Ihnen macht die Schulöffnung grosse Sorgen: Familien mit Vorerkrankungen in der Zwickmühle
Schwerpunkt

Ihnen macht die Schulöffnung grosse Sorgen: Familien mit Vorerkrankungen in der Zwickmühle

Bild: Getty Images

Zur Risikogruppe gehören auch Kinder oder junge Eltern. Eine Isolation über Monate hinweg ist für sie kaum möglich. Drei Familien erzählen.

Annika Bangerter
Drucken
Teilen

Seit der Geburt von Alexa plant Antje die Zukunft kaum mehr. Sie nimmt Tag für Tag und geniesst ihre lebensfreudige, quirlige und selbstbewusste Tochter. So beschreibt Antje die Dreijährige. Das Wort «krank» benutzt sie nicht gern. Die unheilbare Stoffwechselkrankheit zystische Fibrose, die Alexas Lunge und Darm angreift, soll nicht stets im Vordergrund stehen.

Regelmässiges Händewaschen, Desinfizieren oder Menschenmassen meiden: Um Alexa vor Infekten zu schützen, haben diese Regeln bereits vor dem Coronavirus zum Alltag der vierköpfigen Familie gehört.

«Aus unserer Sicht betrachtet, leben nun alle Menschen so wie wir»

, sagt Antje.

Verändert hat sich dennoch viel für sie. Antje hat ihren Job in der Pflege gekündet. Per sofort, der Arbeitgeber verstand ihr Anliegen.

«Die Schutzmassnahmen in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen sollten noch verbessert werden. Ich sah mich als ein zu hohes Risiko für unsere Tochter und musste Prioritäten setzen»

, sagt Antje.

Zu Beginn der Coronakrise hat sich die Familie komplett isoliert. Inzwischen spielt Alexa mit ihrem älteren Bruder wieder draussen. «Diese extreme soziale Isolation war für uns als Eltern nicht vertretbar. Alexa nun lächelnd und glücklich zu sehen, verdrängt die Angst vor einer Ansteckung.»

Die Ängste bleiben, doch der Umgang damit verändert sich

Auch der achtjährige Stiefsohn von Enrico darf seit einer Woche wieder mit dem Nachbarsjungen Fussball spielen. «Wir haben gesehen, wie vorbildlich sich unsere Nachbarn verhalten. Da schien uns dies angemessen», sagt der Vater. Vorher hat sich seine vierköpfige Familie ebenfalls komplett abgekapselt.

Enrico leidet seit Geburt an Asthma, seine Frau an einem Herzfehler und Bluthochdruck. Die vergangenen Wochen beschreibt er als äusserst schwierig.

«Es brauchte viel Energie, um Ruhe zu bewahren»

, sagt er. All die News, die auf ihn einprasselten, belasteten ihn. Manchmal hatte er abends das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Deshalb reduzierte er seinen Medienkonsum. Er liest, hört oder sieht die Nachrichten nur noch gezielt.

Auch Familien mit Vorerkrankungen trauen sich während der Krise aus dem Haus – aber nur mit besonderen Schutzmassnahmen.

Auch Familien mit Vorerkrankungen trauen sich während der Krise aus dem Haus – aber nur mit besonderen Schutzmassnahmen.

Bild: Keystone

«Die Ängste lassen nicht nach. Wir lernen aber langsam, damit umzugehen», sagt Enrico. Bevor sie an den Wochenenden mit den Velos in die Natur fahren, überlegen sie sich Routen, wo sie kaum jemandem begegnen. Damit versuchen sie, das ungute Gefühl einzudämmen, das ihr permanenter Begleiter ist. Das Einkaufen verlegt Enrico auf Randzeiten – und betritt den Laden nur mit Maske.

Die Eröffnung der Schulen belastet die Familien

Es sind solche Massnahmen, die den Familien von Risikopatienten etwas Kontrolle vermitteln. Entsprechend schauen sowohl Antje als auch Enrico mit gemischten Gefühlen den angekündigten Lockerungen und der Wiederbelebung des gesellschaftlichen Lebens entgegen. Der Lockdown vermittelte ihnen etwas Sicherheit. Die bricht nun weg. Wann und wo sie einkaufen und ob sie in naher Zukunft Freunde treffen, können sie zwar weiterhin steuern. Ausserhalb ihrer Kontrolle liegt die Wiedereröffnung der Schule.

In etwas mehr als zwei Wochen kehrt sowohl Antjes als auch Enricos Sohn zurück in den Kindergarten respektive in die Schule. Darüber mag Antje noch nicht nachdenken, denn der Bruder könnte eine Gefahrenquelle für Alexa darstellen.

«Er freut sich so sehr auf den Kindergarten, dass solch negative Gedanken niemandem guttun würden.»

Auch Enrico versucht, den Gedanken an die Schule noch etwas von sich zu schieben. «Dass der Unterricht bald wieder losgeht, haben wir im Hinterkopf. Sobald es so weit ist, machen wir uns wohl Sorgen. Vorher versuchen wir aber, uns nicht verrückt machen zu lassen», sagt er.

Anders als für Antje und Enrico ist für Silvia Meier noch unklar, ob sie ihre achtjährige Tochter zurück in die Klasse schickt. Die Botschafterin der Rheumaliga leidet an der Autoimmunkrankheit Psoriasis-Arthritis. Um ihre Schmerzen einigermassen zu kontrollieren, hat sie sich bereits niedrig dosierten Chemotherapien unterzogen – und muss regelmässig Immunsuppressiva einnehmen. Die Medikamente schwächen das Immunsystem, weshalb das Bundesamt für Gesundheit diese Patienten ebenfalls zur Risikogruppe zählt.

An Leukämie erkrankte Kinder gehören zur Hochrisikogruppe: Sie dürfen auch im Fall von Schulöffnungen nicht in den Unterricht.

An Leukämie erkrankte Kinder gehören zur Hochrisikogruppe: Sie dürfen auch im Fall von Schulöffnungen nicht in den Unterricht.

Bild: Keystone

Zahlen zu den genesenen Risikopatienten gewünscht

Silvia Meier tauscht sich privat regelmässig mit anderen Betroffenen aus – auch in den sozialen Medien. «Seitdem der Bundesrat die Lockerungen bekannt gab, ist vor allem die Wiedereröffnung der Schulen ein riesiges Thema. Mich erreichen bis zu dreissig Nachrichten pro Tag. Alle mit derselben Frage: Was tun?», erzählt Meier. Eine Antwort fällt ihr schwer. Sie will zuerst abwarten, inwiefern die Schule ihrer Tochter Vorsichtsmassnahmen ergreift. «Ich habe keine Panik, aber ich fühle mich im luftleeren Raum.»

Damit ist sie nicht allein. Auch bei der Rheumaliga heisst es dazu:

«Für diese schwierigen Situationen müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Eine Pauschalempfehlung gibt es leider nicht.»

Silvia Meier wünscht sich, dass Kinder von Risikopatienten gemeinsam unterrichtet würden: «Ihr Verständnis für die besondere Lage ist geschärft, und viele von ihnen haben die Hygienevorschriften verinnerlicht.»

Zudem regt sie zu einer erweiterten Statistik an. «Für gesunde Menschen mag es beruhigend wirken, wenn darauf hingewiesen wird, wie viele der verstorbenen Covid-19-Patienten eine Vorerkrankung hatten. Für uns Risikopatienten ist das aber purer Stress.» Um dem entgegenzuwirken, wünscht sie sich, dass ebenfalls erhoben würde, wie viele Menschen mit Vorerkrankung einen milden Verlauf der Krankheit hatten und wieder genasen.

Sowohl Antje als auch Enrico und Silvia sorgen sich, dass die Vorsicht vieler bald nachlässt.

«Das Virus verschwindet nicht plötzlich. Ich hoffe, dass all die anderen Menschen dies nicht vergessen. Nicht nur zum Eigenschutz, sondern auch zum Schutz der Risikopatienten»

, sagt Antje.

Weitere Artikel unserer Schwerpunkt-Redaktion finden Sie hier:
Schwerpunkt

In die Schweiz vor den Nazis geflohen, in der DDR von der Staatssicherheit verhaftet: Anna – eine deutsch-schweizerische Familiengeschichte

Wie eine deutsche Kommunistin das Bergdorf Göschenen gegen sich aufbrachte und weshalb sie heute noch einen Elektronikhändler aus dem St. Galler Rheintal auf Trab hält. Eine Familiengeschichte über Verrat, politische Gewalt und ideologische Verbohrtheit, erzählt von einem fernen Verwandten.
Text: Pascal Hollenstein, Bilder&Videos: Raphael Rohner