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Bestsellerautorin Blanca Imboden:
«Ich erlaube mir grosse Träume»

Die Schwyzer Bestsellerautorin Blanca Imboden schreibt herzerwärmende Bücher, die sie in der hiesigen ­Bergwelt ­ansiedelt. Das Publikum liebt sie und reist ihren Büchern nach. Das nächste spielt in einem Altersheim.
Interview: Melissa Müller
Blanca Imboden hat ihr Buch «Arosa» auch dort geschrieben - als Gast in einem Fünfsternehotel. (Bild: Jeremy Kunz)

Blanca Imboden hat ihr Buch «Arosa» auch dort geschrieben - als Gast in einem Fünfsternehotel. (Bild: Jeremy Kunz)

Ein nebliger Oktobertag, Blanca Imboden zündet in der Küche ihrer Blockwohnung eine Kerze an. Auch in ihrer Schreibstube ist Trübsal schnell weggeblasen: Ein strahlendes Gelb verbreitet Heiterkeit. Da sind Smileys, Pflanzen, Gute-Laune-Sprüche – und Giraffen. «Die habe ich mal gesammelt», sagt die Ibächerin Blanca Imboden. Fernsehmann Frank Baumann, mit dem sie drei Jugendbücher geschrieben hat, nennt sie «eine lustige Nudel, mit der man nächtelang Fondue essen und lachen kann». Die Schwyzerin mit der Stachelfrisur, die auch für unsere Zeitung eine Kolumne schreibt, verkauft mehr Bücher als die meisten Schweizer Schriftsteller. Hüftspeck, Liebe und Brauchtum, eingebettet in die Schweizer Bergwelt: Das ist der Stoff, aus dem ihre Romane gestrickt sind. Sie schreibe moderne Heimatromane, sagte die 56-Jährige einmal.

Ihr neustes, sechzehntes Buch «Arosa» handelt von der Schriftstellerin Liz, die ein Literaturstipendium in Arosa erhält. Dort trifft sie ein cleveres portugiesisches Zimmermädchen, Eichhörnchen, einen arroganten Barpianisten, Gigi von Arosa und die ehemalige Jass-Moderatorin Monika Fasnacht mit ihrer Wandergruppe. Dann meldet sich auch noch ein Singleportal, bei dem Liz angemeldet ist: Man habe einen zu 99 Prozent passenden Mann für sie gefunden. Dieser – ein Süsswasserkapitän – klopft schon bald bei Liz an die Hoteltüre. Und die Turbulenzen nehmen ihren Lauf.

Blanca Imboden, Sie schrieben Ihren Roman wie Ihre Heldin Liz als «Artist in Residence» in einem Luxushotel in Arosa. Wollten Sie einfach gratis Ferien machen?

Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass es möglich wäre, gratis in einem 5-Sterne-Hotel zu wohnen. Ich lernte vor zwei Jahren den Verwaltungsratspräsidenten des Hotels Kulm kennen. Er sagte bei einem Kaffee: ‹Wenn du mal etwas über Arosa schreibst, kannst du gratis in unserem Hotel wohnen.› Ich sagte: ‹Aber ich habe ja einen Mann zu Hause und könnte mir nicht mal das Essen bei euch leisten. Ich müsste ins Migros-Restaurant gehen.› Da bot er uns eine Juniorsuite mit Vollpension an.

Ein verführerisches Angebot!

Es waren die schönsten Ferien meines Lebens mit meinem Mann Hans. Und ich wusste da nicht, dass es unsere letzten waren. Vier Monate später ist Hans gestorben. Unsere Zeit in Arosa war einfach nur schön. Es hat da viele leichte Spazierwege. Und wir genossen das Hotel, das wir uns nie hätten leisten können. Dass immer so schön hinter uns hergeräumt wurde, war schon speziell. Sonst verbrachten wie unsere Ferien immer in Italien, in einem winzigen Zimmer. Er war ein Nachtmensch, ich ein Morgenmensch. Da muss man sich arrangieren und Kompromisse finden. In einer Juniorsuite kommt man hingegen gut aneinander vorbei.

Wird man als Bestsellerautorin denn nicht reich?

Ich verkaufe meine Bücher ja nur in der deutschen Schweiz, das ist ein kleiner Kuchen. Meine Lesungen sind eine wichtige Einnahmequelle, und dann arbeite ich noch als Seilbähnlerin bei der Stanserhornbahn. «Wandern ist doof», mein erfolgreichstes Buch, habe ich 30'000-mal verkauft. Es wird bald einmal verfilmt auf dem Stoos. Damit erfüllt sich ein grosser Traum. Ein weiterer wäre, dass meine Bücher übersetzt werden, ins Chinesische oder so.

Ihre Buchheldin Liz leidet unter einer Schreibblockade, kennen Sie das auch?

Früher habe ich Leute mit Schreibblockaden belächelt. Ich habe ja mal bei der «Neuen Schwyzer Zeitung» gearbeitet, die es leider nicht mehr gibt. Da musst du liefern, kannst dir eine Blockade gar nicht leisten. Schreiben ist aber nicht immer ein euphorisch-leichter Prozess, der einfach fliesst. Jeder Schreibende kommt an einen Punkt, wo es mühsam wird. Oft artet es halt in Arbeit aus. In diesem Jahr ist bei mir so viel passiert. Mein Mann und meine Mutter sind gestorben. Da konnte und wollte ich mich zeitweise nicht mehr zum Schreiben aufraffen. Und ich leide bei jedem Buch ein bisschen mehr. Stelle immer höhere Ansprüche an mich selber.

Wie überwindet man Schreib­krisen?

Weitermachen. Den inneren Zensor ausschalten. Wenn man trotzdem denkt, das sei ein Mist, dann weglegen und später weiterarbeiten an dem Zeug.

Haben Sie einen Schreibtipp?

Ich hole mir irgendwelche Fotos aus dem Internet und gebe damit meinen Romanfiguren ein klares Gesicht. Jede Figur bekommt einen Steckbrief. Ich stelle mir alles vor, sogar die Kindheit meiner Figur, damit ich sie ganz fest spüre. Ich liebe sie und lebe mit ihr. Wie die hier, das ist eine bekannte Schauspielerin (deutet auf ein Foto). Es interessiert mich nicht, wer sie ist. Für mich ist das Nelly, die Hauptfigur in meinem neuen Buch, einem Altersheim-Roman. Hans sagte einmal: ‹Was willst du mit diesem Fussballerbild?› Ich erklärte, das sei Toni, der Bergführer. Es ist ein kindliches Vergnügen, diese Figuren zu erfinden. Das ist wie Spielen mit einem «Bäbihuus».

Wie ist diese Technik entstanden?

Das habe ich schon als Kind gemacht. (Nimmt ein Schulheft hervor, in feinsäuberlicher Schrift, vollgeklebt mit Fotos von Filmstars). Ich habe in der 5. Klasse angefangen zu schreiben, um mich selber zu unterhalten, ich hätte lieber gelesen. Mein Vater war Schlosser, wir waren sieben Kinder und hatten kein Geld für Bücher. Die kleine Bibliothek in Ibach war nur so ein finsteres Loch im Pfarrhaus. Da habe ich Hefte mit meinen Geschichten gefüllt, sie später nummeriert. Meine Schulkameraden tauschten sie auf dem Pausenplatz aus. Das war meine erste Leserschaft.

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihr nächstes Buch im Altersheim anzusiedeln?

Meine Themen stammen aus meinem persönlichen Umfeld. Meine Mutter wohnte im Altersheim, wo ich sie oft besuchte und lustige und nicht so lustige Geschichten mitbekam. Meine Mutter sagte: ‹Das musst du aufschreiben, und das auch!› Aber wir haben abgemacht, dass ich das Buch erst schreibe, wenn sie schon tot ist, damit sie mir alles erzählen kann. Zur Recherche werde ich diesen November eine Woche ins Altersheim ziehen. Die Chefin eines Altersheims in Affoltern am Albis sagte: ‹Wenn Sie einen Monat gratis im 5-Sterne-Hotel in Arosa wohnen durften, dann dürfen Sie jetzt auch gratis bei uns wohnen.›

Sie wurden schon als «Rosamunde Pilcher vom Vierwaldstättersee» bezeichnet. Ein Synonym für Trivial­literatur.

Ich habe nicht die Erwartung, einen Literaturpreis zu gewinnen. Ich sage immer, ich bin eine Unterhaltungstante. Das häufigste Kompliment meiner Leser ist, dass meine Bücher sie mit einem guten Gefühl zurücklassen. Damit ist schon viel erreicht.

Einige Dialoge in «Arosa» zwischen Liz und Jonas wirken holprig. Als wollten Sie möglichst viel Wissen über das Bergdorf vermitteln.

Kann schon sein, dass ich zu viele Infos reinpacken wollte. Too much information. Kann passieren, wenn man zu viel recherchiert.

Für Arosa Tourismus ist Ihr Buch eine willkommene Gratiswerbung. Warum machen Sie das?

Es wurde mir schon oft vorgeworfen, mit meinen Büchern Werbung zu machen. Aber ich lasse meine Geschichten lieber an einem realen Ort spielen. Es gibt Leser, die reisen auf jeden Berggipfel, den ich beschreibe. Hunderte wandern wegen mir auf den Stoos und den Urmiberg. Ein Leser, der wegen meiner Bücher in Arosa und Zermatt war, fragte mich schon, wo mein nächstes Buch spielt, damit er seine nächsten Ferien planen kann. Ich sagte ihm: ‹Das wird schwierig, denn dann musst du ins Altersheim.› (lacht)

In Ihrem Büro hängt der Spruch «Du bist ein Optimist, wenn du mehr Träume in dir trägst, als die Realität zerstören kann». Was bedeutet er Ihnen?

Als ich einmal abnehmen wollte, sagte ein Mentalcoach zu mir: ‹Träume gross.› Ich musste erst einmal lernen, mir das zu erlauben. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Wir wurden ermahnt, bescheiden zu sein. «Erfolg haben andere», hiess es. Ich dachte, es sei arrogant, mehr vom Leben zu wollen, zum Beispiel einen Bestseller. Schon manch einer, der Literatur studiert hat, sagte zu mir: ‹Du hast schon noch Mut, einfach so zu schreiben. Dass du dir das zutraust.›

Wer sind Ihre literarischen Vorbilder?

Ich las immer richtig gern die Bücher von Johannes Mario Simmel, hatte sogar Briefkontakt mit ihm. Er wohnte ja in Zug. Und die Schriftstellerin Milena Moser. Sie nahm dem Schreiben dieses Hypermystische, indem sie sagte: ‹Schreibe drauf los, es kann auch einfach nur Freude machen, es ist keine Wissenschaft.›

Sie verknüpfen Selbsterlebtes mit Erfundenem, hat sich schon jemand als Romanfigur in einem Buch wiedererkannt?

Auf dem Urmiberg gab es einen schwierigen Bergrestaurant-Besitzer, er ist inzwischen gestorben. Im Roman «Gipfeltreffen» habe ich eine böse Besitzerin aus ihm gemacht. Er sagte zu mir: ‹Ich weiss genau, dass du da über mich geschrieben hast.› Ich sagte zu ihm: ‹Wenn das so ist, finde ich das traurig.›

Sängerin, Bähnlerin, Schriftstellerin

Blanca Imboden ist in einer Grossfamilie mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Nach der Handelsschule wird sie Sängerin. 15 Jahre lebt sie als Berufsmusikerin und macht mit ihrem Lebenspartner, Hans Gotthard, im Duo Tandem Tanzmusik in zahlreichen Dancings. «Das war auch eine Lebensschule. Nach so vielen Jahren im Nachtleben ist mir nichts Menschliches mehr fremd», schreibt sie auf ihrer
Webseite. Danach ist sie 15 Jahre Sekretärin der «Neuen Schwyzer Zeitung» und schreibt als freie Mitarbeiterin – bis die Redaktion Ende 2013 aufgelöst wird. Heute schreibt sie neben Büchern auch Kolumnen und reist für ihre Lesungen quer durch die Deutschschweiz. Daneben betreut sie die Gäste der Stanserhornbahn. Für den Verlag Wörterseh schrieb sie mehrere Bestseller, «Wandern ist doof» war der erfolgreichste. Als sie das Angebot be-kam, sich in Arosa zu einem neuen
Roman inspirieren zu lassen, war die Autorin sofort bereit, sich im Hotel Arosa Kulm einzuquartieren. Blanca Imboden lebt dort, wo sie geboren wurde, in Ibach SZ. (mem)

Und was meinte der Hoteldirektor des «Kulm» dazu, dass er im Buch mit der Heldin im Bett landet?

Darüber wurden an der Buchvernissage natürlich ein paar Witze gerissen. Der damalige Direktor des Hotels Kulm ist aber fein raus. Der leitet jetzt in Kreuzlingen eine Schule für Hochbegabte.

In «Arosa» kommen Partner­vermittlungsagenturen nicht so gut weg. Die beiden, die laut ­Algorithmus perfekt zueinander passen, verlieben sich nicht. Warum springt der Funke nicht?

Liebe kann man nicht planen.

Können Sie sich vorstellen, Onlinedating auszuprobieren?

Ich habe mich gerade angemeldet. Wenn es keinen Erfolg bringt, dann sicher Erlebnisse und Inspiration für meinen nächsten Roman.

Lesungen: Di, 6.11., 20 Uhr, Loge Luzern, mit anderen Autoren.
Mi, 7.11., 15 Uhr, ForumElle, Pfarreisaal Hofkirche Luzern

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