IDYLLE: Frühling im Herzen des Balkans

Am Ohridsee im mazedonisch-albanischen Grenzgebiet hat die dort heimische Forelle eine Art Wiedergeburt erlebt. Nicht nur darum lohnt sich ein Besuch.

Michael Hug
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Ohridforellen fischen im ältesten See Europas. (Bild: Michael Hug)

Ohridforellen fischen im ältesten See Europas. (Bild: Michael Hug)

Sie darf wieder gebraten, gegart und grilliert werden. Seit 2014 können die Wirte rund um den Ohridsee ihre schmackhafte Ohridforelle wieder auf die Speisekarte setzen. Dürfen sie albanische und mazedonische Fischer wieder aus dem See ziehen, an den Strassen, auf Märkten oder an Gastronomen verkaufen, und zwar legal. Zehn Jahre lang war das bei hohen Strafen verboten – nicht jeder Fischer hat sich daran gehalten. Die Ohridforelle hat sich von der Überfischung in den Neunzigerjahren erholt, dank internationaler Finanz- und Zuchthilfe ist der Bestand der ausschliesslich in diesem See lebenden Salmo letnica wieder überlebensfähig geworden. Und die Filets landen jeden Sommer zu Hunderttausenden auf den Tellern der Touristen. Der älteste und zweittiefste See Europas steht im Ruf, auch der sauberste zu sein. Wenn ein Fisch so paradiesische Zustände vorfindet, kommen früher oder später auch Touristen. Über Jahrzehnte waren dies Erholungsuchende aus Jugoslawien und der Sowjetunion. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs entdecken nun auch Mitteleuropäer den malerischen See und seine Umgebung.

Noch einsamer liegt der Prespasee am Dreiländereck

Holländische Wohnmobiltouristen und deutsche Motorradfahrer fahren schon seit Jahren nach Struga und Ohrid am mazedonischen Ufer. Es bedeutet aber, zwei Tagesetappen im Wohnmobil, Auto oder auf dem Motorrad in Kauf zu nehmen. Doch es geht auch im Flieger: Der Flughafen Ohrid wird aus der Schweiz mehrmals pro Woche angeflogen.

Für die Strapazen der langen Anfahrt wird der Reisende reich entschädigt. Der Ohridsee, eingebettet zwischen Zweieinhalbtausendern, ist eine Idylle mitten im Balkan. Der Ausflugs- und Freizeitschiffsverkehr hält sich in Grenzen, Badeabschnitte sind strikt eingezont. Der ganze See, sein Uferabschnitt in Mazedonien und die Altstadt von Ohrid sind seit 1979 als Unesco-Weltkulturerbe gelistet. Der Galicica-Nationalpark im Süden, an der Grenze zu Albanien das kleine orthodoxe Kloster Sveti Naum, die «freie Republik» Vevcani (siehe Zweittext) im Norden sind Ausflugsziele, die mit purer Schönheit, mit ihrer Weltabgeschiedenheit und Naturbelassenheit begeistern. Dann, hinter dem Galicica-Gebirge, gleich der nächste See, noch einsamer, noch kontemplativer – der Prespasee. Durch ihn verlaufen drei Landesgrenzen, die albanische, die griechische und die mazedonische. Eher unentdeckt blieb bis anhin der albanische Ort Pogradec am Südende des Sees.

Ein Aufenthalt am Ohridsee, im beschaulichen Städtchen Ohrid, im betriebsameren Struga oder im albanischen Pogradec wird Naturliebhaber begeistern. Ein Paradies für Wanderer ist die Region aber nicht. Wanderwege kennen weder Mazedonien noch Albanien. Ein Auto muss also sein, ein eigenes oder ein gemietetes, auch mit dem Taxi ist man mobil und erst noch preiswert unterwegs, vorausgesetzt, man handelt vor der Fahrt den Preis aus. Ausserdem: Das Preisniveau am Ohridsee ist, wenn auch für mazedonische Verhältnisse bereits schon wieder hoch, für schweizerische Verhältnisse tief. Überall wird der Euro akzeptiert, für kleine Besorgungen muss man allerdings immer ein paar mazedonische Denar im Portemonnaie haben.

Wo alles günstiger und billiger zu haben ist, gibt es auch einen Haken, an dem ausgerechnet der Fisch hängt, der den See bekannt gemacht hat. Die Ohridforelle hat sich preislich an ihre alpinen Kolleginnen angeglichen. Sie kostet auf dem Fischmarkt um die 30 Euro pro Kilogramm und auch auf dem Teller bezahlt man für sie 20 Euro oder mehr. Speisekarten und viele andere Beschriftungen sind übrigens zweisprachig gehalten, so wie auch das Personal in Hotels und Gaststätten zwei Sprachen beherrscht (Mazedonisch und Englisch).

Lustwandeln auf der langen Uferpromenade

Preiswert sind auch die zahlreichen Grilltheken in den Städten, wo Fisch, Fleisch am Spiess oder schon mal ein ganzes Ferkel auf offenem Feuer grilliert werden. Mazedonien ist zu zwei Dritteln orthodox, Schweinefleisch und Alkohol sind kein Tabu.

Während Struga (17 000 Einwohner) zwar einen schönen Strand und luxuriöse Hotels, aber sonst nicht viel Bemerkenswertes vorzeigen kann, kommt der kulturell interessierte Tourist in Ohrid (43 000 Einwohner) auf seine Rechnung. Die Wurzeln der Stadt reichen 5000 Jahre zurück, noch heute sichtbares Zeugnis ist die im 4. Jh. v. Chr. gegründete Festung oberhalb der Altstadt. Es gibt mehrere Kirchen zu besichtigen sowie ebenso viele Moscheen. In einer ehemaligen Schule in der Altstadt – auch durch sie lohnt sich ein Bummel – wurde eine Ausstellung über slawische Schreibkunde eingerichtet. Ein absolutes Ereignis und ein Must für Touristen wie für Einheimische ist das abendliche Lustwandeln auf der ausgedehnten und verkehrsfreien Uferpromenade.

Auf Seerundfahrt

Reise und Unterkunft: Mit Auto/Wohnmobil ca. 18 Stunden Fahrzeit; Flüge nach Ohrid ab Zürich und Basel. Mobilität: Mietauto, Taxi, Fernbus. Hotels: alle Klassen in Struga und Ohrid, online buchbar

Sprache und Währung:Mazedonisch, touristisches Englisch; Denar (1 Fr. = 55 Den) und Euro. Bancomaten sind überall vorhanden; EC und die gängigen Kreditkarten werden akzeptiert

Ausflüge: Altstadt Ohrids, Galicica-Nationalpark, Republik Vevcani, Kloster Sveti Naum, albanische Kleinstadt Pogradec mit Seerundfahrt (ID/Pass nötig)

Reisezeit: Mai bis Oktober

Die Republik im Staat

Oberflächlich betrachtet könnte Vevcani, zehn Kilometer nördlich von Struga gelegen, auch ein abgelegenes Dörfchen in den italienischen Abruzzen sein. Auf 870 Metern über Meer am Osthang des albanisch-mazedonischen Grenz-gebirges Jablanica gelegen, birgt es aber zumindest zwei Geheimnisse. Das eine, die Quellen des Flüsschens, das dem Ort seinen Namen gegeben hat, ist eigentlich kein Geheimnis mehr. Es sei denn, dass man nicht genau weiss, woher das reichlich sprudelnde und sehr kalte Wasser kommt. Das zweite hat mit dem ersten zu tun: Das Geheimnis der «Unabhängigen Republik Vevcani». Die sprudelnden Quellen waren einst der Grund, warum die rund 2500 Einwohnenden des Dorfs eine eigene Republik ausriefen.

Im kommunistischen Jugoslawien wurden regionalpolitische Entscheide von ganz oben gefällt. So ein Beschluss sollte 1987 das Wasser aus den Quellen Vevcanis nach Struga umleiten, um dort als Trinkwasser genutzt zu werden. Doch die Einwohnenden wehrten sich mit Händen und Füssen gegen die Massnahme, die ihnen den malerischen Bach durchs Dorf, der auch eine Getreidemühle antrieb, für immer versiegen lassen sollte. Der kollektive zivile Ungehorsam mündete in ersten konspirativen Diskussionen, das Gemeindegebiet als unabhängig vom Staat zu erklären.

Der Zerfall Jugoslawiens machte diese Bemühungen obsolet, so dass das Wasser nach wie vor quer durchs Dorf gurgelt. Struga beschafft sich sein Trinkwasser mittlerweile aus dem Ohridsee. In Vevcani aber wurde nach der Jahrtausendwende die Unabhängigkeitsidee zur Tourismusankurbelung wieder aus der Schublade geholt. 2002 wurde die «Unabhängige Republik Vevcani» deklariert, eine eigene Währung und Personalausweise eingeführt. Seither steht beim Abzweiger von der Hauptstrasse unten im Tal der mit «Welcome to Vevcani» beschriftete Torbogen. Und oben im Dorfzentrum verkauft die Frau im Kiosk mit einem süffisanten Grinsen auf den Stockzähnen vevcanische Pässe an ausländische Touristen. (mhu)

Michael Hug

Unterhaltung in den Gassen von Ohrid. (Bild: Michael Hug)

Unterhaltung in den Gassen von Ohrid. (Bild: Michael Hug)

Bild: Karte: jb

Bild: Karte: jb