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Interview

Holocaust-Überlebender: «Ich erlebte die Hölle auf Erden»

Kommender Sonntag gilt weltweit als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Bronislaw Erlich (96) ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden in der Schweiz. Er sprach diese Woche in Luzern.
Benno Bühlmann

Der heute in Bern lebende Bronislaw Erlich wurde 1923 in Warschau geboren. Das Leben des Juden änderte sich schlagartig, als die deutsche Armee 1939 in Polen einfiel. Mit seiner Schwester flüchtete der damals 16-Jährige in den von der Sowjetunion besetzten Osten Polens und folgte damit seinem älteren Bruder. Die Eltern und der jüngste Bruder blieben in Warschau. Bronislaw Erlich sollte sie nie wieder sehen.

Bronislaw Erlich (96) berichtet von seinem Schicksal. Hier an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern. (Bild: Benno Bühlmann, 21. Januar 2019)

Bronislaw Erlich (96) berichtet von seinem Schicksal. Hier an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern. (Bild: Benno Bühlmann, 21. Januar 2019)

1942 kam er ins KZ Wołkowysk. Nach mehreren Fluchtversuchen rettete er sich mit einer gefälschten Geburtsurkunde. Nach Kriegsende 1945 lernte er in Weimar seine spätere Frau kennen, ging mit ihr zurück nach Polen und gelangte 1961 über Israel und Deutschland in die Schweiz, wo er sich mit seiner Frau und den beiden Kindern niederliess. Heute tritt er trotz seines hohen Alters immer noch öffentlich auf und erzählt seine bewegende Lebensgeschichte – so auch am vergangenen Montag an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern vor 500 Jugendlichen.

Bronislaw Erlich, mit 96 Jahren treten Sie immer noch regelmässig vor grossem Publikum auf. Wie schaffen Sie das?

Das kostet mich jeweils sehr viel Energie, und dennoch sage ich nicht ab, wenn ich angefragt werde. Es ist für mich eine innere Verpflichtung mitzumachen. Gerade junge Menschen haben ein Bedürfnis, mit einem Zeitzeugen über das Thema zu sprechen, um sich in diese Zeit einfühlen zu können und besser zu verstehen, was im Zweiten Weltkrieg vorgefallen ist.

Welche Botschaft möchten Sie den Jugendlichen vermitteln?

Ich möchte ihnen zuerst einmal eine positive Einstellung zum Leben vermitteln und ihnen ans Herz legen, Eifersucht, Neid und Missgunst zu vermeiden und sich für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu engagieren. Auch ist es mir ein Anliegen, dass verschiedene Lügen, die seit Jahrhunderten über Juden verbreitet wurden, richtiggestellt werden.

An welche Lügen denken Sie vor allem?

Den Juden wurde immer wieder nachgesagt, dass sie Gegner des Christentums seien und Jesus gekreuzigt hätten. Das ist das Schlimmste, was man ihnen angehängt hat. Es ist erschreckend, wie Hitler den Antisemitismus als politisches Instrument benutzt hat und damit grosse Massen manipulieren und für seine Rassenideologie einspannen konnte.

Sie selber haben die Konsequenzen dieser Ideologie am eigenen Leibe erfahren. Bereiten Ihnen diese traumatischen Erlebnisse auch heute noch schlaflose Nächte?

Ja, das gibt es immer noch. Da tauchen Erinnerungen an meine Eltern auf und die Frage: Warum musste meine Mutter sterben? Mit 45 Jahren! Und mein Vater? Mit 52! Auch mein Bruder starb 15-jährig in der Gaskammer des KZ Treblinka. Und da frage ich mich: Warum ist das geschehen? Wem hat das genutzt? Eine prägende Erinnerung ist für mich auch eine Nacht im Sammellager, als ich auf einer nackten Holzpritsche lag und die Hölle auf Erden erleben musste: Da war eine grosse Hoffnungslosigkeit, denn wir warteten nur noch auf den Tod und hörten das Schreien und Schluchzen der anderen Menschen. Die schlimmste Erfahrung ist darüber hinaus die Vernichtung des jüdischen Volkes. Unzählige Menschen wurden ermordet – nicht weil sie ein bestimmtes Verbrechen begangen hatten, sondern nur deshalb, weil sie Juden waren. Dass unschuldige Menschen so behandelt wurden, bleibt ein schreiendes Unrecht.

Das Video von dem Besuch an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern:

Am Sonntag wird weltweit der Holocaust-Gedenktag begangen. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie?

Mir scheint es sehr wichtig, dass man das scheussliche Verbrechen des Holocaust nicht vergisst. Es geht nicht darum, Mitleid zu erwecken, denn bei all der Trauer muss man den eigenen Stolz bewahren. Gefühle von Vergeltung und Rache hege ich nicht: Den Hass auf Deutschland habe ich abgelegt. Ich kann keine Menschen hassen.

Die Menschheit muss aus ihrer Geschichte lernen, damit sich ähnliche Verbrechen in Zukunft nicht wiederholen. Sind Sie zuversichtlich, dass man das schafft?

Mit Vorbehalt. Gerne möchte ich daran glauben, dass die Menschheit aus der Vergangenheit gelernt hat. Aber da habe ich zugegebenermassen auch gewisse Zweifel. Nachdenklich stimmt mich nur schon die Tatsache, dass heute vor der Synagoge in Bern die Polizei mit schusssicheren Westen Wache hält und die Juden beschützt, die dort beten. Das ist für mich ein Hinweis darauf, dass leider etliche Menschen nicht viel gelernt haben aus der Vergangenheit.

Wie gehen Sie damit um, dass antisemitische Tendenzen in unserer Gesellschaft offenbar wieder zugenommen haben und auch Neonazis von sich hören lassen? Haben Sie Angst, dass der Judenhass wieder neu auflammt?

Angst ist vielleicht zu viel gesagt. Wir sollten das nicht dramatisieren, aber es darf uns auch nicht gleichgültig sein. Ich bin überzeugt davon, dass wir gerade junge Menschen heute wieder gezielt informieren und aufklären müssen darüber, was für ein scheussliches Verbrechen Hitler im Zweiten Weltkrieg begangen hat.

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