Im Balkondorf über Chiasso

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Kirche mit Aussicht: Blick von der Kirchenterrasse in Richtung Lombardei. (Bild Beda Hanimann)

Kirche mit Aussicht: Blick von der Kirchenterrasse in Richtung Lombardei. (Bild Beda Hanimann)

Tessin Das Abenteuer beginnt in Mendrisio. Dass der Ort eine charmante Altstadt hat und für ein Tessin steht, in dem tatsächlich Italienisch gesprochen wird, das habe ich schon vor einigen Jahren, aber immer noch spät genug, erkannt. Diesmal steige ich nur um. Am Bahnhof steht das Postauto nach Sagno bereit, ein halbes Stündchen Fahrt habe ich noch vor mir. Nach einigen hundert Metern hält der Chauffeur in der Via Motta auf offener Strecke an und wechselt ein paar Worte mit einer Frau. Es geht dann in leicht erhöhter Hanglage durch die Dörfer Coldrerio und Balerna. Da kommt viel zusammen, in den Tallagen des Mendrisiotto: Verkehrsachsen, Industrie, Einkaufszentren, alte Dorfkerne, Rebberge. Ein ziemliches Gewucher, fusioniert gäbe das eine respektable Stadt.

Oberhalb von Morbio Inferiore fängt eine andere Welt an. Wir zweigen von der Strasse ins Muggiotal rechts ab und erreichen vorbei an einem Weiler und einem Restaurant mit dem kuriosen Namen «Heisse Milch» (Lattecaldo) bald Sagno. Ende der Buslinie, Ende der Strasse, wie mir scheint. Ein paar Kilometer weiter östlich ist Italien. Am Eingang des Dorfes steht die Osteria Ul Furmighin, ein stattliches lombardisches Landhaus mit zweistöckiger Loggia, verwunschenem Garten, rustikalem Speisesaal und Cheminée.

Mailänder Dom und Monte Rosa

Sagno liegt hoch über der Ebene, ein Dorfbalkon 500 Meter über Chiasso, perfekt konstruiert, müsste man sagen: Von unten nicht einsehbar, aber mit atemberaubender Aussicht. Eng sind die Gässchen, in der Mitte aber eine halbwegs ebene Fläche, die schmucke Piazzetta San Rocco.

Von da geht es über eine steile Treppe zur Pfarrkirche San Michele hoch. Vom Kirchplatz dann dieses Wahnsinnspanorama. Über die Dächer hinweg geht der Blick linker Hand zum Comersee, zur rechten gleissen die schneebedeckten Walliser und Piemonteser Alpen in den Himmel. Dazwischen in der Tiefe die Hügel im schweizerisch-italienischen Grenzgebiet und die Lombardei. Bei guter Sicht, habe ich irgendwo gelesen, soll sogar der Mailänder Dom auszumachen sein. Und von Morbio Inferiore her sind ab und zu die Glocken der Basilica Santa Maria dei Miracoli zu hören, die zu bestimmten Zeiten eine richtige Melodie erklingen lassen. Dieser muntere Glockenklang, der in den farbigen Herbstwäldern verhallt: Ich könnte süchtig werden danach.

Wildschwein oder Kalbsherz?

Es ist ein Nest zum Sich-Verkriechen, dieses Sagno. Eine Stunde auf der Kirchentreppe sitzen. Für einige Momente ins Kircheninnere schlüpfen. Einige Vokale in den Raum hineinsingen, lange A, O, E oder I, welcher Klang, welche Akustik! Und am Abend gibt es im «Ul Furmighin» Wildschwein mit Kastanien unter der Brotteighaube. Das Kalbsherz vom Grill erscheint mir dann doch etwas gewagt – im Nachhinein bereue ich meine kulinarische Feigheit.

In diesem Dorf, hoch über der Transithektik, möchte man einfach sein und bleiben. Hinein ins Muggiotal wandern, hoch zum Monte Bisbino? Nein, ich mag auch am andern Morgen nicht weg. Erst nach einer weiteren Stunde auf der Kirchenterrasse wage ich den leichten Spaziergang hinunter nach Morbio Inferiore. Und durch die imposante Breggiaschlucht weiter nach Balerna.

Text und Bild Beda Hanimann