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Hirnschlag: Mehr Zeit, mehr Hoffnung

Nach einem Schlaganfall zählt jede Minute. Jetzt konnte die Wirksamkeit einer zweiten Behandlung belegt werden, die auch nach den ersten Stunden noch Erfolg verspricht. Das ist eine gute Nachricht für betroffene Patienten des Luzerner Kantonsspitals.
Rahel Lüönd
Jede Minute zählt: Blick in eine auf Hirnschlag spezialisierte Spitalabteilung (Stroke-Center). (Bild: Getty)

Jede Minute zählt: Blick in eine auf Hirnschlag spezialisierte Spitalabteilung (Stroke-Center). (Bild: Getty)

Für einen Grossteil der Menschen, die mit einem Schlaganfall ins Stroke Center des Luzerner Kantonsspitals (Luks) kommen, ist es zu spät. Der Infarkt hat einen Teil des Hirngewebes zerstört und die Funktionen in diesem Areal unwiderruflich gelöscht. Nur jeder vierte Patient erreicht das Luks innert der nö­tigen viereinhalb Stunden, in denen die Verstopfung des Gefässes mit einem Medikament aufgelöst werden kann. Ist das nicht mehr möglich, kann das zum Tod führen, häufiger sind aber Behinderungen, nicht selten schwere. Die Ärzte können nach Möglichkeit rehabilitieren, den entstandenen Schaden aber nicht mehr rückgängig machen.

Umso bedeutender sind neue Ergebnisse aus der Forschung. Sie sind ein Lichtblick in der Therapie von Schlaganfällen. Studien konnten belegen, dass man bei einem schweren Schlaganfall eine zweite, wirkungsvolle Therapiemöglichkeit hat, die über das kurze Zeitfenster der medikamentösen Behandlung hinausgeht. Martin Müller, Co-Chefarzt des Neurozentrums am Luks, führt aus: «Wir können heute einen von vier Patienten, die ­einen schweren Schlaganfall erlitten haben, in die Selbstständigkeit statt ins Pflegeheim entlassen.» Die Therapie, die das möglich macht, heisst Thrombektomie. Sie saugt das Gerinnsel, das ein grosses Gefäss verstopft, durch einen eingeführten Schlauch ab.

Während man die Thrombektomie bis vor zwei Jahren nur bis etwa 8 Stunden nach den ersten Symptomen angewendet hat, ist sie heute bis zu 24 Stunden später möglich. Insbeson­dere auch für Menschen, die im Schlaf einen schweren Schlaganfall erleiden und die Symptome erst nach dem Erwachen feststellen, ist das ein Hoffnungsschimmer. Denn wie erwähnt fällt bei dieser Zeitspanne die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung weg.

Rettung von gefährdetem Gewebe

Zum Einsatz kommt die Thrombektomie dann, wenn rund um den Infarkt noch Gewebe vorhanden ist, das zwar noch schwach durchblutet, aber gefährdet ist. «Dieses Gewebe können wir retten», erklärt Müller. Würde man nichts tun, würde die schwache Durchblutung zum Absterben von weiteren Hirnarealen führen und der Schaden für den Patienten entsprechend grösser.

Die Ärzte entdecken diese Zonen auf zwei möglichen Wegen: Entweder der Patient hat zwar nur einen kleinen Infarkt, aber ungleich stärkere Symptome. Ein solcher sogenannter Mismatch lässt die Fachkräfte aufhorchen. Sie müssen davon ausgehen, dass weit mehr Gewebe gefährdet ist, als durch den Infarkt betroffen ist. Oder sie analysieren die Region rund um den Infarkt mit einem Test und erkennen, welche Zonen nur noch schwach durchblutet sind. Das zeigt ebenfalls an, dass die betroffenen Hirnareale in abseh­barer Zeit aufgeben werden. Wie viel Zeit bleibt, können die Ärzte nicht beurteilen.

Für jeden Patienten das Beste herausholen

Martin Müller nennt als Beispiel einen 82-jährigen Patienten, bei dem die ganze linke Hirnhälfte abzusterben drohte. Ohne Behandlung hätte er in Zukunft nicht mehr sprechen können und wäre auf der rechten Körperhälfte komplett gelähmt gewesen. Durch die Entfernung des Gerinnsels mittels Katheter konnte der Mann das Spital nach fünf Tagen verlassen – er kann wieder einwandfrei sprechen und gehen. «Das ist zwar ein schönes Erfolgsbeispiel, wie es in der Realität leider nicht immer vorkommt», erklärt Martin Müller, «doch für den Einzelnen ist eben gerade sein eigenes Schicksal wichtig, deshalb müssen wir bei jedem Patienten das Bestmögliche herausholen.»

«Wir können heute einen von vier Patienten mit schwerem Schlaganfall in die Selbstständigkeit statt ins Pflegeheim entlassen.»

Die Thrombektomie hat aber auch ihre Grenzen: Sie wird zurzeit nur bei schweren Schlaganfällen eingesetzt. Bei leichten Fällen bleibt die intravenöse Lyse – ein Medikament, welches das Blutgerinnsel auflöst – die einzige Therapiemöglichkeit. Diese ist von Swissmedic bis zu viereinhalb Stunden nach dem Auftreten der Symptome empfohlen. Je ­früher sie gemacht wird, desto besser stehen die Chancen für die Patienten.

Mit jeder Minute, die ein Gefäss länger verstopft bleibt, kann sich das Areal des beschädigten Gewebes hingegen vergrössern. Auch hier verschaffen sich Müller und sein Team mehr Zeit: Wenn Grund zur Hoffnung besteht, machen sie die IV-Lyse in Einzelfällen bis zu sechs Stunden später. Der Erfolg konnte zwar nicht wissenschaftlich belegt werden, doch einzelne Schicksale wurden so schon zum Guten gewendet.

Neue Methode ausreizen

Der Zeitgewinn bedeutet in der Schlaganfall-Therapie viel: «Es war für uns ein grosser Schritt, dass man die Wirkung der Thrombektomie belegen konnte», sagt Martin Müller. In Zukunft wird er diese Erkenntnis nutzen, um die Möglichkeiten weiter auszureizen. Während die Methode zurzeit nur bei jedem fünften Patienten in Frage kommt, will Müller herausfinden, ob sie auch bei der Verstopfung von kleineren Gefässen angewandt werden kann. Das würde bedeuten, dass auch Patienten mit leichteren Schlaganfällen von dem grösseren Zeitfenster profitieren könnten.

In jedem Fall schnell reagieren

Nichtsdestotrotz bleibt der Lauf gegen die Zeit der wichtigste Faktor bei der Behandlung von Schlaganfällen. Martin Müller ermutigt deshalb alle, bei Symp­tomen sofort und auf dem schnellstmöglichen Weg ins Spital zu gelangen. Bei Fehlalarm hat man nichts verloren – ansonsten dagegen sehr viel gewonnen.

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