Hinter dem Gotthard rechts

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Winterparadies Bedretto: das Dorf Villa mit Pfarrkirche Santi Maccabei. (Bild: Beda Hanimann)

Winterparadies Bedretto: das Dorf Villa mit Pfarrkirche Santi Maccabei. (Bild: Beda Hanimann)

Bedretto Meist sitze ich im Gotthardtunnel gerade beim Mahl im Speisewagen und rätsle, wie das Wetter hinter dem Tunnelausgang sein wird. Letzteres tue ich auch diesmal (Regen und um die Berge schleichende Wolken bis Göschenen) – aber mit Speisewagen ist nichts. Der Interregio hat keinen, und ich steige in Airolo aus.

Dort erwarten mich: Regen und um die Berge schleichende Wolken. Und ein Kleinpostauto mit Destination All’Acqua. Das ist ein Weiler hinten im Bedrettotal, bevor es zum Nufenenpass hochgeht. So weit will ich nicht, der Pass ist im Winter ohnehin gesperrt, mein Ziel ist Bedretto. Bedretto Paese genau gesagt, das ist ein Dorfteil der Gemeinde Bedretto, zu der auch Ossasco, Villa, Ronco und All’Acqua gehören. Lauter hübsche, kleine Häuseransammlungen.

Neues Leben im Tal

Das Bedrettotal ist ein urchiges Tal gleich hinter dem Gotthard rechts. Es ist akut von Abwanderung bedroht, wenig mehr als hundert Menschen leben da. Aber es gibt einen Lichtblick, der Abwärtstrend scheint gestoppt, allein in den letzten gut zehn Jahren ist die Bevölkerungszahl wieder um die Hälfte gestiegen. Das hat vielleicht auch mit engagierten Gastronomen zu tun, es gibt in Villa und All’Acqua Gasthäuser, in Ronco eine Trattoria und ein altes Hotel, das mit Wellness-Bereich in der Moderne angekommen ist, ohne zeitgeistig zu protzen.

Und in Bedretto Paese gibt es die traditionsreiche Locanda Orelli, in der seit letztem Jahr das blutjunge Ehepaar Alessandro und Michela Manfre eine wundervolle Gastronomie mit einem schlauen Beherbergungskonzept betreibt. Ein im Sud gegartes Stück Rindfleisch, dazu ein Tessiner Merlot und umsorgt werden von der charmanten Michela Manfre, das allein lohnt die Anreise – die ohnehin keine Weltreise ist: Ab Arth-Goldau dauert sie gerade noch achtzig Minuten.

Über Nacht passiert das Wunder

Auf einigen ersten Schritten von Bedretto nach Villa fährt mir ein bissiger Wind vom Nufenenpass her ins Haar, auf dem Rückweg peitscht der Regen ins Gesicht, denn mit einem Schirm ist da nichts auszurichten. Und so geht das Rätseln weiter: Wird es morgen so weitermachen? Und dann, über Nacht, geschieht das Wunder. Beim ersten Blick aus dem kleinen Schlafzimmerfenster blicke ich in blauen Himmel. Schnell raus also, ein paar Schritte in Richtung Villa und nochmals dieselben Fotos knipsen. Die schmucke Kirche Santi Maccabei in Villa ist noch dieselbe, aber in was für einer Bergkulisse jetzt! Ich träume, ich schwelge.

Wie in den Rocky Mountains

Dann ziehe ich taleinwärts los. Das Strässchen läuft in erhöhter Lage über dem Talboden, wo auch Villa, Bedretto und Ronco thronen. Ich habe es für mich, die paar Autos von Einheimischen sind nicht der Rede wert. Nach Ronco erreiche ich die Talsohle und die Durchgangsstrasse zum Nufenenpass. Sie läuft schnurgerade an einem verlassenen Skigebietchen vorbei (nur sonntags in Betrieb?), und da will es mir in dieser Weite und Abgeschiedenheit, in diesem Bergwinter jenseits der Skitourismus-Geschäftigkeit vorkommen, ich sei irgendwo in den Rocky Mountains unterwegs. Einfach gehen, gehen, staunen. Was ist das für eine Glückseligkeit, gleich hinter dem Gotthard rechts.

 

Kurz und bündig

Bild: Karte oas

Bild: Karte oas

Die Route: Luzern–Arth-Goldau–Airolo–Bedretto Paese
Der Hoteltipp:Locanda Orelli, 6781 Bedretto, Tel. 091 869 11 85. www.locandaorelli.ch
Das Sportpaket: Skipass Airolo und Hockeyspiel in Ambri (2 Tage). www.bellinzonese-altoticino.ch
Das Souvenir:Ratafià, Nusslikör aus dem Laden des Hotels Stella Alpina in Ronco

Text und Bild Beda Hanimann