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«Hecht»-Sänger Stefan Buck: «Ich brauche die Band zum Leben»

Die Mundart-Poprockgruppe Hecht richtet 2019 mit der grossen Kelle an. Sänger Stefan Buck über die Herausforderung Hallenstadion und seine Dreifachbelastung als Musiker, Banker und Familienvater.
Michael Graber
Popstar, Banker und Papa: Stefan Buck muss manchmal ein paar andere Verrenkungen machen. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Popstar, Banker und Papa: Stefan Buck muss manchmal ein paar andere Verrenkungen machen. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Stefan Buck, ihr habt eine gefeierte Open-Air-Saison hinter euch, vor euch liegt eine ausverkaufte Herbsttour, und am Freitag habt ihr verkündet, dass Hecht nächstes Jahr ins Hallenstadion geht. Eine grosse Schuhnummer zieht ihr euch da an.

Wir haben jedenfalls extrem Respekt. Wir waren schon mal drin, haben uns das angeschaut und waren schon ein bisschen baff: Das ist eine Riesenhalle. Gleichzeitig haben wir uns gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Aber natürlich: Die Fallhöhe, die wir mit diesem Projekt eingehen, ist gross.

Ist sie das? An Open Airs habt ihr vor 25000 Leuten gespielt, ins Hallenstadion passen «nur» 13000.

Die meisten Leuten an diesen Open Airs waren ja nicht unseretwegen da. Sie standen da und haben sich begeistern lassen. Es gab vielleicht ein paar Zuschauer, die das Tickets nur unseretwegen gekauft haben, aber sicherlich war das eher die Minderheit. Aber die Begeisterung, die wir in diesem Sommer gespürt haben, hat uns sicherlich ermutigt, dieses Hallenstadion-Konzert anzupacken.

Was hat sonst noch mitgespielt?

Wir haben uns überlegt, was wir noch machen können. Wir haben die Schüür zweimal gefüllt, haben das Bierhübeli in Bern viermal gefüllt, hatten sogar im Volkshaus in Zürich ein ausverkauftes Konzert. Der nächste logische Schritt wäre eine Halle für 4000 Zuschauer gewesen, aber wir suchten die Challenge.

So heizte Hecht am Openair St. Gallen 2018 die Stimmung an. (Bild: Ralph Ribi)

So heizte Hecht am Openair St. Gallen 2018 die Stimmung an. (Bild: Ralph Ribi)

Braucht ihr die?

Wir gingen eigentlich mehr nach dem Lustprinzip: Wir haben uns gefragt, was wäre so richtig geil? Und so sind wir auf das Hallenstadion gekommen. Aber natürlich: Das ist schon eine Herausforderung, die uns etwas Angst macht. Wenn wir vor 6000 Leuten spielen würden, wären das immer noch knapp dreimal mehr Leute als an unserem bisher grössten Club-Konzert – aber mit 6000 Zuschauern würde das Hallenstadion immer noch fast halbleer aussehen.

Ihr macht offenbar keine andere Show im kommenden Jahr.

Ja, das ist unser Plan: Wir wollen etwas wirklich Grosse und Einmaliges auf die Beine stellen, mit Choreos wie bei einer Boyband. Wir möchten alle Hecht-Fans, die im ganzen Land verteilt sind, an einem Abend zusammenbringen und ­gemeinsam singen hören. Ich hoffe, wir schaffen das!

Aber damit schränkt ihr euch ja auch ein. Ihr spielt doch gerne.

Wir spielen dieses Jahr rund 50 Shows, und als Schweizer Band darf man den Markt nicht überspielen. Wir wollen uns etwas «verdünnisieren» und gleichzeitig etwas Geiles, Ausgefallenes machen. Gleichzeitig gibt uns diese Pause Luft, nebenher wieder Songs zu schreiben und vielleicht ein Album zu produzieren.

Und gleichzeitig mit dem Hallen­stadion die Bandkasse gut füllen.

Das ist ein Irrglaube. Die Leute haben das Gefühl, wir würden jetzt das Hallenstadion füllen und seien nachher Millionäre. Im Hallenstadion ist ausser der Halle nichts da: keine Bühne, keine Technik, keine Lichtshow. Das müssen wir alles für ein Konzert aufstellen und teilweise sogar selbst herstellen. Finanziell ist das nicht so lukrativ wie ein Open-Air-Sommer.

Aber es gibt kaum etwas Sterileres als eine Hallenstadionshow. Da ist alles geschliffen und durchdacht.

Wir wollen eine grosse Club-Show machen. Das sagen alle, aber wir meinen das tatsächlich so. Wir versuchen diese Stimmung zu transportieren und wollen, dass unser Konzert eine grosse Nähe und Wärme ausstrahlt. Damit es im Hallenstadion warm wird, müssen aber tatsächlich ein paar Leute kommen.

Wie erklärt ihr euch, dass an jedem Open Air das Publikum mitgeht, mithüpft und mitsingt und alle Herbst-Konzerte ausverkauft sind?

Wenn wir das wüssten. Wir haben höchstens eine paar Hypothesen. Eine ist, dass wir das, was wir machen, wirklich sehr gerne tun. Auch das sagen alle. Aber wenn ich Videos von uns vor zehn Jahren sehe, dann gehen wir da genau gleich mit auf der Bühne und fordern das Publikum zum Mitmachen auf – es waren damals einfach deutlich weniger Leute da. Und die andere Hypothese ist, dass wir uns selbst nicht so wahnsinnig wichtig nehmen und ins Zentrum stellen.

Die Hechte am Swiss Music Award. (Bild: Lara Abderhalden)

Die Hechte am Swiss Music Award. (Bild: Lara Abderhalden)

Machen Sie selbst auch mit an anderen Konzerten?

Nein. Null! Ich stehe rum und habe den Mund ein bisschen offen. Ich bin eher ein komischer Konzertgänger.

Was ist bei euren Konzerten anders?

Wir haben wohl den Vorteil, dass wir auf Mundart singen. So erreichen wir die Leute recht direkt. Die Texte müssen keine Übersetzung im Kopf mehr durchmachen. Es ist viel einfacher, auf diese Weise Leute zu berühren, und wenn man berührt, löst man was aus.

Mundart ist komplett im Trend. Was gefällt Ihnen persönlich daran?

Ich finde den Hip-Hop-Bereich am Spannendsten. Da passiert so vieles. Ich finde beispielsweise Tommy Vercetti grandios. Der sagt in seinen Texten recht viel kluge Sachen. Und auch Lo & Leduc gefallen mir sehr. Und dann natürlich noch all die alten Helden wie Züri West.

Und wann nervt Mundart-Musik?

Mich nervt Mundart-Musik auf diverse Arten. Zum Beispiel, wenn sie zu fest auf dieser Swissness-Schiene fährt, mit Kuhglocken-Gebimmel und so Zeugs. Oder wenn einfach nur Plattitüden heraus­gehauen werden. Dann wird Mundart-Musik schlicht und einfach zu plump.

Wie schützt ihr euch als Band davor?

Ich weiss nicht, ob wir uns als Band bewusst davor schützen. Auch bei uns ist längst nicht jeder Text nur tiefgründig oder hat eine tiefere Ebene. Aber wir haben den Anspruch, dass wir hinter jedem Song und jedem Text stehen können. Wir würden nie einen Song machen, nur weil wir wissen, dass er funktioniert. Das Wichtigste, wenn man ein Produkt herausgibt, ist, dass man dahinterstehen kann.

Muss man das immer?

Unbedingt. Wenn ich etwas mache, dann muss das in meinen Augen einfach gut sein. Das ist, als wenn man Leute zum Essen einlädt und etwas serviert, das misslungen ist. Das ist ein Scheissgefühl. Anders ist es, wenn man seine Spezial-Lasagne serviert und einem Gast schmeckt das Gewürz nicht. Das ist etwas Anderes. Da kann man mit der Kritik umgehen. Wenn man etwas mies Gekochtes auftischen muss und danach verrissen wird, macht einen das komplett fertig.

Trifft Sie Kritik an Ihrer Arbeit – auch wenn es nur um Geschmacksfragen geht?

Ich weiss, dass da draussen auch Leute sind, denen Hecht nicht gefällt. Wir erschaffen ein öffentliches Produkt, und in einer Demokratie kann man das gut oder schlecht finden, aber natürlich spornt es uns an, an jedem Konzert neue Fans zu gewinnen.

Sie haben zwei Söhne. Waren diese mal an einem Open Air im Sommer?

Ja. An mehreren.

Und wie haben sie es gefunden?

Am Anfang fanden sie es recht spannend, mit der Zeit eher langweilig. Damit es für sie spannend blieb, haben wir immer ein Spielchen gemacht. Ich habe mit ihnen ein Zeichen abgemacht, das ich irgendwann während der Konzerte mache. Eine dumme Bewegung oder so. Und sie mussten dann erkennen, wann ich sie gemacht habe. Nach einem Konzert hat der Grössere mal gesagt, es habe ihm gefallen, er habe nämlich Gummibärli im Backstage bekommen.

Begreifen die Kinder, was der Vater macht?

Der Kleine freut sich einfach, wenn er mich im Radio hört, auf der Bühne sieht oder ein Video auf YouTube schauen darf. Er ist komplett Fan. Der Grössere bekommt schon ein bisschen mehr mit, ist eher zurückhaltender, aber hat sich letztens gefreut, dass seine Kindergärtnerin Hecht-Songs kennt.

Aber die Texte können sie mitsingen?

Ja. Jeden Song.

Macht Sie das stolz?

Oh, ja. Es zeigt aber auch, dass Kinder einfach uneingeschränkt Fan sind, von dem was man macht. Wäre ich der beste Pingpong-Spieler im Quartier, wären sie wohl Pingpong-Fan. Ich finde diese Freude von Kindern so schön. Sie ist so ehrlich und kennt keine Einschränkungen. Ich glaube, meine Kinder wären genauso glücklich, wenn wir zusammen Papierflieger gebastelt hätten.

Haben Sie Angst, dass Ihre Kinder Sie mal peinlich finden?

Nein, im Gegenteil, hoffentlich finden Sie es mal peinlich. Es muss ja immer weiter gehen, und sie sollen ihre eigenen Sachen finden, die sie cool finden.

Sie arbeiten Vollzeit und werden als Banker bezeichnet. Stimmt das?

Ich arbeite im Verkauf bei einer Fintech-Firma.

Davon hört man , aber was ist das genau?

Wir kreieren Investitionsprodukte für institutionelle Anleger. Ich bin in meinem Bereich Teamleiter und habe vorher Wirtschaft und dann Finanz studiert.

Das klingt nach einem krassen Ausgleich zum Musikjob.

Es nervt mich sehr, wenn alle, die mal einen Song geschrieben haben oder ein Theater aufgeführt haben, das Gefühl haben, sie alleine hätten einen kreativen Job. Ich finde meinen anderen Job auch recht kreativ. Und Kreativität braucht es überall. Kreativität in der Familie, Kreativität im Haushalt. Ich wehre mich dagegen, dass ich einen langweiligen Job haben soll und mich im Leben als Sänger ausleben kann. Das stimmt nicht. Ich arbeite gerne, ich bin froh, dass ich beide Seiten habe.

Sie arbeiten 100 Prozent, haben eine Band und bekommen bald das dritte Kind, sind also auch geforderter Familienvater. Wie bringt man das alles unter einen Hut?

Ob es geht, weiss ich nicht so recht. Man muss es schonungslos sagen: Ich habe eine Frau, die das unendlich fest trägt, was ich mache. Schon allein mein Job und mein Hobby brauchen so viel Energie, die dann manchmal daheim fehlt.

Sie sprechen bei Hecht immer noch von einem «Hobby»?

Das muss ich. Bis vor einem Jahr haben wir nie einen Franken mit dieser Musik verdient. Da haben wir nur reingesteckt. Klar, jetzt verdienen wir, aber ob das dauerhaft so bleibt, steht komplett in den Sternen. Der Spagat zwischen Arbeit und Band ist Teil meines Lebens.

Also spielen Sie am Sonntag am Open Air St. Gallen vor 20000 Leuten und stehen am nächsten Morgen wieder im Büro?

Ja. Da bin ich sogar selber noch nach Hause gefahren.

Also nicht komplett abgeschossen nach dem Konzert?

Nein. Das können wir so nicht machen. Wir gehen immer noch nach ausgewählten Konzerten steil. Aber es sind nicht mehr alle. Das wären mittlerweile auch zu viele.

Aber was passiert mit einem, wenn einem 20000 Personen zujubeln? Kann man da einfach nachher abschalten?

Nein. Das kann man nicht. Es wäre schlicht gelogen. Am Gampel Open Air sind plötzlich alle Leute abgesessen und haben mit uns «Heicho» gesungen. Das geht einem sehr nahe. Da kann man am Abend dann nicht einfach einschlafen, sondern liegt lange wach.

Das ist einem geregelten Familienleben auch nicht gerade dienlich.

Möglich. Gleichzeitig ziehe ich aus solchen Erlebnissen auch viel Energie und Lebensfreude, die ich meiner Familie weitergeben kann – und die mir selbst auch viel Kraft gibt. Das gibt mir viel.

Aber finanziell bräuchten Sie die Band nicht, oder? Auch wenn die mittlerweile ganz gut läuft.

Nein, aber ich brauche die Band zum Leben.

Was machen Sie neben der Band?

Ich habe schon lange keinem Freund mehr geschrieben, ob er ein Bier trinken kommt. Mein Sozialleben ausserhalb der Band kommt zurzeit sicher zu kurz.

Zur Person

Stefan Buck (38) ist im Luzerner Seetal aufgewachsen. Dort hat er auch zusammen mit seinem Jugendfreund Christoph Schröter seine ersten musikalischen Schritte gemacht und mit Seng seine erste Band gegründet. Heute füllt er mit Hecht (Stefan Buch, Christoph Schröter, Chris Filter, Philipp Morscher, Daniel Gisler) grosse Säle, am 26. Oktober 2019 vielleicht auch das Zürcher Hallenstadion. Buch ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie in Zürich. (mg.)

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