Verliebte schreiben heute: «Ich bin ritschrätschtätsch verliebt i dich!»

Wer verschickt noch Liebesbriefe auf Papier? Nicht mehr viele. Trotzdem haben Verliebte noch nie so viele Liebesschwüre verfasst wie heute. Und gewusst wie, kann man die digitalen Bekenntnisse sogar für die Ewigkeit aufheben.

Katja Fischer De Santi
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Egal ob mit Schreibmaschinen, Fülli oder Handy, die Liebe will zum Ausdruck gebracht werden.

Egal ob mit Schreibmaschinen, Fülli oder Handy, die Liebe will zum Ausdruck gebracht werden.

Bild: Getty
«Mein Athmen geht schwer, in mir zittert und siedet alles ... komm mir zu Hilfe.»

Nein, der Schreiber dieses Briefes ist nicht erkrankt. Es ist Ottokar Hanzel, der 1907 so sein Begehren seiner Verlobten gegenüber beschreibt. Zu finden ist dieser Brief in der Sammlung Frauennachlässe der Universität Wien. Zu Forschungszwecken ausgegraben haben ihn vier Historikerinnen. Wie einst und heute in schriftlicher Form geschmachtet, umworben, gelitten und geliebt wurde, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten.

Das grobe Fazit: Zwar haben sich Liebesbriefe ihrem äusseren Erscheinen nach in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert, doch Metaphern wie die von der glühenden Liebe, dem stechendem Schmerz, der Sehnsucht, die einem fast um den Verstand bringt, sind geblieben. So schreibe ein Österreicher 1894 an seine Angebetete:

«Verzeihen Sie meine Kühnheit. Ich kann beim besten Willen nicht mehr schweigen und muss Ihnen mein Geständnis offenbaren. Schon seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie sah, ist in meinem Herzen ein Gefühl rege geworden, das mir keine Ruhe mehr lässt [...]»

Auch an der Uni Zürich hat Eva Lia Wyss in den späten 1990er-Jahren das erste Schweizer Liebesbriefarchiv eröffnet. Damals war sie wissenschaftliche Assistentin an der Universität Zürich. Auf eine Zeitungsannonce hin fluteten in kurzer Zeit zweieinhalbtausend Schriftstücke ihren Briefkasten, der Grundstock des heutigen Archivs. Darunter Feldpost aus dem Krieg, kunstvoll mit Zeichnungen ausgeschmückte Liebesversprechen und eng beschriebene Zeilen in verschnörkelter Schrift. Als es Eva Lia Wyss an die Universität Koblenz zog, zügelte sie das Liebesbriefarchiv mit und sammelt seither fleissig weiter. Rund 20'000 Liebesbriefe ruhen fern von den für sie bestimmten Empfängern nun bei ihr.

Vor zwei Jahren veröffentlichte die mittlerweile 56-jährige Sprachwissenschafterin das zweite Buch mit Trouvaillen und Forschungsergebnissen aus ihrer Sammlung. Der Titel «Vermiss dich krass, my Love» verrät bereits, dass es da um moderne Liebesbekundungen in Zeiten von Whatsapp und SMS geht. Denn Wyss sammelt jegliche Art von Liebesbotschaften, darunter leidenschaftliche E-Mails, hastig getippte Liebesschwüre via SMS oder Zettelchen. Der Wunsch, seine Gefühle, zum Ausdruck zu bringen, ist enorm und war es schon immer. Freilich fällt es nicht allen leicht, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Ein 15-jähriger Patrick schreibt:

«Ich bin so bliblabla, so oingboing guli, so ritschrätschtätsch verliebt i Dich!»

Zwar ist der klassische Liebesbrief, von Hand zu Papier gebracht, ein akut vom Aussterben bedrohtes Zeugnis, aber verliebt geschrieben wurde noch nie so viel wie heute. Vom morgendlichen «Ich hab nur von dir geträumt», bis zum mitternächtlichen «Wärst du jetzt hier, ich tät die ganze Nacht kein Auge zu» senden sich Verliebte Hunderte Kurznachrichten pro Tag. Und je ferner und frischer die Beziehung, desto essenzieller werden diese Nachrichten. Ein verzerrendes Pingpong-Spiel, das nicht abreissen darf, will die Beziehung bestand haben. Denn wo der klassische Liebesbrief ein Monolog war mit sehr verzögerter Reaktion, so rezitiert man die Liebe seit Erfindung der SMS vor 20 Jahren als Dialog.

Alles lässt die Sprachwissenschafterin aber nicht als Liebesbriefe durchgehen. Das seien eher Liebesinteraktionen, schreibt sie. Da wird darüber verhandelt, wer Brot kauft, verziert mit einem Herz-Emoji. Wie witzig, spritzig, sinnlich, schön und poetisch moderne Liebesbotschaften sein können, zeigt die Französin Morgane Ortin mit ihrem Instagram-Account «Amours Solitaires», zu Deutsch: einsame Lieben.

Sie sammelt und veröffentlicht täglich die schönsten Liebesbotschaften, die ihr Adressaten und Absender aus ganz Frankreich zukommen lassen. Auch daraus ist natürlich längst ein gedrucktes Buch entstanden. Es ist, so fern man dem Französisch mächtig genug ist, eine Anleitung, kreativ, sinnliche und witzige Botschaften zu versenden, die soviel mehr sind als ein Herzchen-Emoij.

«Ich habe hier noch dein Fahrrad, deine Tupperware und mein Herz, die dir gehören und abgeholt werden wollen.»
«Hast du eigentlich sonst nichts zu tun, als mir zu fehlen?»

Jeden Tag bekommt Ortin mehr als 300 Nachrichten aus ganz Frankreich. Und jeden Tag fischt sie die schönsten heraus. Sie sind allesamt reizend und rührend. Weil sie in so kurzer Form so viel sagen, über die Menschen, über die Liebe, über unsere Zeit. Kommunikation ist für die Liebe geradezu essenziell. Wer nicht allein im Kämmerlein vor Sehnsucht vergehen will, der muss seine Gefühle mitteilen. Und dann bange auf eine Antwort warten. Das hat auch in Zeiten von blauen Häkchen im WhatsApp-Chat nicht viel daran geändert. Doch Briefe, E-Mails oder SMS zu schreiben, ist nicht nur in der Phase der ersten Verliebtheit wichtig. Und sichern will man diese Zeugnisse der Liebe auch.

Liebesnachrichten sichern

Ihr Whatsapp-Verlauf ist für Paare heute das, was früher die Kiste mit Liebesbriefen war. Nur, dass sich der Chat viel schneller verflüchtigt Gut gibt es heute Webseiten wie Zapptales, die das kryptische Geschreibsel ab 20 Franken in ein hübsches Buch konvertieren. (kaf)

In Umfragen wünschen sich lang verheiratete Paare am liebsten einen handschriftlichen Brief, in Schönschrift verfasst und ohne Orthographiefehler. Der Liebesbrief ist, auch wenn er nicht mehr auf Dachböden verstaubt, sondern auf Speicherkarten wartet, kein bisschen veraltet. Solange die Menschen lieben, werden sie sich das schreiben.