doch bei vielen Ängste. Liegt es da nicht nahe, dass sie Ordnung und Sicherheit suchen?

In wirtschaftlichen Krisen und sozialen Umbrüchen wächst allgemein das Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn den Rechtspopulisten aber tatsächlich daran gelegen wäre, zu verhindern, dass Menschen abgehängt und ausgegrenzt werden, wenn sie wollten, dass die «Abgehängten» mehr mitentscheiden können, dann müsste es gerade um ganz andere Themen gehen: um Ungleichheit, Gerechtigkeit, die soziale Frage. Aber es geht vor allem um Moscheen, um Juden, um Homosexuelle, um Gender. Das sind alte Themen, während aktuelle viel drängender wären. Allen voran die Bedrohung unseres Planeten und das Auseinanderfallen von Gesellschaften.

Schaut man sich die Länder an, in denen Rechtspopulisten Erfolg haben, so unterscheiden sich Erziehungsstile und Bildungssysteme allerdings stark voneinander.

Ja, genau. Man kann schon sagen, dass der Rechtspopulismus dort am stärksten ist, wo Kinder in ihren Entwicklungsbedürfnissen am wenigsten zum Zuge kommen. Es fällt auch auf, dass Donald Trump vor allem in Bundesstaaten gewählt wurde, die bekannt dafür sind, dass Kinder dort unter ungünstigen Bedingungen aufwachsen, streng und mit harten Strafen erzogen werden. Schaut man weltweit, so ist in Ländern, in denen wir «befreitere» Kindheiten haben, in denen Kinder Anerkennung und Geborgenheit finden, der Rechtspopulismus am wenigsten ausgeprägt.

Ist denn, überspitzt gesagt, die AfD in Ostdeutschland so erfolgreich, weil viele ihrer Anhänger zu DDR-Zeiten in Krippen mit strengem Regime betreut wurden?

Es stimmt zumindest, dass diese Form der Krippenbetreuung von Kindern schon sehr früh eine hohe Anpassungsleistung an feste Strukturen erfordert hat: einen strengen Rhythmus von Schlafen und Essen, eine rigide Sauberkeitserziehung. Das heisst aber nicht, dass die häusliche Betreuung kleiner Kinder im Westen sich davon gross unterschieden hat. Auch da war man lange davon überzeugt, dass Schreien die Lungen stärkt, dass Babys schlafen lernen müssen und man sie nicht verwöhnen dürfe.

Viele Eltern wünschen sich jedoch ein flächendeckendes Betreuungsangebot, um Familie und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Während gerade rechtspopulistische Bewegungen traditionellen Familien- und Rollenbildern nachhängen.

Das stimmt. Ich finde, Eltern sollten selbst die Freiheit haben, zu entscheiden, wie sie Familie leben wollen, wie ihre Kinder aufwachsen sollen. Oft machen aber gerade diejenigen die Ansagen in unserer Gesellschaft, die am meisten davon profitieren, wenn jemand sein Kind den ganzen Tag in eine Einrichtung bringt, um dann einem schlecht bezahlten Job nachzugehen. Und bei den Betreuungseinrichtungen orientiert man sich am hohen Bedarf, aber nicht an den Bedürfnissen kleiner Kinder. Sicher, unsere Gesellschaft lebt von einer starken Arbeitsteilung und braucht die Beteiligung von Frauen. Kinder aber sind ihrerseits darauf angewiesen, dass sie in ihren Entwicklungsfragen gehört werden und gute Antworten darauf bekommen. Dann sind sie auch gewappnet gegen die verlockenden Versprechen von Ideologien.

Welchen Beitrag können die Schulen dazu leisten?

Schulen sind ja Einrichtungen, die bei uns vor allem auf Bildung und Leistung ausgerichtet sind. Kinder, die sonst schon wenig Anerkennung und Sicherheit erfahren, finden diese auch in der Schule selten.

Hilft denn eine verstärkte frühkindliche Förderung?

Auch dahinter verbirgt sich oft ein autoritäres Modell: Die Kinder sollen funktionieren, sie sollen mithalten können im globalen Wettbewerb. Um sich gut zu entwickeln, brauchen sie aber vor allem einen sicheren Rahmen und Geborgenheit. Eltern sind froh, wenn sie überhaupt einen Krippenplatz bekommen. Ein Kind aber sucht nicht «einen Platz», sondern einen besonderen Platz. Seinen ureigenen.

Herbert Renz-Polster: Erziehung prägt Gesinnung. Kösel, 320 S., Fr. 32.-